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Erdöl im Sudan als nächstes Ziel
Wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß Tony Blair in Bezug
auf den Irak aus dem Schneider ist, dann kam er nicht während der
Unterhausdebatte zum Butler-Report sondern eher bei der monatlichen Pressekonferenz
am folgenden Morgen. Auf eine Frage zur Krise im Sudan antwortete Blair:
"Ich glaube wir haben die moralische Verpflichtung, uns dieser Sache anzunehmen
und zwar mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen." Diese Aussage
bedeutet, daß Truppen entsandt werden können - wie Generalstabschef
General Sir Mike Jackson sofort bestätigte - und doch war die Reaktion
der bekannten Antikriegsaktivisten Stillschweigen.
Mr. Blair hat moralische Gründe für jeden einzelnen der fünf
Kriege angeführt, die er in dieser sicherlich kriegerischsten
Premierschaft der Geschichte geführt hat. Das Bombardement des Irak
im Dezember 1998, das 74-tägige Bombardement Jugoslawiens 1999, die
Intervention in Sierra Leone im Frühjahr 2000, den Überfall auf
Afghanistan im Oktober 2001 und der Irakkrieg im vergangenen März
wurden alle gerechtfertigt mit den glänzenden Gewißheiten, die
aus den Augen des Premierministers strahlten. Blair verteidigte sogar Bill
Clintons Bombardierung der al-Shifa pharmazeutischen Fabrik im Sudan im
August 1998 mit der total unwahren Begründung, dort würde Anthrax
statt Aspirin produziert.
Obwohl sich in jedem Fall der jeweilige Vorwand für den Krieg als
falsch herausgestellt hat oder oder die Kriegsziele nicht erreicht wurden
besteht ein sturer Glaube an die moralische Berechtigung und die Wirksamkeit,
andere Länder zu attackieren. Der Milosovic-Prozeß hat bewiesen,
daß es im Kosovo nie einen Völkermord gegeben hat - obwohl uns
Blair versicherte, daß die Vorgänge dort schlimmer seien als
alles, das seit dem zweiten Weltkrieg passierte. Nichteinmal die politischen
Aktivisten, die das Anklägerbüro des Gerichtshofes in Den Haag
bevölkern nahmen den Vorwurf des Völkermordes in ihre Kosovo-Anklage
auf. Und in zwei Jahren Verhandlung konnte kein einziger Zeuge gefunden
werden, der behauptete, der frühere jugoslawische Präsident habe
Attacken auf albanische Zivilisten im Kosovo angeordnet. Tatsächlich
beweisen Armeedokumente aus Belgrad das Gegenteil.
Wie der Völkermord im Kosovo so existierten auch die Massenvernichtungswaffen
des Irak, wie wir jetzt wissen, nur in den Fieberphantasien von Spooks
und Politikern in Washington und London. Aber Downing Street war jüngst
auch gezwungen zuzugeben, daß sogar Blairs Behauptungen über
Massengräber im Irak falsch waren. Der Premierminister sagte wiederholt,
daß dort 300000 oder 400000 Leichen gefunden wurden, aber die Wahrheit
ist, daß fast keine Leichen im Irak exhumiert wurden und daher weder
die Anzahl der Leichen und noch weniger die Todesursachen bekannt sind.
Im Jahre 2001 wurde Afghanistan angegriffen um Osama bin Laden gefangenzunehmen
und die Taliban daran zu hindern, die Welt mit Heroin zu überschwemmen.
Aber Bin Laden ist noch immer frei während das von den Taliban verhängte
Heroinverbot ins Gegenteil umgekehrt wurde, einem rasanten Ansteigen der
Heroinproduktion, gefördert von den Kriegsherren, die das Land regieren.
Was Sierra Leone betrifft, so steht dieses Land nach einem am 15. Juli
2004 veröffentlichten UN-Bericht (Human Development Report) unter
177 Ländern an 177. Stelle bezüglich Lebensstandard, eine erhabene
Stellung, die das Land innehat seit unsere Soldaten einmarschierten.
Sierra Leone ist buchstäblich das miserabelste Land auf dieser Erde.
So viel zum Versprechen Blairs von einem "neuen Zeitalter für Afrika".
Das Fehlen von Skepsis auf Seiten der Kriegsgegner in Bezug auf die
Aussicht, Truppen in den Sudan zu senden ist besonders merkwürdig
in Hinblick auf die Tatsache, daß es in Darfur (Südwestsudan)
Erdöl gibt. Seit zwei Jahren haben Demonstranten skandiert, es soll
"Kein Blut für Öl" im Irak geben, aber sie scheinen nicht bemerkt
zu haben, daß es im Süden Sudans unerschlossene Ölvorkommen
gibt. Während Ölleitungen im Irak laufend gesprengt werden haben
die Westmächte nicht nur ein klares Motiv, sich andere Ölquellen
zu anzueignen, sondern sogar offiziell erklärt, daß unsere Armeen
genau das bewerkstelligen sollen. Sonderbarerweise befindet sich die Ölkonzession
für das südliche Darfur in den Händen der China National
Petroleum Company. China ist der größte ausländische Investor
im Sudan.
Wir sollten daher die Erklärung des US-Kongresses, in der Region
werde Völkermord begangen mit, Skepsis betrachten. Niemand, auch nicht
die Regierung des Sudan bezweifelt daß es in Darfur einen Bürgerkrieg
gibt oder daß er eine große Anzahl von Flüchtlingen verursacht
hat. Auch die Regierung gibt zu, daß fast eine Million von ihren
Wohnorten in Lager gezogen sind, um vor den plündernden paramilitärischen
Banden Schutz zu finden.
Wegen der verschiedenen Konflikte in den Nachbarländern strotzt
der Sudan vor Waffen. Spannungen zwischen Nomaden und Viehzüchtern
sind gestiegen, da erstere wegen der Ausdehnung der Sahara im Süden
neue Weideflächen suchen. Paramilitärische Banden praktizieren
Straßenraub und jeder Stamm hat seine eigene Privatarmee. Deswegen
hat die Regierung des Sudan 1999 den Ausnahmezustand verhängt.
100000 demonstrierten am 4. 8. 2004 in Khartum gegen die Drohungen
der Westmächte
Aber unsere Medien haben diese komplexe Lage in ein simples Moralmärchen
von ethnischer Säuberung und Völkermord umgewandelt. Sie übergingen
die Tatsache, daß die Janjaweed Miliz er gleichen ethnischen und
religiösen Gruppe angehört wie die Bevölkerung, die sie
angeblich verfolgen. Alle in Darfur sind schwarz, afrikanisch, arabisch
sprechend und moslemisch.
Die Befürworter einer Intervention unterstellen der Regierung des
Sudan, diese Gruppe zu unterstützen ohne zu erwähnen, daß
der Verteidigungsminister des Sudan in einer Rede im Parlament im März
d. J. die Janjaweed-Miliz als Banditen verurteilt hat. Am 19. Juli hat
ein Gericht in Khartum sogar Janjaweed Soldaten zu grausamen Strafen wie
Amputation ihrer Hände und Füße verurteilt. Und warum hören
wir nichts über die Aufständischen gegen die die Janjaweed kämpfen
oder über irgendwelche Grausamkeiten die sie verübten ?
Es ist zweifelhaft, ob die plötzliche Aufmerksamkeit der Medien
für den Sudan von irgendeiner wirklichen Verschlimmerung der Krise
ausgelöst wurde - Ein Friedensabkommen wurde mit den Rebellen im April
abgeschlossen und es wird eingehalten. Die Bilder auf unseren Fernsehschirmen
hätte man im Vorjahr zeigen können. Und wir sollten die Zahl
der Toten mit Skepsis zur Kenntnis nehmen - 30000 oder 50000 sind die Zahlen
die genannt werden - wenn wir wissen, daß ähnliche Statistiken
im Kosovo oder im Irak ganz falsch waren. Die Regierung des Sudan erklärt,
daß die Opferzahlen auf beiden Seiten in Darfur seit Beginn des Konfliktes
im Jahre 2003 nicht größer als 1200 ist. Und warum ist soviel
Aufmerksamkeit auf den Sudan gerichtet, wenn im benachbarten Kongo die
Anzahl der Opfer des dortigen Krieges zwei oder drei Millionen ist, eine
Tragödie, die nur vom Totschweigen derselben in unseren Medien übertroffen
wird ?
Uns werden jetzt sterbende Babys gezeigt, aber kein TV-Sender wird uns
die Verwundeten oder Toten zeigen, die durch unseren Angriff auf den Sudan
zu beklagen sein werden. Humanitäre Hilfe sollte das sein, was das
Rote Kreuz immer sagte, daß es sein soll, politisch neutral. Alles
andere ist nur ein altmodischer Kolonialkrieg - Die Realität des Tötens,
die Eskalation der Gewalt, verkleidet in der heuchlerischen Maske der Selbstlosigkeit.
Wenn uns der irak das nicht gelehrt hat, dann sind wir unfähig jemals
irgendetwas zu lernen.
John Laughland
Monday August 2, 2004
The Guardian
jlaughland@sandersresearch.com
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