VÖLKERMORD IM SUDAN ? 

Wenn ausgerechnet die Amerikaner ihr Moral heuchelndes Wehgeschrei anstimmen und vor selbstgerechter Empörung triefend ganz bestimmte Völker und Staaten zu  „Schurken“ degradieren, weiß der kritische und leidgeprüfte Konsument politisch korrekter  Medienberichte „made in the USA“, daß hier berechtigte Skepsis und gezieltes Rückfragen dringend angebracht sind.

Seit einigen Wochen steht die Republik Sudan medial täglich unter Beschuß. Was wird ihr von Washington vorgeworfen ? Die Liste ist lang : Völkermord (an schwarzen Mitbürgern), Vertreibung von Millionen eigener Bürger, Unterlassung bzw. Behinderung von Hilfsmaßnahmen gegen Hungersnot und drohenden Epidemien, Bewaffnung von „arabischen“ (!) Milizen, die mordend, sengend und vergewaltigend (das eigene Volk) in der Provinz Darfur terrorisieren. So leitartikelt etwa Warren Hoge am 30. Juli in der New York Times und in der International Herald Tribune, daß  wegen des Widerstandes von 7 der 15 im UNO Sicherheitsrat vertretenen Staaten, die von den USA gegen den Sudan eingebrachte Resolution dahin abgeändert wurde, daß nun anstatt  „Sanktionen“, nur mehr  nicht näher definierte „geeignete Mittel“ angewendet werden sollen, falls dieser nicht innerhalb von 30 Tagen die „arabischen“ Milizen entwaffnet und aburteilt, und seine Grenzen für internationale Hilfsaktionen öffnet. Gegen Sanktionen hätten lautstark Algerien, China und Pakistan protestiert,  Frankreich befürworte eine von der Afrikanischen Union herbeigeführte Lösung, während Deutschland „scharfe Maßnahmen“ und Toni Blair gar die Entsendung von Truppen gefordert hätten. Die sudanesische Regierung sei verantwortlich für den Tod von über 30.000 Schwarzafrikanern, für die Vertreibung von über 1,2 Millionen Menschen, für eine Politik also, die von der UNO als „ethnische Säuberung“, von der USA als „Völkermord“ gebrandmarkt würde. Der Sudan sei von der Völkergemeinschaft schon mehrmals wegen Verstößen gegen die Konvention der Menschenrechte und wegen verschiedener Kriegsverbrechen verwarnt worden, hätte jedoch bisher nicht reagiert.

Diese amerikanische Sachverhaltsdarstellung wurde von gleichgeschalteten Agenturen und Medien in Europa in Wort und Bild sofort übernommen, wobei freilich – wie nicht anders zu erwarten – beflissene Ausschmückungen und Übertreibungen nicht fehlen durften. So berichtete am selben Tag der Sender Ö1 (Wien), es seien gar 5 Millionen Menschen vertrieben worden, was bedeuten würde, daß die Gesamtbevölkerung der Provinz  Darfur betroffen wäre. Kein Wort jedoch in unseren Medien darüber, daß am selben Tage sowohl der amerikanische Außenminister Colin Powell, als auch der UNO-Generalsekretär Kofi Annan in New York erklärten: „Wir können den Inhalt solcher Anschuldigungen  nicht bestätigen...“

Eigentlich müßte man ja die zur Schau gestellte tiefe moralische Betroffenheit der amerikanischen Regierung über die Nöte des sudanesischen Volkes als hehres Beispiel allerchristlicher Nächstenliebe und globaler Völkerfreundschaft in den höchsten Tönen loben, wäre da nicht bei allen Völker dieser Welt – insbesondere bei den arabischen und islamischen Völkern – die stets präsente Erinnerung im Wege, daß es ausgerechnet „God’s own Country“ ist, welches seit über einem halben Jahrhundert verläßlich und beständig zu den von Israel angezettelten Eroberungskriegen gegen seine arabischen Nachbarn geschwiegen hat, und welches mit Hilfe seines Veto jede gegen Israel gerichtete UNO-Resolution und geforderte Sanktionen zu Fall gebracht hat. Haben die USA jemals Israel mit „Sanktionen“ bedroht, wenn sein Militär Palästinenser, Libanesen, Syrer, Jordanier aus ihren Dörfern vertrieb, ihre Felder und Plantagen verwüstete, ihre Häuser sprengten, ihr Land stahl. Wo bleibt die amerikanische Entrüstung und Betroffenheit angesichts der vor aller Weltöffentlichkeit tagtäglich begangenen eigenen Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen im Irak und in Afghanistan ? 

WAS GEHT WIRKLICH IM SUDAN VOR ?

Ende des 19. Jahrhunderts hatte die britische Kolonialmacht die Grenzen der gemeinsam mit Ägypten verwalteten Kolonie Sudan mit dem Lineal quer durch den Nordosten Afrikas gezogen, ohne jede Rücksicht auf bestehende Stammesstrukturen, wirtschaftliche Notwendigkeiten der teils seßhaften, teils nomadisierenden Bewohner dieses Landes. Nach bewährter Methode wurden im Sudan verschiedenste Völkerschaften und Stämme ad maiorem gloriam kolonialer Interessen Albions willkürlich zusammengefaßt , die gezwungenermaßen nach dem Zusammenbruch des Britischen Weltreiches nach 1945 allergnädigst  und feierlich „in die Freiheit und Unabhängigkeit“ entlassen werden mußten.

Im Sudan leben heute 30 Millionen Menschen, fünf Millionen davon in der Provinz Darfur. Seit Jahrzehnten kommt es in den subsaharischen Regionen wegen Überbevölkerung einerseits, andererseits wegen des Ausbleibens von Niederschlägen zu Austrocknung und Wasserknappheit, in der Folge zu einem steten Rückgang der verfügbaren landwirtschaftlichen Anbauflächen und Weidegründe, von dem Mali, Niger, Tschad und die westlichen Provinzen des Sudan betroffen sind. In diesen Ländern kommt es deshalb zu blutigen Stammeskriegen um Wasserstellen, Weidegründe und fruchtbare Landstriche. In der Republik Tschad tobt seit 15 Jahren ein Bürgerkrieg, im Grenzgebiet zwischen Mali und Algerien wehrt sich der Stamm der Tuareg gegen die Vertreibung aus seinen letzten Weidegebieten. Welche Kolonialmacht sollte wirtschaftliches oder strategisches Interesse daran haben in einem der ärmsten und unwirtlichsten Landstriche dieser Erde Fuß zu fassen, humanitäre Regung verspüren, um verhungernde, verdurstende Stämme zu retten ? Natürlich die USA ! Der wahre Grund ist, daß die Amerikaner seit  Jahren das gesamte in der Republik Tschad von der französischen  Firma ELF geförderte Erdöl aufkaufen und jetzt auch an die reichen Ölreserven und Uranerzlager im Darfur heranmöchten. Nach bewährtem Muster und mit Hilfe reichlichen Dollarsegens ist es dann nicht schwer, willige Stammesfürsten zu finden, die bereit sind, nach „Unabhängigkeit“ zu rufen und unter das goldene Joch der Petrokolonisation zu kriechen. Kuwait läßt grüßen ! 

Zwei wesentliche Gemeinsamkeiten waren es, die den Stämmen in der neu geschaffenen Republik Sudan den langen und mühsamen Marsch in die Staatswerdung erleichterten :  Die große Mehrheit der Bevölkerung bekannte sich zum Islam, und sie sprach arabisch. Eine Ausnahme bildeten die rein schwarzafrikanischen Stämme im Süden des Landes, darunter Nuer, Schilluk, Dinkas, die christlichen oder  „animistischen“ Konfessionen angehörten, ihre ureigenen Sprachen und Kulturen besaßen und sich nicht der islamisch-arabischen Zentralregierung in Khartum unterwerfen wollten. Fünfzig Jahre dauerte der Krieg,  den das sudanesische Militär gegen die  separatistische, schwarzafrikanische SPLA (Sudan People’s Liberation Army) und SPLM (Sudan People’s Liberation Movement) führte, der Ende Juni dieses Jahres mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrages sein Ende fand. Den schwarzafrikanischen Stämmen wurde darin die ersehnte Autonomie gewährt, ihr Anführer John Garang als  „First Vice-President“ in die sudanesische Regierung entsandt und in sechs Jahren werden die Stämme  darüber abstimmen, ob sie die volle Unabhängigkeit  vom Sudan wollen. 

Natürlich gibt es auch innerhalb der arabisch-islamischen Bevölkerungsmehrheit des Sudan Unzufriedene und Benachteiligte, die der Zentralregierung in Khartum den Vorwurf machen, sie kümmere sich zu wenig um die Einrichtung der nötigen Infrastrukturen in den ärmeren Randprovinzen, würde diese „marginalisieren“, und vor allem die von Hungersnot bedrohten Regionen vernachlässigen. Als vor zwei Jahren die Kämpfe um Wasserstellen, Weidegründe und kargem Ackerland zu regelrechten Stammeskriegen ausuferten, bildeten sich auf Grund jahrhundertealter Beziehungen und Verwandtschaften beiderseits der mitten durch die Wüste verlaufenden, weder erkenn- noch kontrollierbaren Grenze zum Tschad, Allianzen und Stammesverbände, die bewaffnete Milizen aufstellten, um sowohl gegeneinander, als auch gegen die machtlose Zentralregierung, ihre Ansprüche und somit das Überleben ihrer Stämme und Herden durchzusetzen. Zweifellos kommt es bei diesen Kämpfen zu Viehdiebstahl, Plünderungen, Vertreibung, Vergewaltigungen, Mord und Totschlag – auf beiden Seiten. Die Milizen kämpfen unter abenteuerlichen Namen, wie „Tora Bora“, „Peschmerga“, „Fedayin“, oder „Dschandschawid“. Die zuletzt Genannte arbeitet mit der Regierung zusammen und wird von dieser bewaffnet. Allein die Namen, die sich die Milizen zugelegt haben, sind Beweis dafür, wer oder was ihr Vorbild ist. Eine antiarabische, anti-islamische  Miliz würde niemals einen solchen Namen tragen. So viel nur zu der Behauptung, hier führten schwarzafrikanische Freiheitskämpfer einen Verteidigungskrieg gegen völkermordende Araber, die von der sudanesischen Regierung bewaffnet werden.

Am 8. April dieses Jahres trafen sich in Ndschamena, der Hauptstadt des Tschad, Abgesandte der sudanesischen Regierung und Vertreter der zwei wichtigsten Oppositionsbewegungen des Darfur, der „Justice and Equality Movement“ und der „Sudan Liberation Army“, und vereinbarten einen Waffenstillstand. Im Unterschied zu den nichtarabischen und nichtislamischen Schwarzafrikanern des Südsudan, fordern die Aufständischen des Darfur keine Autonomie, sondern Gerechtigkeit und Hilfe seitens des sudanesischen Staates.

Angeheizt wird der innersudanesische Konflikt durch Einmischungen von außen. Sudanesische Medien berichten von Waffenlieferungen, die mit oder ohne Wissen der französischen Hegemonialmacht aus dem Tschad in den Darfur geschmuggelt werden. Horrorberichte über Massenvergewaltigungen, Niederbrennen von Dörfern, Massenhinrichtungen von Flüchtlingen, werden samt dazu passendem Bildmaterial von professionellen Schlachtenbummlern und spezialisierten Agenturen um viel Geld den Medien und NGOs (nichtregierungsabhängige Hilfsorganisationen) angeboten.

Überall auf der Welt, wo Hungersnot und Elend herrschen, trifft man auf Organisationen, die – aus welchen Motiven auch immer – Hilfe leisten wollen. Je größer und medienwirksamer das Elend, umso stärker die Präsenz dieser Organisationen, und freilich auch deren unerbittlicher Verdrängungskampf um Budgets, Fördermittel und Spenden aus aller Welt. Hier trifft man nicht nur auf selbstlose Ärzte und Pflegerinnen, die auf Honorare und Urlaub verzichten, auf Studentinnen und Handwerker, die für ihre Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe keinen Lohn erwarten, sondern auch  auf beinharte Verkaufskanonen und Werbefachleute in Sachen „Humanität“. Denn bei der Vermarktung des menschlichen Leidens geht es um viele Millionen, und deshalb sind die Profis vieler NGOs, ob in Vietnam,  Äthiopien, Somalia, Ruanda, Albanien, ob nach Überschwemmungs- oder Erdbebenkatastrophen und überall wo es gerade „kracht“  - wie der Igel - all schon da. Die abgebrühte Werbebranche lehrt: Je stärker der Druck auf die Tränendrüsen, umso höher die Eingänge auf die Spendenkonten. 

Egal ob aus den Werbeetats von Sponsoren und Konzernen, von Sparbüchern reicher Witwen oder aus den Sparschweinen ganzer Volksschulklassen: Tatsache ist, daß der Spendenstrom nur allzu oft und weit an den tatsächlich Betroffenen vorbeifließt.

Die Regierung des Sudan hat nicht untätig auf das Drängen der USA gewartet, um Hilfsmaßnahmen im Darfur in die Wege zu leiten. Sie hat Zeltlager für Flüchtlinge eingerichtet, 6000 Polizisten zur Entwaffnung der Milizen entsandt. Mitte Juli sollte in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba die nächste Gesprächsrunde zwischen der Regierung und der Opposition des Darfur stattfinden, doch diese bestand auf  zwei Vorbedingungen: Erstens lehne sie Verhandlungen in Addis Abeba ab, zweitens müsse die Armee vorab aus dem Darfur abgezogen werden. Darauf antwortete die Regierung, es sei ihr egal, wo die Verhandlungen stattfänden, doch könne sie dem Abzug der Armee aus einem Teil des Staatsgebietes unmöglich zustimmen.  Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die USA der Opposition im Darfur den Rücken stärkt und die Destabilisierung des Sudan – eines „Schurkenstaates“ – beabsichtigt.

Auch im Sudan hat man es längst aufgegeben, irgendwelche Hoffnungen in die Europäer zu setzen, sie könnten vermittelnd und mäßigend auf die Scharfmacher in Washington einwirken. Gelegentliche Mahnrufe eines Javier Solana oder  Romano Prodi an die Adresse Washingtons haben dieselbe Wirkung wie weiland im Zweiten Weltkrieg die Friedensappelle des Papstes, des Dalai Lama, des Präsidenten des Roten Kreuzes an die Kriegsherren Adolf Hitler, Winston S. Churchill und Josef Stalin. Die sudanesische Regierung, das sudanesische Volk, hoffen, daß einige Regierungen in Europa, die sich noch eigenständig zu denken und entscheiden getrauen, selbstlose humanitäre und logistische Hilfe leisten werden. Im Sudan war man deshalb besonders vom deutschen Außenminister Joschka Fischer enttäuscht, der Ende Juli Khartum einen Kurzbesuch abstattete, doch weder als Vermittler, noch als Helfer auftrat, sondern in ultimativer Form die schon bekannten Behauptungen und Forderungen  „made in Washington“ vorbrachte und damit  den Verdacht erhärtete, Berlin dürfe keine unabhängige und ausgewogene Nahostpolitik betreiben. Denn würde Fischer eine solche anstreben dürfen, dann hätte er ja eine Zwischenlandung in Tel Aviv einlegen müssen, um ebenso mit der israelischen Regierung wegen ihrer Besatzungs- und Vertreibungspolitik in Palästina Tacheles zu reden.

Die USA haben ihren Druck auf Khartum erhöht, seitdem der Sudan mit chinesischer Finanzierung und Unterstützung daran gegangen ist, Erdöl zu fördern und über eine Ölleitung nach Port Sudan am Roten Meer zu leiten. Auch eine indische, eine schwedische und die malaisische Ölfirma Petronas haben sich im Sudan engagiert, während sich die österreichische OMV, laut gut unterrichteten Quellen, dem „sanften Druck“ der Amerikaner gebeugt haben soll und daraufhin aus dem Sudan zurückzog. Aus einer „autonomen“ oder vom Sudan abgespaltenen Provinz Darfur könnten die USA die Chinesen leicht vertreiben und sich Erdöl und Uranerz ganz alleine unter den Nagel reißen. Um die Weltöffentlichkeit auf einen möglichen Präventivschlag gegen den „Schurkenstaat“ Sudan aus „humanitären Gründen“ à la Irak propagandistisch vorzubereiten kann es deshalb nicht verwundern, wenn amerikanische Nachrichtenagenturen melden, daß „die Syrer“ (!) der sudanesischen Regierung mit dem Einsatz von Giftgas beim „Völkermorden“ im Darfur aushelfen, eine Meldung die von „Die Welt“ am 15. 9. und von „Die Presse“ am 20.9. übernommen wurde. Soll damit die Weltöffentlichkeit auf einen Präventivschlag à la „Desert Storm“ eingestimmt werden ? Man merkt die Absicht, und ist verstimmt.

Richard Melisch (Autor des Buches „Pulverfaß Nahost“, Verlag Grabert-Hohenrain, 2003.)

[9. Oktober 2004]

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