FAZ unterstellt der Kronenzeitung Führerkult Ein Gedicht, das im Zusammenhang mit einer Besprechung des zweiten Teiles der Fernsehserie "Taxi Orange" in der Kronenzeitung erschien, veranlaßte eine erfolgreich umerzogene Kommentatorin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu wüsten Spekulationen, die am 25. 4. veröffentlicht wurden. Hier ein Auszug:
"Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel - wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint:
"Fürwahr, ein großer Tag ist heut!
Ich hab mich lang auf ihn gefreut,
es feiern heute Groß und Klein
zumeist daheim im Kämmerlein,
doch manche auf der Straße auch
den unverzichtbar schönen Brauch
bei dem, von Weisen inszeniert,
Gesellschaft zur Gemeinschaft wird.
Ihm sei's zur Ehre, uns zum Heil."Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den "Endreim" nennen könnte. Der lautet nämlich: "Taxi Orange, der zweite Teil!" Dieses "Gedicht" erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der "Kronenzeitung", verfaßt von ihrem berüchtigten "Hausdichter" namens "Wolf Martin". Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von "Taxi Orange", der österreichischen Version von "Big Brother"? Jene Kritiker der "Krone", denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. Seit je unterstellt man der österreichischen Gesellschaft mit einigem Recht, sie sei für Ressentiment und Antisemitismus durchlässiger als etwa die bundesdeutsche. Eine Grauzone von schickem Vorurteil und augenzwinkerndem Rassismus durchwächst elastisch alle Schichten. Was sich gehört und was schon lange nicht mehr, wurde nie verbindlich festgelegt in diesem Land. Eher wurde es seit Waldheim in einer Art Trial-and-error-Spiel "erlernt", und es waren die Reaktionen aus dem Ausland, die als der Kuhzaun wirkten, der bei versuchter Grenzüberschreitung Stromschläge verteilt. Als schlimmster Vorwurf gilt in Österreich hingegen, "keinen Spaß zu verstehen". Von der "Dämonie der Gemütlichkeit" schrieb einst Hilde Spiel. Diese Dämonie nimmt in letzter Zeit beträchtlich zu, die sogenannten Späße, die sogenannten Mißverständnisse. Österreich hat zwar kein Skinhead- und kein rechtes Gewaltproblem. Doch statt dessen gibt es ständig diese "Ausrutscher" in gesellschaftlich so akzeptierten Zusammenhängen wie eben der größten Tageszeitung, die dann mit erstaunlichster Unverfrorenheit kleingeredet werden, nach dem sehr österreichischen Motto: "Nur net aufregen". Ein FPÖ-Funktionär ehrt langjährige Parteimitglieder mit dem Satz "Unsere Ehre heißt Treue"? Oh, er hatte keine Ahnung, daß es sich um den Leitspruch der Waffen-SS handelt! Er entschuldigt sich betreten, und alles ist wieder gut.
Ausgerechnet dessen Pressereferent wurde dieser Tage darum ersucht, die Begrüßungsmusik seiner Handy-Mailbox zu ändern: Dort war eine Sequenz aus Franz Liszts "Les Preludes" zu hören, die ganz zufällig von der Kriegswochenschau gern als Signation für "Sondermeldungen der Wehrmacht" verwendet wurde, wie "profil" berichtet. Die Rechtfertigung des Freiheitlichen ist klassisch: "Für mich war das irgendeine Melodie. Ich hatte auch schon Pink Floyd drauf." Ein Land voller Unschuldslämmer eben, die von allen Fettnäpfen immer ausgerechnet in die braunen treten. Dabei wäre allein ihre ostentativ herausgekehrte Geschichtsunwissenheit bereits Provokation genug. Am Aschermittwoch stellte Jörg Haider, mit Bezug auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, die rhetorische Frage, wie jemand, der "so viel Dreck am Stecken" habe, ausgerechnet Ariel heißen könne. Sein Publikum johlte. Dreck am Stecken, Drecksau, Saujud; Ariel, Waschmittel, Säuberung, Seife - aber solche bösen Assoziationen werden ja angeblich nur von den hysterischen "Gutmenschen" hergestellt. Jörg Haider hält seine Wortwahl für "notwendige politische Diskussion": Es dürfe nicht verboten sein, "jemanden zu kritisieren, der sich in einer schwierigen Lage im Ausland negativ über Österreich geäußert hat", noch dazu einer, "der einmal zugewandert ist und dem Österreich eine friedliche Heimat geworden ist". Jude, heimatloser Geselle, undankbarer Vaterlandsverräter - ein antisemitisches Stereotyp ist beinahe zu hundert Prozent erfüllt, doch Haider und sein Publikum können es vor lauter Lachen einfach nicht erkennen, genauso wie viele Kommentatoren das noch immer nicht für eindeutig genug hielten, um sich zum Protest aufzuschwingen. Wo beginnt eigentlich der Antisemitismus, der öffentlich auch als solcher begriffen wird? Vermutlich erst, wenn Juden körperlich attackiert werden.
Wie die BRD verfügt Österreich über ein Verbotsgesetz. Es stellt die "Wiederbetätigung für den Nationalsozialismus" unter Strafe. Solche Gesetze sind in Demokratien, welche ja grundsätzlich auf der Meinungsfreiheit fußen, problematisch genug. Doch wenn man schon überzeugt ist, sie haben zu müssen, etwa weil man es als Täterland den Opfern schuldig ist, dann soll man sie auch anwenden. Denn wo beginnt diese Wiederbetätigung? Erst, wenn in der "Kronenzeitung" an Hitlers Geburtstag wirklich "alles Gute, lieber Führer" steht, anstatt daß ein waghalsiger Salto zu "Taxi Orange" geschlagen wird, der ohnehin bloß dazu dient, allen "politisch Korrekten" eine lange Nase zu drehen, während das Zielpublikum schon genau verstanden hat? Wolf Martin ist ein Fall für den Richter.
Eva Menasse, FAZ v. 25. 4. 2001"
[25. April 2001]