Zehn kleine Negerlein

Der „Antidiskriminierungsstelle gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, einer Behörde der rot-grünen Niedersächsischen Landesregierung in Hannover ist ein spektakulärer Coup gelungen. Sie hat dafür gesorgt, daß die „Zehn kleinen Negerlein“ aus den Regalen der deutschen Buchhandlungen verschwinden. Weil sich in Hannover lebende Afrikaner durch das Wort „Negerlein“ diskriminiert fühlen, soll die Neuauflage des gleichnamigen Krimi-Klassikers von Agatha Christie jetzt umbenannt werden. Die Erben der Autorin in London versprachen, nach einem unverfänglicheren Titel für den 1939 erschienenen Roman zu suchen, der im Original „Ten little niggers“ hieß, bevor er den politisch korrekteren Namen bekam: „And then there were none“ (und dann waren keine mehr übrig). Zwar tauchen in diesem Krimi gar keine schwarzen Figuren auf – es geht um zehn bleichgesichtige Mitglieder einer illustren Gesellschaft auf einem Landschloß, die der Reihe nach ins Jenseits befördert werden. Aus diesem Grunde benannten auch die deutschen Übersetzer die Geschichte nach dem gleichnamigen Abzählreim: „Zehn kleine Negerlein“ Jahrelang nahm an diesem Titel niemand Anstoß – bis, bis in Hannover die Antidiskriminierungsstelle mobil machte. Den Stein hatte das Theater am Aegi in Hannover ins Rollen gebracht. Im März wird dort das Theaterstück mit dem anstößigen Namen gezeigt, und die bloße Ankündigung brachte mehrere politisch korrekte Bürger in Rage. Der Bund der türkisch-europäischen Unternehmer erklärte sich solidarisch mit den geschmähten „Negerlein“, und auch der hannoversche Verein „African Action“ schaltete die Antidiskriminierungsstelle ein. „Wir sind empört, daß dieser Titel immer noch benutzt wird“, sagte ein Sprecher von "African Action". 

Dabei hat der Deutsche Presserat 1995 verfügt, daß „Neger“ kein Schimpfwort sei....Hannovers Buchhändler mochten die Freude über den Sieg im Titelkrieg nicht teilen. Heinz-Walter Hebestreit von Sachse &Heinzelmann z. B. stellte am 6. 3. 2002 vorsichtig nur eine Frage: „Ist das nicht ein bißchen albern?“  Viele Bürger fragen sich jetzt: Haben Hannovers Ausländer keine dringenderen Probleme? Kritik kam auch aus der Politik. CDU-Fraktionschef im Niedersächsischen Landtag Rainer Lensing hält Behrendts Kampagne gegen die „Zehn kleinen Negerlein” für Aktionismus. Der Titel des Krimis müsse in Bezug zum geschichtlichen Hintergrund gesetzt werden, meint Lensing. Die Behörde koche ein Thema hoch, das gar keines sei – wohl um zu dokumentieren, dass es sie noch gebe. Auch FDP-Fraktionschefin Claudia Winterstein kann den Kampf gegen den Krimi-Titel nicht richtig nachvollziehen. „Die Behörde sollte sich lieber um alltäglichere Probleme kümmern.” Dagegen spricht der Grünen-Fraktionschef Lothar Schlieckau, dessen Partei die kleine Behörde erfunden hat, von einem „Erfolg”. Behrendt habe nur getan, was von ihm erwartet werde. Seine Aufgabe sei es schließlich, Beschwerden von betroffenen Ausländern nachzugehen. „Das ist eine Aufgabe neben vielen anderen”, betonte Schlieckau. Die „Antidiskriminierungsstelle” gehört zum Interkulturellen Referat – einer Abteilung mit 5,5 Mitarbeitern und einem jährlichen Etat von 500 000 Euro, die 1998 auf Betreiben der Grünen eingerichtet wurde. Eine entsprechende Forderung ist im Koalitionsvertrag zwischen SP und Grünen verankert. Die Leiterin des Referats, Arzu Altug, versteht sich als Fürsprecherin der rund 75 000 Ausländer, die in Hannover leben – sei es in der Stadtplanung oder in der Jugendhilfe. Im Gegensatz zur städtischen Frauenbeauftragten sind Altugs Aufgaben aber nicht rechtlich geregelt, da es noch kein Gleichstellungsgesetz für Ausländer gibt. „Ein Manko”, kritisiert die Referatsleiterin, deren Abteilung direkt dem Oberbürgermeister unterstellt ist. „Ich kann immer nur hoffen, dass meine Vorschläge wohlwollend von der Verwaltung geprüft werden.

[8. März 2002]

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