Die Zins-Schuldenfalle beenden, Komplementärwährungen fördern.

Wie will die EU in einem Wirtschaftssystem, das auf Schuldenwachstum infolge der Vermögensverlagerung von der Arbeit zum Geldbesitz durch Zins und Zinseszins angelegt ist, dem Fiskus eine Grenze setzen? Ein Festhalten an den Stabilitätskriterien wäre unlogisch. Zins und Zinseszins lassen die Geldvermögen langfristig lawinenartig anwachsen. Auf der anderen Seite entstehen gleich hohe Schuldenberge. Das ist die "ökonomische Logik", von der Hans Eichel gerade spricht! Wenn der private und der gewerbliche Sektor keine Schulden mehr macht, muss der Staat einspringen, damit die Wirtschaft nicht in eine Deflation abrutscht. Für Export-Deutschland wäre das eine Katastrophe, weil der Absatz irgendwann zum Erliegen käme. Zudem würden die Schulden aufgewertet. Darum wird seit ja seit Jahrzehnten eine schleichende Inflation, also Geldentwertung, praktiziert. So war die "harte D-Mark" ein Volksverdummungsmärchen. Zum Zeitpunkt der Euro-Umstellung war sie nur noch 25 Pf. wert!

Momentan wächst der deutsche Schuldenberg durch Zins und Zinseszins um etwa 2500 Euro pro Sekunde ( www.steuerzahler.de , siehe Schuldenuhr). Diese Schulden werden mit neuen Krediten bezahlt. Für sinnvolle Investitionen bleibt nichts über. Die Zinsschulden stehen im Etat schon an zweiter Stelle und verzeichnen dort einen enormen Zuwachs. Wirtschaftswachstum ist keine Lösung, sondern selbst ein Problem. Schließlich steigen Zinsschulden exponentiell, würde die Wirtschaft das auch versuchen, gäbe es eine ökologische Katasrophe. "Wirtschaftswachstum" bedeutet, von Jahr zu Jahr immer mehr produzieren und verbrauchen! Dieser Prozeß stößt auf unserer Erde auf eine natürliche Grenze.

Der Staat steckt in einer Zwickmühle. Kürzt er seine Ausgaben, um Schulden abzubauen, schwächt er die Nachfrage noch mehr. Macht aber der Staat weiter wie bisher, nehmen Schulden und Zinslasten weiter zu und werden auf die Nachfolgegenerationen abgewälzt, von der Gefahr eines Staatsbankrotts ganz zu schweigen. Wenn hier in Deutschland jemand das Wiederaufkeimen des Rechtsradikalismus verschuldet und sogar fördert, dann ist es die verantwortungslose herrschende Geldpolitik, die die Massen arbeitslos macht, Firmen- und Bankenpleiten am laufenden Band produziert und die Menschen zur Verzweiflung treibt. Die einzige gerechte und nachhaltige Lösung ist eine Geldreform, die den Zinswahnsinn stoppt. Diese Zusammenhänge dürfen den Menschen nicht länger durch Politik und Medien verschwiegen werden.

Statt die Geldverleiher durch die irrationale Zinsschulden-Spirale immer reicher und die Volkswirtschaften immer ärmer und handlungsunfähiger zu machen, sollte das Horten von Geldvermögen und das Erpressen hoher Zinsen für deren Freigabe (Kredite) durch eine Hortungsgebühr verhindert werden. Dies brächte eine Umlaufsicherung des Geldes, die ein gerechtes, friedliches und nachhaltiges (weil ökologisch sinnvolles) Wirtschaften überhaupt erst ermöglicht. Weltweit nimmt die Anzahl regional begrenzter "Komplementärwährungen" zu (einfach mal googeln!, für Deutschland siehe auch www.regionetzwerk.org/public). Sie sind eine Vereinbarung innerhalb einer Gemeinschaft, etwas zusätzlich neben dem offiziellen Geld als Tauschmittel zu akzeptieren, ohne die Standardwährung gänzlich zu verdrängen. Die Komplementarität bewirkt die Stabilisierung räumlich definierter Wirtschaftskreisläufe, wo eine Monopolwährung einen konstanten Geldfluß nicht gewährleistet. Diese Projekte machen Mut, weil sie durch das Prinzip "Regionalisierung statt Globalisierung" dem perversen Raubtierkapitalismus, der heute überall herrscht, ein friedliches Ende bereitet. Höchstwahrscheinlich wird der Stabilitätspakt in wenigen Jahren zusammenbrechen. Besonders dann, wenn den Menschen weiterhin die wahren Ursachen für den völlig absurden Spar- und Wachstumszwang verschwiegen werden und eine friedliche Revolution des Geldwesens vielleicht zu spät beginnt.

Ulrich Rosemeyer, Gifhorn

[11. September 2004]


 
ENRON- und Argentinien-Pleite

Wer nur noch eine Jacke hat, muß das Loch im Ärmel mit einem Lappen aus dem Kragen flicken. Ist das Tuch schon brüchig, wird auch der Flicken nicht halten. Diese Erfahrung blieb dem New Economy Yuppie Keneth Lay für seine Firma Enron so wenig erspart wie Präsident de La Rua für Argentinien. Beide sind beispielhaft; dem Internationalen Währungsfond und uns stehen solche Erfahrungen noch bevor.

Im Jahr 2000 konnte sich Lay noch 132 Millionen US$ als Bonus privat in die Tasche schieben. Anfang 2001 sind die Gewinne bei Enron angeblich noch einmal um 28% gestiegen, nachdem sie in den 4 vorhergegangenen Quartalen jeweils schon um 77% gestiegen waren. Kein Wunder, daß Lay wegen seiner innovativen Handelspraxis das heißt dem Handel mit vornehmlich "virtuellen" Werten, in den USA zu einem der berühmtesten Geschäftsmänner aufstieg.

Die sogenannte Deregulierung der Energiemärkte in den USA brachte gewaltige bis 1.000-fache Verteuerung der Strompreise und Enron jene alle Vorstellungen sprengenden Gewinne. Lay hatte unter dem Eindruck weiter steigender Preise langfristige Lieferverträge abgeschlossen und darüber hinaus die plötzlich aufgerissene Preisdifferenz zu gewagten Derivat-Wett-Geschäften benutzt. Doch dann stoppte Governor Davis von Kalifornien unter dem "politischen" Druck der Straße den Monopolpreiswucher und führte teilweise wieder die alten Regulierungen für die Strom, Erdgas und Wasserversorgung ein. Als die Preise nicht weiter angehoben werden konnten, brach das innovative Derivatgeschäft in sich zusammen. Lay buchte noch rasch die über Jahre hinaus abgeschlossenen Energielieferverträge als persönlichen Gewinn und kassierte vorab die Provision. Danach ließ sich der Bergrutsch nicht mehr verheimlichen und vermasselte ihm sein krönendes Abschlußgeschäft. Lay wollte nämlich noch schnell den ganzen Laden seinen Kollegen aufs Auge drücken. Das ging aber nicht so schnell, wie der Boden unter Enrons Füßen wegbrach. Und so muß der arme Mann nun ohne diese Abschlußprovision zum Konkursrichter. Lay war ein "pointman", seiner Geschäftspraxis folgten Tausende begeisterte Anhänger des virtuellen Wirtschaftens.

Es heißt Enron habe 24,7 Milliarden Dollar Guthaben, wie viel davon "real" ist, also in Form von Pipelines und Kraftwerken vorliegt und was die wirklich wert sind und wieviel virtuell in Form von abgeschlossenen Lieferverträgen und sonstigen virtuellen Geschäften existiert, läßt sich noch nicht sagen. Noch ungewisser ist, wie viel Schulden aufgetürmt worden sind. Zuerst sprach man von 13,1 Milliarden US$ Schulden, inzwischen ist man bei 31 Milliarden. Hierbei handelt es sich um reale, verbriefte Schulden. Hinzu kommen dann noch geschätzte 27 Mrd. US$ Verbindlichkeiten aus Handels- und Derivatverträgen. Doch diese Zahlen kennt noch niemand, weil Derivatverträge ihrem Wesen nach unter dem Ladentisch abgeschlossen werden und nicht in den Büchern stehen. Inzwischen sind in Japan Banken, die Enron großzügig Kredit gewährt hatten, erneut in die Schieflage gekommen. Sie werden nicht die einzigen sein. Jedenfalls war Enron ein Pionier im Neuen Handel mit virtueller Ware - möglicherweise handelte man dort auch schon mit CO2-Quoten und ähnlichen "Werten". Mit Sicherheit schaffte Enron den bisher größten Firmenbankrott in der diesbezüglich nicht zimperlichen US-Wirtschaftsgeschichte. Nun rätselt man, wer die Zeche bezahlen muß - ob das auch "virtuelle" Leute sein werden? Den Vorstand wird es nicht treffen, der hat wie der Vorsitzende seine Schäfchen längst ins Trockene gebracht. Das wiederum hatte de La Rua nicht nötig. Als demokratischer Politiker in der Gnadensonne der westlichen Führungsmacht kann er auf feste Gehalts- und Pensionszusagen rechnen, die ihm die Argentinischen Regierung zusätzlich zum Schuldendienst aus dem argentinischen Volk herauspressen wird. Da spielt es keine Rolle, daß zu Gunsten der notleidenden internationalen Finanzwirtschaft der argentinische Staat den kleinen Leuten und Rentnern die spärlichen Bezüge bereits um bis zu 20% gekürzt hat und jetzt sogar die Pensionskassen - gegen Schuldschein, versteht sich - beschlagnahmt, um die Zinsen der Staatsschulden bezahlen zu können. Auch die etwas wohlhabenderen Argentinier werden freimarktwirtschaftlich zur Kasse gebeten. Sie dürfen wöchentlich nicht mehr als 250 US$ von ihren eigenen Guthaben auf den dollarisierten Konten abheben, und bald wird auch dies mangels Masse in der Staatskasse nicht mehr möglich sein - US-amerikanische Schulden sind nun einmal heiliger als die Jungfrau Maria. 

Es zeigt sich wieder: Die Politik des internationalen Währungsfonds (IWF) war in Argentinien wie in über achtzig ähnlichen Fällen vorher schon ein durchschlagend voller Erfolg. Die Staatseinnahmen sanken im November um weitere 11,6%. Davon entfällt das Meiste auf die um 40,2% gesunkenen Einnahmen aus der Mehrwertsteuer. Um 38,6% fielen die Erträge aus der Import- Export Steuer. Die Menschen dort können sich nichts mehr leisten. Viele Geschäfte, die nicht den allernötigsten Tagesbedarf anbieten, schließen inzwischen, weil sich kein Kunde mehr blicken läßt, - ähnlich die heimischen Zulieferbetriebe. Auch die neu eingeführte Steuer auf Kapitaltransaktionen, durch die der Staat an der Kapitalflucht wenigstens mitverdienen wollte, sank um 9,3%, weil jeder, der noch etwas zu verschieben hatte, dies längst getan hatte. Experten rechnen damit, daß die Regierung im Dezember noch einmal 15% weniger Steuern einnehmen wird - von wem auch. Die Arbeitslosigkeit stieg mittlerweile auf 18,2% und dazu kommt etwa die gleiche Anzahl an Unterbeschäftigten. Nun verweigerte der IWF auch noch die versprochene Kreditspritze, weil die Regierung keinen ausgeglichenen Haushalt hinbekommen hat, weil die Pleiten sich rascher durchsetzten, als die Regierung Geld aus der Wirtschaft herauspressen konnte. Nun verlangt der IWF das freie Floating des Pesos. Die Folgen sind absehbar. Jede Firma und jeder Haushalt mit Auslandsschulden wird in kürzester Zeit bankrott sein. Er bekommt - wenn überhaupt - wertlose Pesos und soll damit wahnsinnig überhöhte Dollarschulden begleichen. Die Folge wird die Übernahme der verbliebenen produktiven Kapazitäten Argentiniens durch ein bestimmtes Ausland und die restlose Dollarisierung des Landes sein - pax americana.

Viele Provinzen sind inzwischen dazu übergegangen, eigenes Notgeld zu drucken, um unabhängig von der Wirtschaftspolitik der auslandshörigen Regierung notdürftig weiter wirtschaften zu können. Das Land droht in terroristische Regime, die nicht zahlen wollen zu zerfallen. Der aufsässige Gewerkschaftsführer Hugo Moyano wirft der Zentralregierung vor, "sie beschlagnahme virtuell die Löhne und Guthaben der Argentinier und mache sie zu Geiseln wucherischer Banken"; er nennt die Dollarisierung "das Endstadium der nationalen Erniedrigung und den Beginn der Rekolonialisierung Argentiniens" und weiter "aus Argentinien sauge eine Finanzdiktatur den Wohlstand der Nation und ließe die Bewohner in einer verzweifelten Lage zurück". Wenn der Tisch erst einmal leer geräumt ist, ist es müßig, sich mit terroristischen Reden nach Verantwortlichen umzusehen.

Pyramidenspiele sind alt. Als wir jung waren, empfahl man uns, an nur vier Adressen Ansichtskarten mit ein paar besonderen Einträgen zu schicken, um dann eine Flut schöner, bunter Karten aus aller Welt zurückgeschickt zu bekommen. Es kam aber nie eine Karte an. Das Konzept leuchtete ein, ebenso der Grund, weshalb keine Karte kam. Wer zuletzt kommt, den.... "Wenn nur jeder., dann würde es klappen". Aber es tut nicht jeder, selbst wenn er gewollt hätte. Denn es war schwer, jemanden zu finden, der dumm genug war, es mit vier Postkarten und deren Porto zu versuchen. Doch wenn es ums Geld geht, ist es etwas anderes. Jetzt ist das Internet voll von Angeboten, an 5 Leute je 5 Dollar zu schicken, um dann im Geldsegen quasi zu ersticken. Die Werbeargumente sind gut aufgemacht. Viele "konkrete" Adressen geben an, wie sie nach anfänglichem Zaudern und Zögern ungläubig doch mitgemacht hätten und wie dann der Geldsegen über sie hereingebrochen sei. Sind solche Angebote "unseriös"! Es kommt darauf an. Für den, der noch unabhängig ist, sind sie es. Vielen anderen bieten sie einen letzten Strohhalm vor dem Versinken. Vielleicht bringt's ja doch was, wenn nicht, kommt es auf die 25 US$ mehr Schulden auch nicht an. Vielleicht funktioniert es unter diesen Bedingungen tatsächlich, jedenfalls solange wie sich noch Dumme, die aufspringen könnten, finden lassen. Offensichtlich geht es den Leuten aber noch "viel zu gut" - sagen die professionellen Pyramidenspieler.

Wenn Firmen wie Enron oder Regierungen wie die Argentiniens das gleiche tun, wenn man an der Börse Geld spielend verdienen kann und dafür in den Medien gefeiert wird, dann müssen solche Spiele einfach gewinnbringend sein - solange man nicht zu den letzten gehört. Der Handel mit virtuellen Waren, die gesamte virtuelle Wirtschaft war gewinnbringend und umweltfreundlich, bis - ja bis der letzte Bäcker Pleite gegangen ist und den Ertrag aus der Konkursmasse an der Börse eingesetzt hat. Wer gewohnt ist, "Experten" zu folgen und ein paar Dollar übrig hat, spielt mit. Wem das Spiel am meisten bringt, ist ein angesehener Mann oder Frau. Die anderen, Nörgler oder gar Terroristen. Wen kümmert bei richtigen beim virtuellen Wirtschaften, was aus den realen Leuten wird - Hauptsache "mein" Geld!

So schwer es im Fall der Postkarten war, jemanden zu finden, der mitspielt, so schwer ist es am Schluß der Spekulationseuphorie Leute, wenn sie schon überschuldet sind, zu überreden, noch einen Kredit aufzunehmen, um etwas zu kaufen - es sei denn, man bietet ihnen an, sich ohne Zinsen bedenkenlos weiter verschulden zu dürfen. "Wie?", fragen Sie, "wo gibt es denn so etwas, sich ohne Zinsen zahlen zu müssen, weiter verschulden zu dürfen?" Nein, ich rede nicht von Japan, dort können das nur die Banken (Ob Silvio Gesell seine Freude daran hätte?). Aber Sie könnten sich als US-Bürger seit Oktober in den USA einen neuen Ford oder einen anderen Neuwagen der Drei Großen Autofirmen kaufen. Sie bekommen ihn auf Kredit zu 0% Zinsen. Auf diese Weise soll das "Konsumentenvertrauen" in den letzten Monaten des Jahres noch einmal rund 16 - 18 Mrd. Dollar Kaufkraft ausgeschwitzt und die Statistiken entsprechend schön gefärbt haben. In der virtuellen Wirtschaft zählt Psychologie.

Im Grunde geht das Prinzip Psychologie in der Wirtschaft auf Karl Marxens Dissertation zurück: Er widerlegte dort Kants Kritik am perfektionistischen Gottesbeweis (vom denkbar vollkommensten Wesen ließe sich das Prädikat zu existieren nicht wegdenken). Kant hatte hämisch auf 100 Mark verwiesen, die er sich so vollkommen wie nur möglich gedacht habe und trotzdem nicht im Geldbeutel vorgefunden hatte. Marx gab ihm unrecht. Hätte er sie wirklich vollkommen denkbar gemacht, dann hätte er diese hundert Mark schließlich auch im Geldbeutel gehabt - als Kredit. Doch zurück zur "Realität".

Zwar stiegen bei Ford (und den zwei anderen Großen) die Autoverkäufe unter der Bedingung 0% Zinsen im Oktober und November noch einmal an. Sie blieben trotzdem im Vergleichszeitraum noch immer 6,6% niedriger als im letzten Jahr, obwohl das nur die im nächsten Jahr anstehenden Autokäufe vorverlegte. Ob bei dem Verkaufskonzept das gleiche Motiv wie bei Enron wirkte, der Wunsch, noch schnell ein paar "Provisionen" zu realisieren ehe alles zu spät ist, weiß ich nicht? Gewiß herrscht die gleiche Geschäftspraxis.

Daß so etwas nur kurzfristig funktioniert, wissen die drei Großen Autofirmen. Weil sie mit keinem Käufer rechnen können, der ihnen den ganzen Laden abkaufen würde, müssen sie andere Schlüsse ziehen. Sie kündigen Entlassungen und Werksstillegungen an. Da sie und solange sie mehr Leute entlassen als ihr tatsächliches Geschäft zurückgeht, können Experten daraus Produktivitätssteigerungen errechnen, was "psychologisch" Aufschwungshoffnungen wecken kann, wenn andere Experten - wie Greenspan - medienwirksam auf diese Produktivitätssteigerungen hinweisen. Die Finanzbuchhalter an der Konzernspitze wissen, daß sie sich mit dem teuren 0% Kreditangebot selbst finanziell ins Bein geschossen haben, aber die "psychologische" Wirkung steigender Verkaufszahlen war es ihnen wert. Nachdem Ford in den ersten 9 Monaten des Jahres schon 1,53 Milliarden Verluste eingefahren hatte, werden im vierten Quartal trotz gesteigerter Verkäufe (oder gerade wegen dieser) noch einmal 900 Millionen dazugelegt. Das war eine insgesamt vierfach höhere Neuverschuldung, als die Finanzexperten der Wall Street das bisher erwartet hatten. Kein Wunder, daß nach Aussagen der Kredit gebenden UBS Warburg Bank Ford wohl 5-6 seiner 21 Montagewerke stillegen und gut 30.000 Arbeiter entlassen wird. Bestehende Tarifverträge erlauben so etwas zwar nicht vor September 2003, aber - da ist die Bank sehr zuversichtlich - es werden sich - ähnlich wie in Argentinien - Wege finden lassen.

Ford und die anderen wirtschafteten also durchaus zeitgemäß: um des heute willen, verpfänden wir das morgen (Der Spatz in der Hand, ist besser als der im Gebälk)! In den USA und bei uns hätte ein Gewerkschaftsfunktionär wie Moyano nicht Recht. Es wurde kein Wohlstand "außer Landes geschafft", er wurde gar nicht erst geschaffen. Und einige haben, was noch da war, sogar ganz bewußt zerstört, weil nur bei entsprechender Knappheit die Preise zu realisieren sind, die den enormen Schuldendienst der Wertpapierblase mitdecken können. Zum Jubel der OPEC verkündet nun auch Rußland, daß es - ganz ohne Energiesteuerung und Kyoto-Vertrag - die Öl-Produktion drastisch senken wird. Aber was soll es tun, die virtuelle Wirtschaft braucht keine Energie.

So stellt die Kommission der Europäischen Union schließlich in ihrem jüngsten Bericht fest: Das "Vertrauen" der Konsumenten und Unternehmer (das heißt ihre Bereitschaft zu kaufen) fällt weiter zurück, die Herstellung von Gütern schrumpfte nun schon im achten Monat nacheinander, Investitionen in Anlagenkapital schrumpfen noch mehr und - jetzt wird es interessant - die Firmen haben die Preise so schnell hintereinander gesenkt wie seit Jahren nicht mehr. Sie haben richtig gelesen "gesenkt". Das heißt, die Kaufkraft der Leute zerrinnt schneller als die rot-grüne Verknappungspolitik der Finanz- und Wirtschaftselite das Güterangebot drosseln kann. Das einzige, was wächst, ist das Geldangebot, der Bestand an M3. Es sollen in diesem Jahr mehr als eine Billion Euros zusätzlich in Umlauf gebracht worden sein - und trotzdem wird es schwer Reales zu kaufen. Wenn die EZB entgegen ihrer eigenen Maastrich-Kriterien die Geldschleusen aufmacht, dann holt man sich das Geld nicht, um Güter zu kaufen, sondern allenfalls, um die drängendsten Schulden abzubauen, das heißt um virtuelles Geld folgenlos zu vernichten.

Solange das Vertrauen in Experten und ihre Politiker das Konsumentenvertrauen überwiegt, gehen wir einer sicheren Zukunft entgegen, die nur niemand wahr haben will. Im Unterschied zum Römischen Reich, das die Entscheidungsgewalt am Ende seines Dahinvegetierens aufteilte und dezentralisierte, wird sie heute zentralisiert. Aber dort, wo sie gebündelt ist, fehlt der Kopf und die Hand, um die Machtfülle zu gebrauchen. Bombenwerfen ist einfacher. Alle starren auf die angebundenen Windbeutel und erwarten klärende Befehle, was zu tun sei, hören aber nur den Wind, der mit der Blase am Faden spielt. Auch Prometheus war nur ein Terrorist für eingefahrene Gewohnheiten.

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[10. Dezember 2001]

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