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Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde Vier Millionen Opfer im nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zählte 1945 die sowjetische Untersuchungskommission, ein Produkt der Kriegspropaganda. Lagerkommandant Höß nannte unter Druck drei Millionen und widerrief. Wieviele Menschen wirklich diesem singulären Massenmord zum Opfer fielen, ließ sich bislang nur schätzen. Der erste Holocaust-Historiker Gerald Reitlinger vermutete eine Million, der letzte Forschungsstand bezifferte mehrere Hunderttausend weniger. Zwei neue Belege zur Kapazität der Krematorien bestätigen jetzt die vorhandenen Unterlagen über Einlieferungen ins Lager. Damit rückt die Dimension des Zivilisationsbruchs endlich in den Bereich des Vorstellbaren und wird so erst zum überzeugenden Menetekel für die Nachgeborenen. Ein Schlüsseldokument, das Auskunft gibt über die Kapazität der Krematorien von Auschwitz-Birkenau, ist jetzt aufgefunden worden. Zu deren Nutzungsdauer ist zugleich eine Aussage des Lagerkommandanten Höß ans Licht gekommen. In Verbindung mit den vorhandenen, aber weithin unbeachtet gebliebenen Unterlagen über die in dieses Lager Eingelieferten läßt sich nun genauer errechnen, wieviel Menschen in Auschwitz ermordet wurden. Um es vorweg zu nehmen: Eine halbe Million fiel dem Genozid zum Opfer. Zu danken ist dieser Durchbruch Robert-Jan van Pelt, Professor für
Architektur an der Universität von Waterloo in Kanada. Er ist hervorgetreten
durch sein gemeinsam mit Debörah Dwork verfaßtes, herausragendes
Buch „Auschwitz - Von 1270 bis heute".( 1 Robert-Jan van
Pelt/Debôrah Dwork: Auschwitz - Von 1270 bis heute. Zürich 1998.
Robert Jan van Pelt: The Case for Auschwitz - Evidence from the Irving
Trial. Bloomington/Indianapolis 2002.) Im Londoner Prozeß
David Irvings gegen Deborah Lipstadt, die ihn als AuschwitzLeugner eingestuft
hatte, trat van Pelt als Gutachter für die Beklagte auf. Über
die Vorbereitung seiner Expertise - mit Auszügen aus dem Gutachten
- und die Verhandlung hat van Pelt soeben ein sehr wichtiges Buch herausgebracht.(2
Robert Jan van Pelt: The Case for Auschwitz - Evidence from the Irving
Trial. Bloomington/Indianapolis 2002.)
Das war generell ein gerechtes Urteil. Hier kann nicht vertieft werden, daß die vorhandenen Belege, nämlich Dokumente über eine Nachrüstung der ursprünglich dafür nicht errichteten Bauten (zum Beispiel mit Einwurfschächten und Gasprüfgeräten) zum „Vergasungskeller" sowie die einschlägigen Zeugenaussagen eher auf Versuche im März/April 1943 deuten, die Leichenkeller nach Fertigstellung der Krematorien im Frühsommer 1943 für den Massenmord einzusetzen. Das mißlang offenbar, weil die Ventilation kontraproduktiv war [3 Die Entlüftungsöffnungen lagen in Bodenhöhe, während das Zyklon-Gas nach oben steigt,wo sich die Belüftungsschächte befanden; Jean-Claude Pressac in: Beate Klarsfeld Foundation (Hrsg.): Auschwitz - Technique and operation of the gas chambers. New York 1989, S. 288f.] und die erwarteten Massen an Opfern in den folgenden elf Monaten nicht eintrafen .(4 Eingelieferte ohne Registrierung im Juni 1943: 5901 Nichtregistrierte; Juli - 440; August - 37 627; September - 7269; Oktober - 6968; November - 8411; Dezember - 2885; Januar 1944 - 4216; Februar - 5227; März - 2551; April - 5330; insgesamt 80 924 in 334 Tagen, d.h. im Durchschnitt 242 Personen pro Tag; Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945. Reinbek 1989, S. 51Off.) Der tatsächlich begangene Genozid fand wahrscheinlich überwiegend in den beiden umgebauten Bauernhäusern außerhalb des Lagers statt; von dem ersten, dem „Weißen Haus" oder „Bunker 1", wurden erst jüngst die Fundamente entdeckt. (5 Corriere della Sera, 20.11.2001. - Le Monde, 20.11.2001. - dpa, 19.11.2001; NSApologeten („Revisionisten") bezweifeln, daß es dieses Gebäude überhaupt gegeben habe: Jürgen Graf: Auschwitz. Würenlos 1994, S. 236.) In die zwei Räume dieser Gaskammer mit einer Fläche von zusammen
90 Quadratmetern ließen sich über 400 Menschen treiben, was
vom Frühjahr 1942 an ein Jahr lang täglich geschah, zumeist abends.
(6 Franciszek Piper in: Waclaw Dlugoborski/Franciszek Piper
(Hrsg.): Auschwitz 1940-1945. Oswiecim 1999, Bd. 111, S. 159ff. - Van Pelt,
The Case [Fn. 2], S. 383, schätzt Raum für lediglich 250 Personen.
Nach Danuta Czech [Fn. 4] wurden eingeliefert im Mai 1942: 6700 Nichtregistrierte;
Juni - 4567; Juli - 2652; August - 30 840; September - 17 911; Oktober
- 14 706; November - 20 687; insgesamt 98 083 Personen, im Durchschnitt
458 Personen je Tag. In diesem Zeitraum war nur Bunker I mit einem Fassungsvermögen
von über 400 Personen in Betrieb.) Das „Rote Haus" oder „Bunker
II", 105 Quadratmeter groß für maximal über 500 Opfer,
(7 Der Zeuge Dragon nannte Raum für 2500, vgl. van Pelt,
The Case [Fn. 2], S.187, van Pelt selbst, ebd. S. 383, nur für 320
Personen. Beide Gebäude fanden Erwähnung im Bauantrag der Lagerleitung
an das WVHA in Berlin; US Holocaust Memorial Museum New York(USHMM), RG
11.001 M.03 Reel 42, 502-1-238-10: „Ausbau eines vorhandenen Hauses für
Sondermaßnahmen (Zeichnung nicht vorhanden)". Kosten: je 14 242,-
Reichsmark.) war wahrscheinlich vom Dezember 1942 bis zur Einstellung
der Gasmorde am 2. November 1944 in Betrieb. Der Schutzhaftlagerführer
SS-Sturmbannführer Hans Aumeier hat am 29.10.1945 ausgesagt (8
CIA Special Collections, Reference Coll., Box 3: Bericht von BB-175 über
Aumeiers Vernehmung im Gefängnis Akershus, Norwegen, vom 29.10.1945.):
" Im November 1942 wurden 50-80 Gefangene in der Leichenkammer des Krematoriums
im Stammlager streng geheim mit Gas getötet. Am nächsten Tag
eröffnete Höß unter äußerster Geheimhaltung
ihm, dem Lager-Gestapo-Chef Grabner, dem Lagerführer Hößler,
dem Arbeitseinsatzführer Schwarz und dem Lagerarzt, er habe über
das RSHA einen Befehl Himmlers empfangen, alle schwachen, kranken oder
arbeitsunfähigen jüdischen Gefangenen „zu vergasen", um einer
weiteren Ausbreitung der Epidemien vorzubeugen. Höß habe berichtet,
daß er in der vorigen Nacht die ersten Vernichtungen vollzogen und
sich dabei herausgestellt habe, daß die improvisierte Gaskammer überhaupt
nicht den Notwendigkeiten entspreche. Deshalb seien bei der Errichtung
der neuen Krematorien in Birkenau Gaskammern als ständiges Zubehör
zu bauen. Das Ganze sei eine Geheime Reichssache, Indiskretionen oder sorgloses
Geschwätz würden mit dem Tode bestraft, was die Anwesenden wie
auch weiter hinzugezogene Mittäter schriftlich bestätigen mußten.
Beim Termin in London am 25. Januar 2000 begrüßte der Kläger
den Sachverständigen mit einem Kompliment zu seinem Buch über
die Geschichte von Auschwitz: „It is one of the few books that I have read
from cover to cover and it was a book that I found very difficult to put
down." Dann verbissen sich die beiden in die Frage, ob die im Zuge der
Umrüstung des Leichenkellers nachträglich in dessen Decke geschlagenen
Offnungen zum Einwurf von Zyklon-B heute noch sichtbar seien oder nicht
(sie sind es, was van Pelt noch nicht wußte).
Eine zweite überraschende Information liefert van Pelt nun mit der Veröffentlichung einer Aussage von Höß im Kreuzverhör vor dem Krakauer Gericht 1947: „Nach acht oder zehn Stunden Betrieb waren die Krematorien für eine weitere Benutzung unbrauchbar. Es war unmöglich, sie fortlaufend in Betrieb zu halten. [20 Van Pelt, The Case [Fn. 2], S. 262, nach: APMO, HM-Prozess, Bd. 26b, S.168: „After eight to ten hours of operation the crematoria were unfit for further use. It was impossible to operate them continously."] Mit dem Mittelwert dieser Angabe, d.h. neun Stunden täglicher Betriebszeit, ergeben sich je Muffel bei drei Körpern täglich 18 Verbrennungen, in I/II mithin je 270, zusammen 540; in III/IV je 144, zusammen 288, je Tag demnach insgesamt 828. |
| Die Schlußfolgerung ist einfach: An den 971 Betriebstagen ließen
sich hiernach in I/II insgesamt 262 170 Körper verbrennen, in III/IV
an 359 Tagen 51 696, zusammen 313 866 Tote, die in den Krematorien von
Birkenau verbrannt worden sind. Das sind noch nicht alle der in Auschwitz
ums Leben Gekommenen. Laut Höß wurden 107 000 Leichen aus den
Massengräbern bis Ende November 1942 auf Scheiterhaufen verbrannt.
[21 Broszat, Kommandant [Fn. 17], S. 161.] Pressac bestreitet
diese Zahl, er zählt 50 000 [Pressac, Krematorien [Fn. 111],
S. 73].
Da bislang ungeklärt, nicht einmal als Problem erkannt ist, wo die Opfer des besonders exzessiven Gasmords im Winter 1942/43 bis zur Inbetriebnahme der Krematorien verblieben sind, kann mit Fug angenommen werden, auch 57 000 der 100 000 vom Dezember 1942 bis März 1943 in Auschwitz angekommenen Opfer ohne Registrierung seien unter freiem Himmel verbrannt worden und Höß habe sie in seine Angabe einbezogen. Ohne die (auf Scheiterhaufen verbrannten) Opfer der Ungarn-Aktion, aber zuzüglich der schätzungsweise 12 000 im alten Krematorium des Stammlagers Eingeäscherten [22 Pressac, Krematorien [Fn. 111], S. 195] wären damit insgesamt rund 433 000 Leichen in Auschwitz verbrannt worden. Diese Zahl korrespondiert fast genau mit der Summe, die sich aus den Einlieferungen ins Lager Auschwitz-Birkenau abzüglich der Überstellungen in andere Lager ergibt - eine gravierende Bestätigung. Laut Kalendarium von Danuta Czech [24 Vgl. Fn. 4; mit dem Vorbehalt zutreffender Addition durch den Autor und der Annahme, es handele sich bei Czech vornehmlich um Annäherungswerte, welche jedenfalls die Dimensionen des Völkermords erkennen lassen. Insbesondere Czechs Schätzungen der nicht bezifferten Transporte aus Polen könnten nach Pressac (Krematorien [Fn. 11], S. 197) reduziert werden auf jeweils 1000 bzw. 1500 Personen, was eine Gesamtdifferenz von 33 000 ausmacht. Höß hatte sogar behauptet, die (von Czech besonders hoch veranschlagten) Transporte aus Ostoberschlesien seien „nie stärker als 1000 Menschen" gewesen (Broszat, Kommandant [Fn. 17], S. 160). Dafür gibt es einen Beleg: Am 6.12.1942 traf in Auschwitz ein Transport aus dem Ghetto in Mlawa ein, der laut Czech (Kalendarium [Fn. 4], S. 352) etwa 2500 Personen umfaßte, von denen 406 als Häftlinge in das Lager eingewiesen und die übrigen „etwa 2094 Menschen" in den Gaskammern getötet worden seien. Für die Gesamtstärke des Transports nennt Czech keine Quelle. Von einem Teilnehmer existiert jedoch ein auf dem Lagergelände vergrabener, nach der Befreiung aufgefundener Bericht, in dem die Transportstärke mit 975 Personen angegeben wird, von denen 450 für arbeitsfähig erklärt worden seien (Inmitten des grauenvollen Verbrechens. Oswiecim 1996, S. 123). Unter dem 11.4.1944 notiert Czech (Kalendarium [Fn. 4], S.754) 2500 Juden aus Griechenland, und 1500 werden genannt in: Staatliches Museum Oswiecim (Hrsg.): Deportation und Vernichtung der griechischen Juden im KL Auschwitz, in: Hefte von Auschwitz, Oswiecim, 11/1970, S. 24; wahrscheinlich waren es 4700; Hagen Fleischer: Griechenland, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords. München 1991, S. 264. Andererseits meldet Czech (Kalendaium [ Fn. 4], S. 496) für den 16.5.1943 rund 4500 aus Griechenland Eingelieferte, während es nach Fleischer (S. 269) 1800 waren; ferner spricht Czech für den 16.8.1944 von „ungefaähr 2500“ von der Insel Rhodos, bei Fleischer (S. 215) sind es 1820 Opfer.] wurden - ohne die von ihr nicht bezifferten Transporte aus Ungarn [25 Zur Zeit der Ankunft von ihr nicht bezifferter Transporte aus Ungarn wurden laut Czech, Kalendarium [Fn. 4] noch eingeliefert: im Mai 1944 - 4707 Nichtregistrierte; Juni - 3543; Juli - 5488; August - 15 691; September - 9346; Oktober - 19 781; insgesamt 58 556, im Durchschnitt 318 Personen je Tag. Am 2.1 1.1944 wurden die Gasmorde eingestellt.] - 735 000 Menschen an den Tatort verbracht. 15000 waren sowjetische Kriegsgefangene [26 Franciszek Piper: Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Ogwiecim 1993, S. 200.], von den verbleibenden 720 000 wurden laut Czech 346 000 registriert, also ins Lager aufgenommen, und 374 000 nicht registriert. Czech schloß auf den Tod dieser Nichtregistrierten in der Gaskammer, wofür allerdings keine dokumentarischen Belege vorliegen;2727 [27 Zu der regelmäßigen Anmerkung bei Czech: „Die übrigen gingen in die Gaskammer", äußerte sich der Direktor des Museums Auschwitz, Mag. Jerzy Wroblewski, am 17.11.1999 in einem Brief an den Autor: Diese Formulierung Czechs „betrifft diejenigen, die nicht registriert wurden. Es ist jedoch keine Lager-Dokumentation übriggeblieben, die die Opfer, die direkt nach der Selektion zur Vernichtung geschickt wurden, betrifft."] es lebten auch Häftlinge ohne Registriernummer im Lager. [28 Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz, München 1995, S. 86. Am 18. April 1943 berichtete ein polnischer Kurier, er habe einige Wochen bis Ende September 1942 in Auschwitz gelebt, wo sich nichtregistrierte und 95 000 registrierte Gefangene befunden hätten; Richard Breitman: Staatsgeheimnisse. München 1999, S. 160. - Am 5. August 1942 wurden die 17 000 weiblichen Häftlinge, die bis dahin im Stammlager untergebracht waren, in das neue Frauenlager in Birkenau überstellt, darunter 4300 aus Frankreich, 2100 aus den Niederlanden und 640 aus Belgien; Irena Strzelecka/Piotr Setkiewicz: Bau, Ausbau und Entwicklung des KL Auschwitz, in: Waclaw Dlugoborski/Franciczek Piper: Auschwitz 1940-1945. Ogwiecim 1999, Bd. 1, S. 92. Aus Frankreich waren laut Kalendarium seit dem 24.6.1942 bis zum 5.8.1942 insgesamt 4558 Frauen nach Auschwitz verbracht worden, von ihnen wurden (am 23.,29.7. und 5.8.1942) laut Czech mindestens 656 „in den Gaskammern getötet", was bedeuten würde, daß sich im Lager höchstens 3904 noch hätten befinden können. Da sich dort aber 4300 aufhielten, waren mindestens 396 von den vermeintlich Ermordeten noch im Stammlager am Leben. Ähnliches gilt für die Transporte aus Belgien und den Niederlanden.] Da die Gesamtzahl der Registrierten 405 000 [29 Langbein, Menschen [Fn. 28], S. 82. - Czech, Kalendarium [Fn. 4], S. 16, beziffert 404 222, Nbg.Dok. NOKW - 2824, Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 102, nennt 400 207.] betrug, müssen von den 374 000, die zunächst ohne Registriernummer eingeliefert wurden, 59 000 nachträglich registriert worden sein, so daß 315 000 ohne Registriernummer verblieben. Von den 720 000 wurden 225 000 in andere Lager überstellt3030 [30 Stanislawa Iwacko: APMO. Bestand Ausarbeitungen, Bd. 100. - L. Krysta, ebd.: 182 000. - Yisrael Gutman/Michael Berenbaum: Anatomy of the Auschwitz Death Camp. Bloomington/Indianapolis 1994, S. 76, Anm. 75.] - bei Czech ist nur ein Zehntel davon notiert. 58 000 wurden bei Auflösung des Lagers evakuiert und 8500 zurückgelassen, [31 Andrzej Strzelecki: Endphase des KL Auschwitz. Ogwiecim 1995, S. 242, 246.] so daß 428 500 verbleiben, eine Zahl, die zuzüglich der Kriegsgefangenen mit den aus der zum Teil geschätzten Krematoriumskapazität errechneten 433 000 Toten übereinstimmt: Sie wurden ermordet . [32 Von ihnen waren laut Pressac, Krematorien [Fn. 11 ], S. 195, 202, der für 1944 auf Schätzung angewiesen ist, nur 126 000 Registrierte, laut Mattogno/Deana, Die Krematoriumsöfen [Fn. 18], S. 307, aber 160 000-170 000, nach Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 164, 202 000 und laut Langbein, Menschen [Fn. 28], S. 82, 261 000 (übrigens fast genau die Zahl der in den Krematorien I und Il Verbrannten). Pressacs Zahl würde annähernd zutreffen, wenn alle Überstellten und Evakuierten registriert waren. Dann sind, wofür vieles spricht, sämtliche 315 000 Nichtregistrierten getötet worden - bei Ankunft, im Lager, im Gas oder durch Hunger, Krankheit, Folter. Mattognos Zahl könnte nur annähernd stimmen, wenn es sich bei den Überstellten lediglich um Registrierte handelte, was bedeutete, daß - entsprechend der Zahl der Evakuierten und Zurückgelassenen - 66 500 der Nichtregistrierten überlebt hätten. Pipers Zahl würde ausdrücken, daß ein Teil der Nichtregistrierten in andere Lager verbracht wurde. Nach Langbeins Zahl wären lediglich 144 000 Registrierte überstellt bzw. evakuiert worden, während 137 500 Nichtregistrierte deren Schicksal teilten und nur 177 500 ums Leben kamen (ohne die Opfer aus Ungarn).] Unterstellt, alle 315 000 Nichtregistrierten seien als „Unproduktive" im Gas getötet worden (wobei die Zahl der auf andere Weise Gestorbenen gegen die im Lager zum Gastod selektierten Registrierten aufgerechnet werden soll), erweist sich, daß hierfür die beiden zu Gaskammern umfunktionierten Bauernhäuser ausreichten. Erst für die Transporte aus Ungarn im Frühsommer 1944 mußten andere Mordeinrichtungen hinzugezogen werden, etwa das stillgelegte Krematorium III oder die Gaswagen, die bereits auf sowjetischem Gebiet von den Einsatzgruppen und im wartheländischen Tötungszentrum Chelmno durch Gauleiter Greiser mit Himmlers, sicher auch Hitlers Genehmigung eingesetzt worden waren. [33 Filip Friedman: To jest Oswiecim! Warschau 1945, S. 70. - Ders.: Tadeusz Holuj: Oswiecim, mit einem Vorwort von Dr. Waclaw Barcikowski. Warschau 1945, S. 81. - F. Friedman: This was Oswiecim. London 1946, S. 47f, 2. Aufl., S. 54: Für kleinere Gruppen sei ein Gaswagen verwendet worden, und zwar in einer Sandgrube durch ein Sonderkommando Ruryck (Fassung 1946: Ryryck) mit einem zuvor in Rußland benutzten Saurer-Lkw, Kennzeichen Pol 71-462, 4 m lang, 2,5 m breit, Chauffeur: Oberwachtmeister Arndt. Friedman stützte sich auf den Bericht einer Widerstandsgruppe in Auschwitz, die am 21.9.1943 nach Krakau meldete, daß „ein Gasauto, Marke Saur, mit einem Motorpflug stationiert wurde, um auf Befehl des Polizeistandgerichtes Exekutionen mit Motorabgasen durchzuführen". Der Auschwitz-Häftling Mordechai Zirulnizki berichtete, 1944 seien die Erschießungen an der „Schwarzen Wand", also im Stammlager, ersetzt worden durch die „Duschegubka" (Seelenverkäufer), wie die Russen die Gaswagen nannten; Wassili Grossmann/Ilja Ehrenburg/Àrno Lustiger: Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden. Reinbek 1995, S. 935.] Das Schicksal der aus Ungarn Deportierten 1944 bedarf einer eigenen Untersuchung. Wenn wir uns allein auf die Angaben von Danuta Czech stützen, gelangten von Mitte Mai bis Anfang Juli 60 Züge nach Birkenau. [34 Pressac, Menschen [Fn. 11], S. 198f., S. 201, liest bei Czech nur 53 ungarische Transporte vom 2. Mai bis 11. Juli 1944 = 160 000 Menschen und schließt recht willkürlich auf insgesamt 240 000 Ankömmlinge. Nach einer zweifelhaften Unterlage 141 Züge in: Christian Gerlach/Götz Aly: Das letzte Kapitel. München 2002, S. 275, 286.] Jeder Transport umfaßte 3000 Personen, so daß danach 180 000 eingetroffen wären, von denen laut Czech 29210 eine Registriernummer erhielten. 110 000 wurden in andere Lager überstellt, [35 Gerlach/Aly, Das letzte Kapitel [Fn. 34], S. 296, mit der ersten gründlichen Darstellung des Arbeitseinsatzes, ebd., S. 379ff. - Strzelecki, Endphase [Fn. 31], S. 352, Anm.**, zählt bis zu 100 000. Die Differenz zu den - wohl übertriebenen - Meldungen der ungarischen Polizei (Nbg. Dok. NG-5615), die hier nicht näher behandelt werden kann, läßt sich vielleicht mit dem vorzeitigen Abbruch der Aktion, mit Flucht und Deportationen in andere deutsche Lager erklären.] nach Czech wurden wahrscheinlich 40 564 Menschen allein im Monat Oktober 1944 im Gas getötet. [36 Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg berichtete seinem Vetter Heinrich Graf York von Wartenburg von einem Befehl des RSHA-Chefs Ernst Kaltenbrunner, der 1944 „für 40 000 oder 42 000 ungarische Juden Sonderbehandlung` in Auschwitz anordne" (Eberhard Zeller: Geist der Freiheit. München 1963, S. 506, Anm. 9). Dies war für Stauffenberg ein Grund, die Vorbereitungen für das Attentat auf Hitler zu beschleunigen.] Diese Überlegungen führen hier zu dem Ergebnis, daß in Auschwitz eine halbe Million Menschen ermordet wurden, davon etwa 356 000 im Gas . [37 Die sowjetische Untersuchungskommission behauptete 1945 4 Mill. Opfer; IMT Bd. Vll, S. 647, Bd. XXXIX, S. 261. Die Zahl beruhte auf Schätzung der Gaskammer-Kapazität und geht zurück auf eine Erklärung der Häftlingsärzte Jakov Gordon aus Vilna, Steinberg aus Paris und Epstein aus Prag am Befreiungstag, dem 27. Januar 1945, gegenüber zwei Sowjetoffizieren und einem Sergeanten: „In der Zeit des Bestehens des Lagers wurden 4,5 bis 5 Millionen Menschen ausgerottet"; Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums (ZAMO, Moskau), Bestand 417,60, Armee, Inventurliste 2675, Aktenstück 340, nach: Lev Besymenski: Was das Sowjetvolk vom Holocaust wußte, in: Leonid Luks (Hrsg.): Der Spätstalinismus und die „jüdische Frage". Köln/Weimar/Berlin 1998, S. 82.] Die Diskussion um die Zahlen der Opfer von Auschwitz hat in den vergangenen
Jahren weite Kreise gezogen und bislang zu keinem Resultat geführt.
So erklärte der Forschungskurator des APMO, Wâclaw Dlugoborski,
im September 1998 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu der Opferzahl:
In Auschwitz selbst sind meiner Schätzung nach cca [sic] 3000000
Men-schen ums Leben gekommen. Schätzungsweise nehme ich an das [sic]
davon 2500000 vergast worden sind.[44 Nbg.Dok. NO-1210]
Im Verhör am 1./2.April 1946 nannte Höß zunächst
1,1 Millionen Getötete, dann wieder 2,5 Millionen [45
Zimmerman, Holocaust Denial [Fn. 5], S. 337, Fn. 49.] Von der Auslieferung
nach Polen und Hinrichtung bedroht, [46 Wie schon seine Ehefrau,
Butler [Fn. 401, S. 236: „If you don't tell us we'll turn you over to the
Russians and they'll put you before a firing squad. Your son will go to
Siberia."] blieb Höß vor dem Nürnberger Militärtribunal
dabei: drei Millionen Opfer, davon 2,5 Millionen „Vergaste und Verbrannte
", [47 IMT Bd.XI, S. 458.] korrigierte das aber gegenüber
dem amerikanischen Gefängnis-Psychologen [48 Gustave
M. Gilbert: Nürnberger Tagebuch. Frankfurt a.M. 1962, S. 450.]
und hernach in seiner Krakauer Niederschrift („Hätte die Staatsanwaltschaft
nicht eingegriffen, so hätte man mich fertig gemacht“ [49
Broszat, Kommandant [FN 17], S. 151]) als „viel zu hoch" auf 1,13
Millionen „zur Vernichtung" Eingelieferte zuzüglich „der kleineren
Aktionen", [50 Broszat, Kommandant [FN 17], S. 167]
damit näher dem Resultat dieser Studie von fast 900000, doch noch
immer im Detail - exakt seinem ersten Protokoll entsprechend - weit überhöht:
Für Frankreich nannte er etwa 110000 Opfer - insgesamt wurden 75721
eingeliefert. Aus den Niederlanden kamen laut Höß 95000, es
waren aber 60026, [51 Eberhard Jäckel/Peter Longerich/Julius
H. Schoeps: Enzyklopädie des Holocaust. München 1995, Bd. 11,
S. 1008.] für die Slowakei zählte er etwa 90 000,
obwohl lediglich 26 661 slowakische Juden nach Auschwitz verbracht worden
waren. [52 Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 196.] für
Griechenland 65000 bei 53789 tatsächlich Deportierten [53
Fleischer, Griechenland [ Fn. 24], S. 269]. Für Belgien nennt
Höß 20000 [54 Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 199:
25.000.], angeblich 400000 aus Ungarn, 250000 aus Polen (300000
laut Piper [55 Piper, Die Zahl [Fn. 26]) und 100 000 aus Deutschland -
ohne das von Höß oder seinem polnischen Vernehmer Jan Sehn Polen
zugeschlagene Oberschlesien, aber mit Theresienstadt (zusammen 69 000 laut
Piper).
Fritjof Meyer
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