Die Enigma Chiffriermaschine Prinz Andrew brachte bei seinem Polen-Besuch am 18. September 2000 ein kleines Gerät mit, das dem Land späte Genugtuung beschert: eine "Enigma". Die Chiffriermaschine war weltkriegsentscheidend.Wenn der britische Geheimdienst während des Zweiten Weltkrieges wußte, welche Städte von der deutschen Luftwaffe bombardiert werden sollten, wenn die Royal Air Force wußte, wo sich deutsche U-Boote aufhielten und in welche Richtung sich Rommels Truppen in Afrika bewegten, dann verdankte sie das der Kopie einer kleinen Maschine, die der Prince of Wales bei seinem Polenbesuch am Montag Polens Premierminister Jerzy Buzek überreichte. Die "Enigma", eine Chiffriermaschine der deutschen Wehrmacht, mit der die geheimsten Depeschen des Dritten Reiches verschlüsselt wurden, galt lange Zeit als unüberwindbar. Der britische Geheimdienst konnte feststellen, wo die die Maschine erzeugt wurde. Polnische Mechaniker, die unter deutschen Namen in dieser Fabrik arbeiteten, konnten eine der Chiffriermaschinen, die dort zu tausenden erzeugt wurden stehlen und den britschen Geheimdienstleuten (die kräftig dafür zahlten) übergeben. Der birtische Agent Alaistair Denniston brachte die gestohlene Maschine unter größter Geheimhaltung 1939 von Polen nach England. Dort arbeiteten englische Mathematiker an der Entschlüsselung des Codes, die bis zum Beginn des Westfeldzuges 1940 gelungen war. 1942 wurde das Enigma System geändert und mußte von den Briten neu entschlüsselt werden. Dabei dürfte eine weitere Enigma-Maschine, die in einem gekaperten deutschen U-Boot sichergestellt wurde geholfen haben.
Die Geschichte von drei Posener Mathematikern, die 1939 den Code knackten und zudem Kopien der Maschine herstellten, von denen sie eine einem Agenten des britischen Geheimdienstes übergaben, dürfte ein Märchen sein. Das wäre schon rein zeitlich nicht möglich gewesen, da Polen im September 1939 besetzt wurde, während die Engländer noch bis Mai 1940 in Ruhe arbeiten konnten. Den Mechaniker zu ehren, der die Maschine aus der Fabrik gestohlen hat, scheint nicht so attraktiv zu sein, obwohl das für die damaligen Verhältnisse auch eine beachtliche Leistung war.
Mit Hilfe der Enigma waren die Alliierten während des gesamten Zweiten Weltkriegs in der Lage, die deutschen Geheimdepeschen routinemäßig zu entschlüsseln. Z. B. war der geplante Luftangriff auf die Rolls-Royce Rüstungsbetriebe in Coventry 1940 den Engländern vorher durch Enigma bekanntgeworden. Churchill gab jedoch Anweisung, keinerlei Gegenmaßnahmen zu treffen, um bei den Deutschen keinen Verdacht zu erwecken (und wahrscheinlich auch um die Entrüstung über die zu erwartenden Kollateralschäden zu maximieren).
Experten sehen in der Entschlüsselung der Enigma-Meldungen den Hauptgrund dafür, daß die Alliierten die Seehoheit zurückerrangen und den Zweiten Weltkrieg gewinnen konnten.
In der Geschichtsschreibung wurde den Briten und den Mathematikern im legendären "Blechtley Park" in London die Leistung, die Enigma geknackt zu haben, zugeschrieben. Der polnische Premier Buzek forderte den Duke of York bei der Pressekonferenz am 18. 9. 2000 auf, die seiner Ansicht nach wichtige Rolle der polnischen Mathematiker bei der Entschlüsselung der "Enigma" in Geschichtsbüchern besser zu würdigen
Die Geschichte der Enigma - Chiffriermaschine wurde bis 1974 von den Alliierten streng geheimgehalten, da man aus alliierter Sicht unerwünschte Auswirkungen auf die Moral der Deutschen befürchtete. In deutschen Geschichtsdarstellungen geisterten aber auch noch nach 1974 Behauptungen von Verrätern im Führerhauptquartier oder sonstigen höhen Kommandozentralen herum (z. B. "Werther"). Solche mochte es zwar in geringem Maße gegeben haben, aber die Auswirkungen der Enigma - Entschlüsselung war das Entscheidende.
[19. September 2000]