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Nachdem in zahlreichen Schriften und Boulevardillustrierten über die "Menschenzuchtsorganisation" wüste Unwahrheiten verbreitet wurden, findet jetzt eine einigermaßen objektive Ausstellung über die Organisation «Lebensborn» in Delmenhorst (Niedersachsen) statt. Die Vorstellung, «Männer in schwarzer SS-Uniform hätten systematisch blonde junge Frauen begattet», hält sich nach Erkenntnissen der Bremer Journalistin Dorothee Schmitz-Köster bis heute. Mit einer ersten umfassenden Ausstellung über den «Lebensborn» in Deutschland will sie mit Legenden aufräumen. Bis zum 16. Dezember 2001 präsentiert Schmitz-Köster mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung in den Museen der Stadt Delmenhorst bei Bremen, wie es sich mit dem «Lebensborn» wirklich verhielt. Er zuallererst eine Organisation, die Entbindungsheime für staatstreue Eltern, vor allem aber für ungewollt schwangere Frauen unterhielt. «Menschenzucht fand nicht statt, war allenfalls ein Fernziel», erläutert die Journalistin, die seit Jahren an dem Thema arbeitet. «Aber Rassenpolitik wurde sehr wohl betrieben.» SS-Leute hatten die Organisation 1935 in Berlin gegründet. Eines der Ziele war laut Satzung, «rassisch und erbbiologisch wertvolle» kinderreiche Familien und ledige Mütter zu unterstützen. Von den praktischen Auswirkungen können sich Ausstellungsbesucher anhand vielfältiger Schriften aus dem Dritten Reich, zahlreichen Fotos aus «Lebensborn»-Heimen, Plakaten, Filmen und auch Teilen der Einrichtung der Häuser ein Bild machen. Aufnahme im «Lebensborn» fanden nur Frauen, die arische Abstammung nachweisen und zudem belegen konnten, daß bei ihnen keine Erbkrankheiten zu befürchten waren. Während ihrer Zeit im Haus wurden die Frauen genau beobachtet. «Frau Else» etwa, notierte ein Heimleiter, war bei der Geburt «sehr mürrisch und ließ sich gehen». Das minderte ihre Chancen, nach der Entlassung weiter unterstützt zu werden. Insgesamt kamen in den deutschen Häusern etwa 8.000 Kinder zur Welt. Auch sie wurden unter die Lupe genommen - Behinderte fielen angeblich den Euthanasie-Programmen zum Opfer. Deutsche Herkunft war nicht ausschlaggebend - sofern polnische, tschechische oder ukrainische Kinder äußerlich dem Idealbild entsprachen, wurden sie von deutschen Besatzern ihren Eltern angeblich zwecks «Eindeutschung» weggenommen. Unter den ausgestellten Dokumenten finden sich auch Kuriosa. So lag dem Reichsführer der SS Heinrich Himmler offenbar die Ernährung der Frauen sehr am Herzen. Er ordnete jedenfalls die Versorgung mit reichlich Preiselbeersaft und Haferbrei an. Sorgen um die Figur hielt er für verfehlt. Gerade die Engländer ernährten sich von Haferbrei, und diese seien «für ihre überschlanke Linie bekannt». Im Deutschen Reich wurden ab 1937 neun Heime gegründet, eines davon in der Nähe von Bremen, im Haus des Mannes, dem das Delmenhorster Museumsgelände früher gehörte. Hinzu kamen später Einrichtungen in Frankreich, Belgien, Luxemburg und Österreich - und in großem Stil in Norwegen, denn gemeinsamen Nachwuchs von skandinavischen Frauen und Deutschen wurde besonders gern gesehen. Nach dem Krieg mußten viele dieser Kinder mit Diskriminierungen leben. «Ihnen haftete der Makel an, aus einer Art 'Edelpuff' zu stammen», sagt Schmitz-Köster, die mit vielen «Lebensborn»-Kindern gesprochen hat. Die Mehrheit, berichtet sie, wuchs bei ihren Müttern auf, schätzungsweise zehn Prozent wurden adoptiert. Manche haderten mit den Umständen ihrer Herkunft. Die meisten teilten aber einfach das Schicksal aller von ihren Eltern verlassenen Kinder - «sie fühlten sich ungeliebt und mühten sich oft vergeblich, ihre Eltern zu finden». [17. Oktober 2001] |
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Regierung lehnt Entschädigung ab. Opfer wurden nach 1945 zwangsadoptiert oder kamen in die Psychiatrie Als er in die vierte Klasse kam, merkte Oskar erstmals, daß er offenbar "anders" war, als seine Mitschüler. "Verdammter Deutscher" wurde er plötzlich genannt, "Nazischwein". Oskar verstand gar nichts. Als er sich seiner Mutter anvertraute, erfuhr er, daß er nicht bei seinen leiblichen Eltern aufgewachsen war. "Deine Mutter war eine Hure", sagte ihm seine Adoptivmutter. "Sie hatte es mit Deutschen. Als sie dich bekam, hat sie dich in einer kalten Winternacht vor einer Kirchentür ausgesetzt." Oskar ist jetzt 57 Jahre alt. Vor knapp 10 Jahren erfuhr er die ganze Wahrheit: Er kam in einem der "Lebensborn"-Heime zur Welt, die die deutsche Wehrmacht in Norwegen für Kinder deutscher Soldaten und norwegischer Frauen eingerichtet hatte. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches wurden er und achtzig andere Kinder in diesem Heim ihren Müttern weggenommen, an Pflegefamilien gegeben und zwangsadoptiert. Heute beginnt in Oslo ein Gerichtsverfahren, das Oskar und einige hundert anderen "Deutschenkinder" gegen den norwegischen Staat angestrengt haben: Wegen staatlicher Übergriffe und verweigertem Schutz vor solchen durch Privatpersonen. Sie wollen entschädigt werden für ihre zerstörte Kindheit und Jugend, für den sexuellen Missbrauch durch Heimerzieher und für die medizinischen Versuche, die man mit ihnen anstellte. Die Geschichte eines "Staatsverbrechens" nennt Oskar das, was man mit ihm machte. Von jahrelangen Schikanen können fast alle Besatzungskinder erzählen: Per erinnert sich, daß seine Adoptiveltern mit ihm in eine andere Stadt zogen, als es mit den "Nazischwein"-Rufen und den Schlägen begann. Doch auch dort hatte er nur einige Wochen Ruhe: "Es muß wohl Erwachsene gegeben haben, die den Kindern erzählten, wer mein Vater war. Vielleicht sogar die Lehrer. Kinder kommen ja nicht allein auf so etwas." Auch Laila ging es nicht besser, ihr wurde jahrelang "Hurenmädchen" hinterhergerufen: "Es gab da eben diesen wahnsinnigen Haß auf alles Deutsche. Die Leute meinten wohl wirklich, daß wir in Norwegen nichts verloren hätten." Reidun erging es noch schlimmer: Sie kam vom "Lebensborn"-Heim direkt in die Psychiatrie. Ein Oberarzt hatte allen "Deutschkindern" dort nach Ende der Okkupation kollektiv die Diagnose "schwachsinnig und abweichlerisches Verhalten" ausgestellt. Die Begründung: Frauen die sich mit Deutschen fraternisiert hätten, seien im allgemeinen "schwach begabte und asoziale Psychopathen, zum Teil hochgradig schwachsinnig". Es sei davon auszugehen, dass ihre Kinder dies geerbt hätten. "Vater ist Deutscher" genügte zur Einweisung. "Was waren das für Behörden, die pauschal dutzende von Kleinkindern für schwachsinnig erklären konnten?", fragt sich Reidun noch heute. Es waren - neben den Kindern - die betroffenen Frauen, die die Wut der NorwegerInnen über die Okkupationsjahre zu spüren bekamen, obwohl sie nichts Illegales getan hatten. Ihre Kinder wurden ihnen weggenommen, sie wurden kahl geschoren und misshandelt, in Internierungslager gesteckt, nach Deutschland ausgewiesen oder in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Auch Marta, Oskars leibliche Mutter, wurde in eine psychiatrische Klinik gebracht, wo sie 1951 an den Folgen medizinischer Versuche mit Hirnentnahme (Lobotomie) starb. Oskar hat erst jetzt die Krankengeschichte seiner Mutter einsehen können: "Man machte mit ihr Versuche mit operativen Gehirneingriffen. Dann ließ man sie mehrere Tage lang bewusstlos mit über 39 Grad Fieber liegen und schaute einfach zu, wie sie starb." Im Gegensatz zu den Frauen hatten Männer, die mit deutschen Frauen "fraternisiert" oder homosexuelle Beziehungen zu deutschen Soldaten hatten, nichts zu befürchten. Auch die 250.000 Norweger, die bei den Deutschen in Lohn und Brot standen, wurden nicht schikaniert. Nichts zu befürchten hatten auch diejenigen, die durch Geschäfte mit der Deutschen Wehrmacht gut verdient hatten. "Warum nur die Frauen und die Kinder?", fragte Rut Bergaust - spätere Ehefrau Willy Brandts - schon 1947. Erst Ende der Achtzigerjahre tauchten erste Bestandsaufnahmen und Untersuchungen zum Schicksal der "Deutschenluder" und der "Deutschenkinder" auf. Zuletzt 1998 lehnte eine Mehrheit des norwegischen Parlaments die Einsetzung einer Untersuchungskommission als "unnötig" ab. Selbst nachdem man sich 1996 dazu bereit erklärt hatte, Opfer von Lobotomieversuchen zu entschädigen, und 1999 dazu durchgerungen hatte, von Norwegern enteignetes jüdisches Eigentum zu ersetzen - eine Entschädigung der "Deutschenkinder" wird auch heute noch abgelehnt. Eine offizielle Entschuldigung ebenfalls. Auch in dem heute beginnenden Prozeß weisen die Anwälte der Regierung alle Ansprüche zurück: Nach dem norwegischen Zivilrecht seien etwaige Ansprüche verjährt. Die Europäische Menschenrechtskonvention, auf die die Kläger sich stützen, würde nicht greifen. Denn mit Menschenrechtsverletzungen hätten die behaupteten "Beeinträchtigungen" nichts zu tun. Während der Zeit der deutschen Besetzung Norwegens wurden etwa 12.000 Kinder geboren, die aus Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und norwegischen Frauen stammten. Nach Kriegsende wurden mindestens 15.000 als "Deutschenluder" diffamierte Frauen in Internierungslagern zur "Umschulung" und zu "Gesundheitsuntersuchungen" festgehalten. Ihre Kinder wurden ihnen in der Regel weggenommen. Rund 5.000 Frauen wanderten nach Deutschland aus. Mindestens 400 Kinder wurden vor und nach Kriegsende in Deutschland zur Adoption gegeben. Eine unbekannte Anzahl der sogenannten "Deutschenkinder" wurde in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Die "Lebensborn"-Heime in Norwegen waren nach dem Modell solcher Einrichtungen in Deutschland von der SS eingerichtet worden. Dahinter stand der Gedanke, "rassisch wertvollen" Kindern besondere Vorsorge zukommen zu lassen. Norwegerinnen galten in der NS-Rassenlehre als "Nordgermanen" und "makellos arisch". Norwegische Frauen, die ein Kind mit einem deutschen Soldaten erwarteten, konnten in den Heimen gebären, sich dort kostenlos aufhalten und erhielten finanzielle Unterstützung. Die Kinder wurden in der "Abteilung Lebensborn" von der SS registriert. RW [28. Oktober 2001] |