John Ashcroft und die Geschichte der USA

Von der Tatsache, daß er Wahlkampfgelder für seine Senatskandidatur unrechtmäßig benutzte (er verlor die Wahl auch prompt gegen einen toten Kandidaten) zum Abdecken der Brüste einer Justicia-Statue im FBI-Gebäude (sie verletzte seine christlichen Gefühle) bis zu seiner Förderung des Orwellschen 1984-"Patriot Act" (die US-Version des "Ermächtigungsgesetzes" der Nationalsozialisten), John Ashcrofts Eskapaden sind der Stoff von Legenden. Deswegen bin ich nicht überrascht, daß Ashcroft der Meinung ist, die USA sei kein Imperium und kein Aggressor. Was mich überrascht ist, daß ein Mensch wie er noch immer Justizminister der USA sein kann.

In einem Beitrag auf dem World Economic Forum in Davos hat Ashcroft laut Reuters folgendes gesagt: "Wenn man die Vereinigten Staaten und ihr Verhalten betrachtet, und wo sie stehen und was sie machen auf der Welt, so sind sie kein Aggressor. Die Vereinigten Staaten sucht nicht sich Territorien einzuverleiben oder ein Imperium zu errichten.."

Laßt uns einige Tatsachen kurz in Erinnerung rufen. Die Geschichte der USA war von Beginn an aggressiv und expansionistisch, wie die Geschichte ihres Mutterlandes, Britanniens. Diese beiden Nationen haben expansionistische und brutale Kampagnen gegen Bewohner von Regionen in aller Welt geführt. Beide hatten "zivilisationbringende" Manifeste oder Doktrinen (Bürde des weißen Mannes, Monroe Doktrin, Bush Doktrin usw.) Beide mordeten und kolonisierten Millionen. Jedoch nur eine wurde (zu Recht) Imperium genannt (Britannien) der anderen wird dieser Titel noch verweigert, obwohl sie ihn während ihrer ganzen Geschichte verdient hätte. Das Folgende ist eine Aufzählung der größeren Ereignisse der Geschichte der USA. Mir ist bewußt, daß man viele weitere kleinere Konflikte als aggressiv aufzählen könnte, aber für den Zweck dieses Artikels will ich mich auf die größeren Wendepunkte der US-Außenpolitik beziehen. Diese Geschichte widerlegt die Behauptungen Ashcrofts.

Die Geschichte der USA bezüglich ihrer eigenen Ureinwohner ist nichts weiter als eine Serie von gebrochenen Staatsverträgen, gefolgt von brutalem Krieg, biologischer Kriegsführung (Sir Jefferey Amherst, Pocken-Textilien), Eroberung von Land, und Einpferchung der Ureinwohner in "Reservate". Diese Kampagne wurde am intensivsten (aber nicht nur) im 19. Jahrhundert durchgeführt, nachdem sich die USA erfolgreich als souveräne Nation unter anderen in der Welt etabliert hatte und als der wachsende Bevölkerungsdruck entsprechende Lösungen forderte. Die Lösung erfolgte in der Weise, daß das Land der souveränen Ureinwohner Amerikas geraubt wurde. Die erste imperiale Eroberung der USA war die Besetzung des Landes der Ureinwohner und die Eroberung von halb Mexiko in den 1850er Jahren (US - Mexikanischer Krieg).

Der Krieg gegen Mexiko hat bei den Imperialisten im Kongreß den Appetit auf mehr angeregt. Entsprechend der Einstellung, die man amerikanischen Pragmatismus nennt, debattierten die Imperialisten ob es zweckmäßig sei, ganz Mexiko zu annektieren. Daß Mexiko heute noch als eigener Staat existiert ist einer rassistischen Überlegung zu verdanken: Die Annexion gasnz Mexikos hätte eine neue Verantwortung bedeutet, nämlich für eine Bevölkerung von Millionen "Braunen" zu sorgen  Ähnlich wie heute in Israel über Demographie und Verwaltung in Bezug auf die Palästinenser debattiert wird, so sorgten sich die amerikanischen Imperialisten, daß eine solche Expansion die Verantwortung für eine "braune" Bevölkerung mit sich brächte und daß das Verhältnis der "braunen" zur "weißen" Bevölkerung zu groß werden würde. Der US-Hunger auf Kolonien müßte weiter unten in der Hemisphäre befriedigt werden. Die Debatte bezüglich Kuba, Puerto Rico und den Rest der spanischen Kolonien begann bald nach dem Bürgerkrieg (es kann argumentiert werden, daß sie sogar früher begann).
Die US-Imperialisten sahen in Mittelamerika nicht mehr als Rohstoff-Farmen, "Bananen Republiken", denen man amerikanische Zivilisation lehren müsse und die von der großmütigen US-Armee vor den Ausschreitungen der europäischen Imperialisten geschützt werden müßten und die aber auch von amerikanischen Firmen (wie der berüchtigten United Fruit Company) auszubeuten seien. Neuere wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, daß das Schiff USS Maine aus ohne Fremdeinwirkung explodiert ist, weil Sprengstoff im Laderaum war. Die Explosion diente als Rechtfertigung für den spanisch-amerikanischen Krieg. Der Krieg war im Voraus geplant, ähnlich wie der Krieg gegen den Irak in den frühen 1990er Jahren geplant wurde und die Ereignisse von 9-11 die willkommene politische Rechtfertigung boten. Nach der Explosion der USS Maine wurde der Krieg angefangen nachdem das Kriegsfieber die US-Bevölkerung erfaßt hatte. Nach dem "glänzenden kleinen Krieg" wie sich der US-Präsident ausdrückte wurde das geschlagene Spanien gezwungen, die lukrativsten karibischen Kolonien abzugeben. Kuba wurde zu einer durch die USA ferngesteuerte Neokolonie, wohl formal zum souveränen Staat erklärt, aber mit speziellen Klauseln in der Verfassung, die der USA erlaubten, sich in seine Angelegenheiten einzumischen (das Platt-Amendment).Guam, die Philippinen und Puerto Rico wurden direkt Kolonien der USA. Die Philippinen wurden später formal unabhängig bieben aber ein Vasallenstaat der USA, Puerto Rico und Guam sind bis zum heutigen Tag Kolonien geblieben. Diese beiden bleiben als eine ständige Mahnung eines existierenden amerikanischen Imperiums.  Der spanisch-amerikanische Krieg war die zweite größere imperialistische Expansion der  USA und öffnete den Weg für 50 Jahre Interventionen in Lateinamerika. Mittelamerika und in der Karibik. Es gab zahlreiche agressive Invasionen in diesen Terretorien. Haiti, Nicaragua, die Dominikanische Republik und andere sahen von Zeit zu Zeit die US-Marines. Die kubanische Revolution von 1959 war die erste erfolgreiche Revolte gegen die amerikanische imperialistische   Politik in Lateinamerika. (Das Experiment von Arbenz in Guatemala wurde "neutralisiert" durch eine vom CIA unterstützte Revolte von rechtsgerichteten Gruppen.) Die US-Antwort auf die kubanische Revolution war entschieden negativ, gipfelnd in der Raketenkrise, der CIA gesteuerten Bay of Pigs Invasion und dem US-Embargo gegen Kuba. Alle diese Invasionen, Interventionen und Embargos waren aggressiv und sollten dem "US-Hinterhof" den Willen der USA aufzwingen, eine typisch  imperialistisches Konzept. 

Der Koreakrieg fand einige Jahre vor der kubanischen Revolution statt. Obwohl die nordkoreanischen Streitkräfte die Aggressoren waren kann argumentiert werden, daß die USA, die seit Ende des zweiten Weltkrieges ihre Streitkräfte in diesem Gebiet hatte, aggresive Absichten bezüglich der Sowjetunion und Chinas hatte, das damals von Mao Tse Tungs Kommunisten übernommen wurde. Man könnte argumentieren, daß die Anwesenheit der US-Truppen in Südkorea nach den 2. Weltkrieg aggressiv und illegitim war. Da diese Angelegenheit Gegnstand weiterer Debatten ist, will ich es von meiner historischen Übersicht ausschließen. 

Vietnam wäre der nächste größere Meilenstein. Noam Chomsky hat in hervorragender Weise die Heuchelei der US-Medien bezüglich dieses Krieges bloßgestellt. Von den US-Medien "die amerikanische Verteidigung Südvietnams" genannt, war dieser Krieg in Wirklichkeit eine rein imperialistische Affäre. Seine Rechtfertigung - Abwehr des Kommunismus - war fragwürdig, wurde von den meisten Staaten der Welt abgelehnt und führte zur größten Antikriegsstimmung in der USA. Vietnam war der erste Mißerfolg der imperialistischen Strategie der USA und hatte auch den Charakter eines Völkermordes (3 Millionen tote Vietnamesen). Vietnam war in den Augen der Öffentlichkeit auch die größte US-Aggression in der Geschichte der USA. 

In den 1970er, 80er    und 90er Jahren gab es Serien von "schmutzigen Kriegen", wie die Konflikte in Nicaragua, El Salvator und Panama. Alle waren aggressiv, imperialistisch im Konzept und wurden international verurteilt (einschließlich einer Verurteilung durch den internationalen Gerichtshof bezüglich eines "Stellvertreterkrieges" din Nicaragua). Die US-Kriege  wegen Kuwait-Irak und Bosnien/Serbien könnten wegen UN-Mandates und Weltmeinung teilweise gerechtfertigt sein und sind daher in meiner Aufzählung nicht eingeschlossen.

Das  bringt uns zu Afghanistan und Irak. Der Afghanistankonflikt ist auch fragwürdig.  Kein UN-Mandat arlaubte den Amerikanern, das Taliban-Regime zu stürzen, aber man kann argumentieren, daß  die Invasion gerchtfertigt war, da Afgthanistan Bin Laden und Al-Qaeda Zuflucht gewährte. Jedoch der Irak-Konflikt ist ein noch aggressivere und unrechtsmäßiger Krieg als der in Vietnam, nachdem sich herausstellte, daß die vier als Kriegsgründe genannten Behauptungen sich als unwahr herausstellten (Massenvernichtungswaffen, Menschenrechte, Al.Qaeda-Verbindungen und Einführung der Demokratie..). 
Siehe mein Artikel "Dilemmas of Colonialism" auf http://members.tripod.com/gngseries/
colonialism-01-20-2004.html
Bezüglich Vietnam könnte man argumentieren, daß die USA einen großzügiger Weise Südvietnam vor den kommunistischen Truppen Hanois beschützte, aber dann müßte man ein eingeschworener Antikommunist sein um die Übernahme der Macht durch die USA und die Etablierung eines Marionettenregimes in Südvietnam für gerechtfertigt zu halten, nur um die Südvietnamesen vor dem Kommunismus zu schützen. Als ob amerikanischer Einfluß mehr erstrebenswert wäre in Hinblick auf Souveränität, Selbstbestimmungsrecht und nationale Rechte der Vietnamesen (es wurde befürchtet, daß alle diese Werte verloren wären, wenn die Kommunisten Hanois und ihre chinesischen und russischen Förderer die Macht in Saigon übernehmen würden. Da die Viet Minh und Viet Cong die beiden zivilen und militärischen Institutionen mit überwältigender Unterstützung in der Bevölkerung waren, entbehren die Argumente amerikanischer "Verteidigung" Südvietnams jeder Grundlage. Sowohl die Nord- als auch die Südvietnamesen unterstützten Ho Chi Mihn und seine Streitkräfte (wie Statistiken zur politischen Unterstützung  in Chomskis Buch beweisen). Die Amerikaner waren ausländische Interventionisten in einem Land das sie nicht wünschte. Im Irak aber sind alle Rechtfertigsversuche Betrug. Es bleibt abzuwarten, wie schnell die amerikanische Öffentlichkeit ihren Irrtum einsieht.

Diese kleine Rekapitulation amerikanischer imperialistischer Momente ist alles andere als vollständig, aber ausreichend um Ashcrofts bizarre Weltsicht zu widerlegen. Wir können nichts tun um die Vergangenheit zu ändern, aber wir können lernen von ihr, um die Zukunft anders zu gestalten. Die amerikanische große imperiale Strategie (Chomsky) wird heute getestet, so wie sie in Vietnam getestet wurde. Mein Vorschlag für alle, die an Selbstbestimmung, internationales Recht und guten Willen zwischen den Nationen glauben ist, unser oppositionelles Konzept amerikanischer Außenpolitik durchzusetzen, indem wir einige konkrete erste Schritte machen. Ein guter Anfang wäre zu fordern, daß Herr Ashcroft, ein nachweislich preudochristlicher Quack und Pseudofaschist, abberufen werde als der Mann, der für das rechtliche Wohl der Amerikaner verantwortlich ist.Ein Mann der eine solche Unkenntnis der amerikanischen Geschichte an den Tag legt, oder noch schlimmer, der die Wahrheit vertuschen will, kann nicht der Justizminister der Vereinigten Staaten sein. Die Gefahr des Schwachsinnes für das amerikanische Volk und die Welt kann nicht offenkundiger sein.

Rene L. Gonzalez Berrios M. A.
 renegonzalez7@hotmail.com
Political Science/ Univ. of Massachusetts

[27. Januar 2004]

 < Geschichte