Nazijäger Wiesenthal verstorben

Nazijäger Simon Wiesenthal ist am 20. 9. 2005 um 4.00 Uhr früh in seiner Wiener Wohnung im Alter von 96 Jahren an allgemeinem Organversagen gestorben. Wiesenthal hatte bereits die letzten Jahre von Krankheit gezeichnet zurückgezogen in seiner Wohnung gelebt. Trotz des kalten Regenwetters hatten sich bereits am Abend des 20. 9. rund 40 Trauernde der Jüdischen Jugend der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) beim Holocaustdenkmal auf dem Judenplatz im ersten Wiener Gemeindebezirk eingefunden, um des verstorbenen Simon Wiesenthal zu gedenken. "Wir werden ihn niemals vergessen", erklärte Rafael Schwarz als Vertreter der Jugend. Rabbiner Josef Padres sprach in Vertretung von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg Gebetsworte für Wiesenthal. Abgeschlossen wurde die Gedenkveranstaltung mit dem Entzünden von Kerzen und einer Schweigeminute.

Auf dem Wiener Zentralfriedhof fand am 21. 9. eine Trauerfeier für Simon Wiesenthal statt. Die Familie Wiesenthals hatte sich für die Verabschiedung im jüdischen Teil des Zentralfriedhofes eine schlichte Feier gewünscht. Wiesenthals einzige Tochter Pauline war dazu mit ihrem Mann aus Israel angereist. Unter den offiziellen Trauergästen waren auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Ariel Muzicant, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP), Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ), der israelische Botschafter Dan Ashbel, US-Botschafter William Lee Lyons Brown jr. und Kardinal Christoph Schönborn.

Hunderte Holocaustüberlebende und zahlreiche Würdenträger haben am 23. 9. 2005 bei den Begräbnisfeierlichkeiten für Nazijäger Simon Wiesenthal im israelischen Herzlija noch einmal an dessen Wirken erinnert. Wiesenthal sei das "Gewissen des Holocausts" gewesen, erklärte Rabbi Marvin Hier, der Gründer des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles. "Niemand hat mehr getan als er, um die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten."

Der österreichische Kulturstaatssekretär Franz Morak erinnerte daran, dass Wiesenthal "uns hat verstehen lassen, dass Österreich gegen die Kriegsverbrecher vorgehen muss". Auf Kritik stieß, dass die israelische Regierung nur durch einen stellvertretenden Minister vertreten war. Der Bürgermeister von Herzlija, Jael German, nannte dies "eine Schande". Rundfunkberichten zufolge hatte Ministerpräsident Ariel Scharon wegen Sicherheitsbedenken auf eine Teilnahme verzichtet.

Simon Wiesenthal und das Zentrum in Los Angeles, das seinen Namen trägt, kommerzialisieren und trivialisieren den Holocaust, erklärte der Direktor des israelischen “Yad Vashem Holocaust-Zentrums” in Jerusalem. Diese Anschuldigung wurde im Dezember 1988 in der israelischen Tageszeitung “Ha’aretz” veröffentlicht. Die Brooklyner Wochenzeitung “Jewish Press” kommentierte die Anschuldigung. “Das Mißvergnügen des Yad Vashem über das, was es als Kommerzialisierung des Holocaust ansieht, ist seit langem bekannt, aber dies ist der bisher offenste Angriff”. Das Los Angeles Zentrum zahlte Wiesenthal jährlich US$ 75.000 für die Benutzung seines Namens, sagt der Direktor des Yad Vashem. “Das jüdische Volk tut viele vulgäre Dinge”, fährt der Bericht fort, “aber das Wiesenthal-Zentrum bringt es auf einen absoluten Höhepunkt: Die optimale Nutzung heikler Themen, um Geld zu machen. . . ”

Als Nazijäger soll Wiesenthal über tausend Kriegsverbrecher vor Gericht gebracht haben. Nur selten wurden dabei falsche zeugenaussagen oder Dokumentenfälschungen aufgedeckt. 
1986 entfachte Wiesenthal in den USA eine große Pressekampagne gegen den Pensionär John Demjanuk. Der aus der Ukraine stammende Demjanuk sollte hunderttausende Juden in Treblinka ermordet haben. Demjanuk wurde nach Israel ausgeliefert, wo er vor Gericht kam. Demjanuk, genannt “Iwan der Schreckliche”, wurde zum Tode verurteilt. Als Demjanuks Anwalt der Fälschung von Dokumenten auf die Spur kam, stürzte er aus dem Fenster seines Hotelzimmers. Trotzdem wurde der Prozess neu aufgerollt und Demjanuk unter dem Druck der Öffentlichkeit freigesprochen.

Im September 2003 startete auch in Österreich die Aktion  "Operation letzte Chance". Dazu wurden vom Simon-Wiesenthal-Zentrum 10.000 Dollar Prämie für Hinweise ausgesetzt, die zur Verfolgung von NS-Tätern führen. Ein großes finanzielles Risiko geht das Wiesenthal-Zentrum damit freilich nicht ein: die allermeisten Beschuldigten dürften entweder längst tot sein oder so alt und krank, dass sie in den wenigsten Fällen noch verhandlungs- oder gar haftfähig sind. Während die israelische Besatzungsmacht die Palästinenser ungestraft vor aller Augen entrechtet, enteignet und massakriert, macht das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem jetzt  Druck  auf Österreich, seine Kriegsverbrecher aus dem fast sechs Jahrzehnte zurückliegenden Zweiten Weltkrieg zu verfolgen. Im jüngsten Bericht des Zentrums über die "Weltweite Untersuchung und Verfolgung von NS-Kriegsverbrechen" wird die "Untätigkeit der österreichischen Justiz" angeprangert. Österreich sei, heißt es, "jenes Land, das, gemessen an der Zahl potentieller Verdächtiger und Täter, am wenigsten getan hat, Menschen vor Gericht zu stellen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wurde in Österreich keinem Holocaust-Täter mehr der  Prozess gemacht."

1979 war Wiesenthal maßgeblich daran beteiligt, dass in den USA das Office of Special Investigations (OSI) eingerichtet wurde, das sich mit Personen befasst, die verdächtigt werden, an Naziverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Das OSI hat dann zehn Jahre später die Entscheidung des US-Justizministers herbeigeführt, den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim auf die "Watch-List" zu setzen. 

Wiesenthal hatte bereits 1970 gegen vier Minister der Minderheitsregierung Kreiskys mit NS-Vergangenheit protestiert und dann Mitte der 70er Jahre die Waffen-SS-Vergangenheit des damaligen FPÖ-Obmannes Friedrich Peter "aufgedeckt", der die Minderheitsregierung Kreisky unterstützt hatte.

Als Kreisky darauf den Verdacht in den Raum stellte, Wiesenthal selbst könnte ein Nazi-Kollaborateur gewesen sein, klagte dieser. Kreisky nahm die Äußerung zurück, erhob sie aber rund ein Jahrzehnt später neuerlich, und wurde wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe von 270.000 Schilling verurteilt.

1946 publizierte Wiesenthal ein 85-seitiges Buch namens "Mauthausen" mit eigenen Zeichnungen und Berichten über die Grausamkeiten im Lager. Er zitiert darin auch ein " Geständnis  am Totenbett" des KZ-Kommandeurs Franz Ziereis, wonach im Lager Mauthausen und Nebenlager Hartheim vier Millionen Menschen vergast wurden. 

Wiesenthal hat eine der skurrilsten Holocaust-Geschichten propagiert, nämlich dass die Deutschen aus den Leichen ermordeter Juden Seife herstellten. Dieser Erzählung zufolge stehen die Buchstaben “RIF” auf den von Deutschen hergestellten Seifenstücken für “Pure Jewish Fat” (rein jüdisches Fett). In Wirklichkeit standen die Buchstaben für “Reichsstelle für industrielle Fettversorgung”. Wiesenthal verbreitete die “Menschenseife”-Legende im Jahr 1946 in der Zeitung “Der Neue Weg”. In einem Artikel mit dem Titel “RIF” schrieb er: “Transport für Seife” hörte man zum ersten Mal Ende 1942. Es war im Generalgouvernement. “Nachdem die Leichen in verschiedene Rohmaterialien verwandelt worden waren”. schrieb Wiesenthal, “wurde der Rest, das zurückgebliebene fettige Zeug, zur Herstellung von Seife benutzt”. Er fährt fort: Nach 1942 wußten die Menschen im Generalgouvernement sehr gut, was RIF-Seife bedeutete. Die zivilisierte Welt wird vielleicht nicht glauben, mit welcher Freude die Nazis und ihre Freunde im Generalgouvernement an diese Seife dachten. In jedem Stück Seife sahen sie einen Juden, der wie durch Zauberei da hineingebracht worden war und dadurch daran gehindert wurde, ein zweiter Freud, Ehrlich oder Einstein zu werden.
In einem anderen, im Jahr 1946 veröffentlichten phantasievollen Artikel mit dem Titel “Belzec Seifenfabrik”, sagt Wiesenthal, daß Massen von Juden mit elektrischen Duschen umgebracht worden seien: Die Menschen, zusammengepfercht und angetrieben von der SS, gehen durch eine offene Tür in ein “Bad”. Es faßt 500 Menschen. Der Boden des “Baderaums” war aus Metall, und von der Decke hingen Brauseköpfe. Wenn der Raum gefüllt war, schaltete die SS die 5.000 Volt starke Spannung in der Metallplatte ein. Zur gleichen Zeit strömte Wasser aus den Brauseköpfen. Ein kurzer Schrei, und die Hinrichtung war vorüber. Ein SS Chefarzt mit Namen Schmidt, entschied durch ein Guckloch, wann die Opfer tot waren. Eine zweite Tür wurde geöffnet, und das Leichenkommando kam herein und entfernte die Toten schnell. Es war bereit für die nächsten 500.

Wiesenthal wird die Aufspürung und Entführung Eichmanns zugeschrieben, aber der Führer des Teams, das Eichmann kidnappte, Isser Harel, erklärte, daß Wiesenthal absolut nichts mit der Gefangennahme Eichmanns zu tun hatte. Wiesenthal soll diese Operation sogar gefährdet haben, erklärte Harel. Die Behauptungen Wiesenthals in zwei Büchern über seine Rolle bei der Gefangennahme Eichmanns seien komplette Fälschungen, so Harel.

Mit dem in der Wohnung von Simon Wiesenthal gesammelten Aufzeichnungen und Material soll in Wien ein "Wiener Wiesenthal Institut für Holocauststudien" errichtet werden....

[23. September 2005]

Die in Namibia (Deutsch-Südwestafrika) erscheinende deutschsprachige Wochenzeitung "Plus" will sich von einer von ihr veröffentlichten Anzeige gegen den verstorbenen Nazijäger Simon Wiesenthal distanzieren. "Plus"-Herausgeber Hans Feddersen sagte am 28. 9. 2005, er sei dabei, eine Entschuldigung zu formulieren, die in der kommenden Ausgabe am 30. 9. erscheinen solle. Die Veröffentlichung des Inserats sei "keine gute Idee gewesen". In der Wiesenthal gewidmeten Anzeige hieß es unter anderem: "Mit Freude und Genugtuung nehmen wir den Tod eines großen Scheusals zur Kenntnis" und weiter: "Sein größtes Verbrechen war es, 96 Jahre zu leben!" Unterzeichnet war die Anzeige mit "Internationale Aktion wider das Vergessen".

Der deutsche Botschafter Wolfgang Massing hatte Feddersen in einem Brief aufgefordert, "sich unmissverständlich von dieser Hassanzeige zu distanzieren". Sie bringe deutschsprachige Namibier "wieder in den Ruf, zu den ewig Gestrigen zu gehören". 

[29. September 2005]

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