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{oder: KANN MAN AUS DER VERGANGENHEIT LERNEN?} EIN ESSAY VON EDMUND EMINGER VORWORT Der Grund für die Ereignisse von 1848, von denen fast ganz Europa erschüttert wurde, lag einerseits in der Aufklärung, hier vor allem durch die Französische Revolution, aber auch wesentlich im Freiheitsbestreben der einzelnen Völkerschaften nach dem Sieg über Napoleon. Es war das Volk der verschiedenen europäischen Nationen, die den Sieg über die napoleonischen Truppen errangen, aber es waren beim Wiener Kongreß von 1815 dann die Herrscherhäuser, die die Früchte des Sieges über Napoleon unter sich aufteilten. Alles was bei diesem Kongreß herauskam, war wieder der übliche fürstliche Länderschacher, das "Neuordnen" von Besitz und Boden der eigentlich der Masse des Volkes zustand. Eine neuerliche Unterdrückung und Ausbeutung des arbeitenden Volkes war die Folge. Durch die zunehmende Industrialisierung, welche durch die technischen Errungenschaften des beginnenden 19.Jahrhunderts nun rapide anwuchs, bildete sich in den Städten aus vom Lande vertriebenen Bauern, die in die Städte strömten, und dort schon ansässigen verarmten Handwerkern ein neuer Stand - die Arbeiterklasse: besitzlos, rechtlos, schamlos ausgebeutet. Frauen und Kinderarbeit waren an der Tagesordnung, der Arbeitstag einschließlich Samstag betrug 16 Stunden. Sie "hausten" in den Elendsquartieren der sog. "Zinskasernen". Von irgendwelchen sozialen Einrichtungen konnte keine Rede sein. Aber nicht nur die Arbeiterklasse, auch das unterjochte Bauerntum am Lande, das Kleinbürgertum, die Studentenschaft und letztlich das Großbürgertum, die Bourgeoisie, waren mit der Herrschaft des Feudaladels, der Kirche und des Hofes unzufrieden. Der Staatskanzler Fürst Klemens Lothar Wenzel Metternich entwickelte mit seinem Polizeipräsidenten Josef Graf von Sedlnitzky einen bis dahin noch nie gesehenen Polizeiapparat und ein allgegenwärtiges Spitzelunwesen, das die Bewohner Wiens bis in die Intimsphäre überwachte. Man zog sich - wenn man konnte - in seine Wohnung zurück und lebte ausschließlich für seinen Beruf und seine Familie. Irgendwelche nicht genehmen Vereine oder gar politische Agitationen waren strikt verboten. Die Geschichtsforschung nennt diese Zeit des Vormärz daher auch die "Biedermeierzeit". Es erscheint daher als nur allzu verständlich, daß es hier im Untergrund langsam zu gären begann, die Masse des Volkes ihren bisher vorenthaltenen gerechten Anteil an Regierung und Politik haben wollte. Und dieser politische Vulkan der unterdrückten Massen sollte dann im Jahr 1848 in fast allen Staaten Europas vehement ausbrechen. Dies wird derart schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, deren causale Auswirkungen bis weit in das 20.Jahrhundert hineinreichen werden. Wir sehen also, daß eine revolutionäre Explosion der vormärzlichen Zustände in Österreich unvermeidlich wurde. Sie wurde sowohl durch die Februarrevolution in Frankreich als auch durch den Ausbruch der nationalrevolutionären Energien in Ungarn ausgelöst. |
| Am 13.März 1848 wurde ohne irgendwelche Vereinbarung die Masse
der Bürger und Bauern, Studenten und Arbeiter, die bislang ohne Bewußtsein
ihrer eigentlichen Kraft und Stärke zu einer so ungeheuren zusammengeballten
Macht, daß das alte Regime buchstäblich über Nacht zusammenbrach.
Im Landhaus in der Herrengasse traten an diesem Tag die Stände zusammen.
In den zwei Vereinigungen, in denen die Bourgeoisie sich zusammenfand,
im Niederösterreichischen Gewerbeverein der Fabrikanten und im Juridisch-politischen
Leseverein der bürgerlichen Intelligenz und Beamtenschaft, waren am
13.März Besprechungen vorangegangen. Das Bürgertum forderte politische
Reformen, Teilnahme an der ständischen Vertretung in den Landtagen,
Abschaffung der Zensur, Veröffentlichung des Staatsbudgets. Einige
liberale, mit dem Kapitalismus eng verbundene Großgrundbesitzer erklärten
sich bereit, diese gesetzmäßigen Forderungen im Landtag zu vertreten.
Eine Petition wurde vorbereitet, in der es hieß: "Die periodische
Berufung eine alle Länder der Monarchie sowie alle Klassen und Interessen
der Völker vertretenden Körpers mit dem Rechte der Steuerbewilligung
und der Kontrolle des Finanzhaushaltes sowie der Teilnahme an der Gesetzgebung
kann allein der Dynastie und dem Staat neue Kraft verleihen." Gleichzeitig
wurde in der Hofburg ein Kabinettschreiben entworfen, in dem Kaiser Ferdinand
erklärte, er habe beschlossen, "aus allen Provinzen ständische
Mitglieder, und zwar aus jedem Stande ein Mitglied, nach Wien zu berufen
und sie mit einem Regierungskomitee in Berührung zu bringen, damit
sie mit demselben in Ansehung ihrer ständischen Verhältnisse
in Rücksprache treten". Es sollte also eine Art armselige Vereinbarung
zwischen dem feudal-absolutistischen Regime und der nun erstmals schüchtern
anklopfenden Bourgeoisie zustande kommen.
Unterdessen hatten aber auch die waffentragenden Studenten, die Burschenschaften,
leidenschaftliche Beratungen abgehalten und eine Adresse angenommen mit
der Forderung nach weitgehend bürgerlich-demokratischen Freiheitsrechten:
Freiheit der Presse und der Rede, des Lehrens und des Glaubens, allgemeine
Volksvertretung und deutsche Bundesreform. Die Professoren der Wiener Universität
wurden vom Hof beauftragt, um jeden Preis die Absendung dieser Adresse
zu verhindern. Aber die Studenten blieben fest, und schließlich erklärten
sich zwei Professoren bereit, die Adresse an den Kaiserhof weiterzuleiten.
Am 13.März erwarteten die Studenten die Berichterstattung. Doch als
die Professoren ohne Antwort zurückkehrten, beschlossen die Burschenschaften,
zum Landhaus in der Herrengasse zu marschieren. Schon am Vorabend waren
Mitglieder der Studentenverbindungen zu den Handwerkern und Arbeitern der
Vorstädte und zu den Weinbauern gegangen, um dort Verbündete
zu gewinnen. Der Funke zündete nun augenblicklich. In der Umgebung
Wiens flog von Dorf zu Dorf der bäuerliche Beschluß, die Robotleistungen
sofort einzustellen, und Gruppen von Bauern machten sich unverzüglich
auf, um in Wien auch ein kräftiges Wort mitzusprechen.
Noch viel durchschlagender aber war die Wirkung bei den Arbeitern in den Vorstädten: in allen Fabriken wurde am 13.März die Arbeit niedergelegt, die Arbeiter bewaffneten sich mit Eisenstangen und anderen Werkzeugen und traten den Marsch nach Wien an; unzählige Handwerker, Gesellen und Meister, wurden mitgerissen. Das zu Tode erschrockene Wiener Bürgertum ließ sofort die Stadttore schließen, Artillerie auffahren, und Schulter an Schulter mit dem kaiserlichen Garnisonstruppen "verteidigten" Mitglieder des Bürgerkorps die Mauern der Stadt gegen das Volk der Vorstädte. Nur lediglich einige hundert Arbeiter fanden Einlaß und konnten bis zum Landhaus vordringen. Sie kamen zur rechten Zeit. Das in der Herrengasse wartende Volk war noch unsicher, unschlüssig. Der Sekundararzt am Allgemeinen Krankenhaus, Dr. Adolf Fischhof, hielt eine zündende An-sprache, die erste öffentliche Rede in Österreich überhaupt. Er sagte: "Wir haben heute eine ernste Mission zu erfüllen. Es gilt, ein Herz zu fassen, entschlossen zu sein und mutig auszuharren. Wer an diesem Tag keinen Mut hat, gehört in die politische Kinderstube..." Er ließ seine Ansprache mit den Worten ausklingen: „Österreich und seine glorreiche Zukunft hoch!" Das war alles ganz gut und schön, die Zuhörer waren begeistert, aber sie wußten nicht, was nun weiter geschehen solle. Schließlich forderte der junge Arzt Josef Goldmark die wartende
Menge auf, in den Sitzungssaal des Landhauses einzudringen und die Stände
nun endlich zu einer Tat zu nötigen. Fischhof stellte sich an die
Spitze der Abordnung, aber in dem feierlichen Gebäude entstand sofort
wieder Unsicherheit, und der Vorschlag tauchte auf, eine Deputation in
den Sitzungssaal zu entsenden. Und in diesem Augenblick wehte der Odem
herein, der das zaghaft flackernde Feuer erst richtig anfachte; nämlich
die als Flugschrift abgedruckte Rede, die der ungarische Volkstribun Kossuth
im ungarischen Reichstag gehalten hatte, wurde von Hand zu Hand weiter-gegeben
und dann endlich mit lauter Stimme vorgelesen. Das war die Sprache die
verstanden wurde, das war die Stimme der Revolution: "Ja, auf uns ruht
der schwere Fluch eines erstickenden Qualms. Aus den Beinkammern des Wiener
Systems weht eine verpestete Luft uns an, die unsere Nerven lähmt,
unseren Geistesflug bannt".
Die Worte mußten immer wieder unter leidenschaftlichem Beifall wiederholt werden; und während auf der Gasse die neugierigen Bürger mehr und mehr den zu allen entschlossenen Studenten, Arbeitern und Handwerkern Platz machten, fand die Rede Kossuths immer stärkeren Widerhall: "Widernatürliche politische Systeme können sich, ich weiß es wohl, eine Zeitlang erhalten, denn zwischen der Geduld der Nationen und ihrer Verzweiflung ist ein langer Weg. Aber es gibt politische Systeme, die durch lange Dauer an Kraft nicht gewinnen, sondern verlieren, und endlich kommt der Augenblick, wo es gefährlich wäre, sie noch länger aufrecht halten zu wollen; ihr langes Leben hat sie zum Tode reif gemacht." Da klang der drohende Ruf in den Ständesaal: "Nieder mit Metternich! Nieder mit Erzherzog Ludwig! Nieder mit der Regierung!" Der Saal wurde gestürmt. Durch die Stadt zogen Arbeiter und Studenten, forderten lautstark den Sturz Metternichs und des verhaßten Polizeichefs Graf Sedlnitzky. Der Wiener Hof ließ nun Truppen aufmarschieren. Das anrückende Militär wurde von den aufgebrachten Volksmassen mit Sprechchören und Pfiffen empfangen. Man ging den Soldaten entgegen und rief ihnen zu: "Schießt nicht auf eure Brüder!" Die Führer der Studentenverbindungen hatten am Morgen noch nicht
an eine bewaffnete Revolution gedacht; jetzt allerdings wurde ihnen klar,
daß sie nicht mehr zurück konnten, daß sie siegen mußten,
daß nun alles darauf ankam, die Ereignisse weiterzutreiben Der Burschenschaftler
Hans Kudlich schrieb in seinen Erinnerungen: "Es mußte allen daranliegen,
erstens soviel Teilnehmer und Mitschuldige als nur möglich zu gewinnen,
und zweitens in den übrigen Klassen der Bevölkerung und des Arbeiterstandes
sich einen Stützpunkt zu verschaffen." Vor dem Landhaus in der Herrengasse
wurden italienische Grenadiere zum Angriff gegen die Wiener vorgejagt.
Die Arbeiter und Studenten warfen sich ihnen todesmutig entgegen. Die ersten
Gewehrsalven schlugen in die unbewaffnete Menge. Die von Erzherzog Albrecht
befehligten Truppen veranstalteten hierauf mit Kolben und Bajonetten ein
blutiges Gemetzel mit über 50 Toten, dem auch Kinder und Frauen zum
Opfer fielen.
Nun erhob sich ganz Wien, zwar führerlos, aber mit der elementaren Leidenschaft einer Jahrhunderte dauernden Knechtung. Die " gemütliche Kaiserstadt" wurde mit einem Schlag zur Stadt der Barrikaden, zur Stadt des unwiderstehlichen Volksaufstandes. Daß auf das waffenlose Volk geschossen worden war, erbitterte jetzt auch die behutsamen und ängstlichen Bürger. Der verwundete Kudlich erzählt, wie er zu dem reichen Bürger Eltz heimkehrte, dessen Kinder er unterrichtete, und wie der behäbige Patrizier sich ingrimmig aufrichtete: "Geschossen haben sie auf euch? Jetzt dürfen wir keine Geduld mehr haben. Es muß Ernst gemacht werden. So darf man mit uns nicht umspringen." Er ließ sich das Gewehr bringen, das er einst als Freiwilliger gegen Napoleon getragen hatte, und alarmierte seine Freunde vom Bürgerkorps. Die Bourgeoisie griff zu den Waffen und warf sich in den Strom der Revolution. Aber die Entscheidung brachten die Arbeiter und die Waffenstudenten. Das Bürgerkorps hatte sie am Vormittag an den Stadttoren mit Warnschüssen und Geschützen empfangen. Am späteren Nachmittag gelang es ihnen aber, einige Stadttore aufzubrechen. Das Proletariat aus den "bloßfüßigen Gründen", aus Fünfhaus, Sechshaus und anderen Vorstädten, trat in den Straßenkampf. Die "proletarischen" Barrikaden waren widerstandsfähiger als die "bürgerlichen". Auf diesen Barrikaden entstand nun die Einheitsfront, das Kampfbündnis zwischen den Arbeitern und Waffenstudenten. Die Kämpfe wurden immer erbitterter, immer härter und blutiger. Trotz allen Opfern gewann aber allmählich das Militär die Oberhand. In der Nacht aber siegte letztlich die Revolution - durch den Flammenkreis, den das Proletariat rings um Wien gezogen hatte. Tausende Arbeiter, denen es nicht gelungen war, in die Stadt einzudringen, entfesselten in den Fabriken den Maschinensturm. In einer Fabrik sagten die Arbeiter dem Unternehmer: "Sechs Wochen haben wir kein Brot, die Maschinen sind daran schuld. Wir kommen, sie zu zerstören. Leisten sie uns keinen Widerstand, so wird außer den Maschinen nichts beschädigt werden." Viele Fabriken wurden angezündet, ebenso die Villen verhaßter, ausbeutender Fabrikanten, ebenso die Mauthäuser, diese Wahrzeichen des längst vergangenen Mittelalters. Die Gasrohre wurden aufgerissen und angezündet, hochauf loderten die grellen Gasflammen. Noch in dieser Nacht mußte Clemens Fürst Metternich zurücktreten.
Er hatte zuvor verächtlich von einem "Krawall" gesprochen. Ein Deputierter
des Bürgerkorps hatte ihm darauf geantwortet: "Durchlaucht, das ist
kein Krawall, das ist eine Revolution!" Das Menetekel der Flammen rings
um Wien verkündete nun auch den Erzherzögen und Exzellenzen:
Ja, das ist die Revolution!
Die Aktion aller Klassen vom Bürgertum bis zu den Arbeitern hatte den Umschwung herbeigeführt, aber schon in dieser ersten Nacht war der Bruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat offenkundig. Welch ein tiefer innerer Widerspruch: während Männer des Bürgerkorps den Rücktritt Metternichs eben dadurch erreichten, daß die Nacht von Flammen erhellt war, schossen Männer desselben Bürgerkorps bis zum Morgengrauen auf die Arbeiter, von denen diese Flammen ausgingen. Hans Kudlich hat berichtet, daß "die in den Vorstädten aufsteigenden Feuersäulen" den Sieg des Bürgertums über den Feudalismus herbeiführten; aber es waren ja die Fabriken des siegenden Bürgertums, die dort brannten, und nach der Freiheit greifend, zitterten sie nun um ihren eigenen Besitz und um ihr Eigentum. Das Bürgertum verdankte seinen Sieg den Arbeitern und Studenten - aber es dankte mit Schüssen und Verwünschungen, und der Patrizier, der gegen die Soldateska zum Gewehr gegriffen hatte, bat noch in derselben Nacht um die Hilfe der Soldateska gegen das Proletariat. Immerhin: trotz diesem ersten blutigen Zusammenstoß zwischen Bourgeoisie und Proletariat zertrümmerte die gemeinsame Aktion des Volkes in den Märztagen das feudal-absolutistische Regime. Die Bürger und die Studenten bildeten bewaffnete Formationen, die Bürger die Nationalgarde, die Studenten die Akademische Legion. Metternich und Erzherzog Albrecht flüchteten aus Wien. Die geplante Errichtung einer Militärdiktatur unter dem Kommando des Fürsten Alfred Windischgrätz scheiterte. Nun mußte die Regierung Schritt für Schritt die Zensur aufheben, die volle Pressefreiheit bewilligen und schließlich die Forderung nach einer Konstitution, nach einer bürgerlich-parlamentarischer Verfassung, befriedigen. Das Manifest des Kaisers, in dem die Konstitution zugesagt wurde, war allerdings noch reichlich gewunden und weit entfernt von wirklichen und greifenden demokratischen Zugeständnissen. Es lautete: "Wegen Einberufung von Abgeordneten aller Provinzialstände und der Zentralkongregationen in der möglichst kürzesten Frist mit verstärkter Vertretung des Bürgerstandes und unter Berücksichtigung der bestehenden Provinzialverfassungen zum Behufe der Konstitution des Vaterlandes ist das Nötige verfügt." Also ein sinnloses, juridisches Geschwafel; da war keine Rede von Wahlen zu einer konstituierenden Nationalversammlung, keine Rede von einer wirklichen demokratischen Volksvertretung. Lediglich der Bourgeoisie wurde der Antrag gemacht, durch "Vereinbarungen" an der politischen Macht teilzunehmen und "unter Berücksichtigung" der mittelalterlichen Ständeordnung neben den Gutsherren Sitz und Stimme zu erhalten. Doch der Wortlaut kaiserlicher Manifeste war im Augenblick nicht entscheidend, sondern vielmehr entscheidend war, daß das Volk sich Bewegungsfreiheit erkämpft hatte, daß die Klassen die volle Möglichkeit hatten, sich politisch zu organisieren, daß sie über bewaffnete Formationen und über alle Mittel der freien Agitation verfügten. Nun mußte es sich zeigen, welchen Gebrauch sie davon zu machen verstanden, mit welcher Kraft und mit welchem Tempo es ihnen gelang, die begonnene Revolution auch fortzusetzen und zu vollenden. Die Gruppierungen und Forderungen der verschiedenen Klassenkräfte begannen nun allmählich klarere Formen und festere Gestalt anzunehmen. Noch war die Luft der Freiheit ungewohnt, der Boden des offenen politischen Kampfes noch unerforscht. Die Zeitungen und Schriften die nun herauskamen, waren ein Spiegelbild der allgemeinen politischen Unerfahrenheit; sie vermittelten mehr Stimmung als Programm, mehr radikale "Opposition" als politische Perspektiven. Das Bürgertum stand hinter der neuen Regierung, die eine Art "matt-liberalen" Anstrich hatte, und wollte möglichst rasch wieder "geordnete Zustände" herbeiführen, ihren gesicherten Platz in einer etwas modernisierten Monarchie einnehmen und die Arbeiter weiterhin von jedem politischen Einfluß ausschalten. Die reaktionären Adels- und Hofkreise trachteten natürlich, sich mit der Bourgeoisie zu verständigen, wobei sie hofften, mit nur sehr geringfügigen Zugeständnissen ihr Ziel zu erreichen. Auf der anderen Seite schlossen sich die Kleinbürger, die Arbeiter
und die Studenten immer enger zusammen. Die Bauernschaft hatte in allen
Ländern die Robotleistungen eingestellt, aber nur sehr vereinzelt
erhoben sie sich dabei gegen die Gutsherren. Es entstanden keine revolutionären
Organisationen von Bauern wie einst in den Tagen des großen Bauernkrieges
im 16.Jahrhundert, und die reaktionären "Landstände", also die
weltlichen und kirchlichen Großgrundbesitzer, gingen daran, sich
auf eigene Faust mit den Bauern "auszugleichen", mit ihnen Vereinbarungen
über eine "Ablöse" des Frondienstes und des Zehents zu treffen.
Die Arbeiter und Gesellen, unterstützt von den Studenten, forderten
verkürzte Arbeitszeit, Festsetzung eines Mindestlohnes, Einschränkung
des Lehrlingunfugs, der Frauen- und Kinderarbeit, Fürsorge für
Kranke und Invalide, zum Teil auch Lohnerhöhungen.
Für die Erwerbslosen wurden staatliche und kommunale Erdarbeiten
eingeführt. Die Handwerker, derer Verelendung rapid zunahm, beanspruchten
staatliche und kommunale Unterstützung, billige Darlehen, sowie Herabsetzung
der horrenden Mietzinse ihrer Elendsquartiere.
Alles befand sich in einer brodelnden, vielfältigen Bewegung, wobei sich das vollkommene Fehlen einer zielklaren revolutionären Führung immer deutlicher bemerkbar machte. Die Reaktion meinte daher, man könne das Volk durch einen politischen Handstreich überrumpeln. Einzelne ständische Körperschaften hatten Deputierte nach Wien entsandt, die einen sogenannten "Zentralausschuß" bildeten und gemeinsam mit der Regierung einen Entwurf einer sog. "Konstitution" ausarbeiteten. Nicht nur die Tatsache dieser Proklamierung über den Kopf des Volkes hinweg, sondern auch der Inhalt dieser "Konstitution" war eine Verhöhnung und ein Witz. Im wesentlichen sollte die alte ständische Gesellschaftsform aufrecht bleiben, von der Bauernbefreiung wurde nicht mit einer einzigen Silbe gesprochen. Einem gewählten Abgeordnetenhaus sollte ein ernanntes Herrenhaus gegenüberstehen, da Wahlrecht war an einen Steuerzensus geknüpft, der die Massen der arbeitenden Bevölkerung von den Wahlen ausschloß. Außerdem sollte dem Monarchen das uneingeschränkte, also absolute Vetorecht gegen jeden Beschluß der Kammern zustehen. Im ersten Augenblick kam es den politisch völlig unerfahrenen Volksmassen gar nicht zu Bewußtsein, daß sie hier in frechster Weise geprellt werden sollten. Die Verkündung einer Konstitution wurde als großer Fortschritt begrüßt und die Regierung hielt den papierenen Staatsstreich für gewonnen. Aber sie hatte die Wiener bei weitem unterschätzt. Schon Tags darauf erhob sich von allen Seiten ein Sturm des Protestes, und im Kampfe gegen den Anschlag der Regierung verdichteten sich die demokratischen Stimmungen zu klaren demokratischen Forderungen: Allgemeines und gleiches Wahlrecht, nur eine einzige Abgeordnetenkammer, Souveränität des Reichstages, Einberufung eines konstituierenden Reichstages. Die Komitees der Studenten, der Arbeiter und der Kleinbürger, die Akademische Legion und die kleinbürgerlichen Abteilungen der Nationalgarde schlossen sich noch enger zusammen und mobilisierten das Volk gegen die Regierung und die hinter ihr stehende Hofkamarilla. Die Regierung antwortete mit einer Drohung und mit einem unbedeutenden Zugeständnis; sie machte den bis auf die Knochen reaktionären Grafen Baillet-Latour, einem glühenden Verfechter der Militärdiktatur, zum Kriegsminister und erließ eine provisorische Wahlordnung, die zwar den Wahlzensus beseitigte, aber die Arbeiter von den Wahlen ausschloß. Dadurch erhoffte sie, einen Keil zwischen Arbeiter und Kleinbürger hineinzutreiben. Aber das Kampfbündnis aller Volkskräfte wurde nur noch fester, die Bewegung noch einheitlicher. Auch Teile des Bürgertums wurden mitgerissen, und der Studentenausschuß, die Akademische Legion und die Nationalgarden bildeten nun gemeinsam ein "Politisches Zentralkomitee" zur Organisierung des demokratischen Volkskampfes. Am 13.Mai 1848 trat das Politische Zentralkomitee erstmals zusammen.
Der Regierung war es gelungen, die Abteilungen der Nationalgarde der inneren
Stadtbezirke , die wohlhabenden Bürger also, zu sich herüber-zuziehen,
und der Kommandant der Nationalgarde, Graf Hoyos, erklärte durch einen
Tagesbefehl vom 13.Mai das Zentralkomitee mit dem Wesen der Nationalgarde
für unvereinbar. Auch die Regierung weigerte sich natürlich,
das Zentralkomitee anzuerkennen und Graf Latour zog Truppen in Wien zusammen.
Die studentischen Burschenschaften antworteten darauf am 14. und 15.Mai
mit "Sturmversammlungen" und alarmierten das Volk. Am 15.Mai marschierten
die Akademische Legion und die meisten Nationalgarden zur Burg, wo das
Kabinett zu einer Beratung zusammengetreten war und forderten die sofortige
Zurückziehung des Tagesbefehles Latours, die Anerkennung des Zentralkomitees,
das allgemeine und gleiche Wahlrecht, sowie die Einberufung eines konstituierenden
Reichstages. Die Forderungen wurden zuerst abgelehnt, aber das Volk blieb
jetzt standhaft. Die Herrschenden mußten nun anerkennen: das war
keineswegs mehr die unsichere, desorganisierte, vor der eigenen Courage
erschrockene Revolution, die ihnen im März entgegengetreten war, das
war nicht mehr das allgemeine, verschwommene Gefühl: "Es muß
anders werden im Staate Österreich!", das was jetzt kam, war schon
der geformte Volkswille einer den Kinderschuhen entwachsenen Volksbewegung.
Nicht mehr das zaghafte, immer nach irgendwelchen Kompromissen suchende
Großbürgertum, sondern die radikalen Kleinbürger, die Handwerker,
die Studenten, und an ihrer Seite die unterdrückten Arbeiter, standen
an der Spitze dieser Bewegung. Es war nun ein anderer Wind, der den Herren
in der Hofburg entgegenschlug. Die Regierung kapitulierte, der Kaiser unterschrieb:
Einberufung eines konstituierenden Reichstages, Wahlen ohne jede Einschränkungen.
Am nächsten Tag trat die Regierung zurück. Am 17 Mai wurde
Kaiser Ferdinand, der "Trottel", wie seine Schwägerin Sophie, die
Mutter Franz Josefs, ihn nannte, von seinen Ratgebern in einen Wagen gesetzt,
um „hinaus ins Grüne“ zu fahren. Die "Spazierfahrt" endete erst in
Innsbruck. Der Kaiser war aus dem revolutionären Wien geflohen, wie
schon einst vorhin Ludwig XVI. aus dem revolutionären Paris. Die reaktionären
Hofkreise, die den angeblich schwachsinnigen Ferdinand nach Tirol verschleppten,
hatten dabei richtig gerechnet.
Die Bourgeoisie zitterte: die Kaiserstadt Wien ohne Kaiser, hinter dem leeren Thron das Gespenst der "roten Republik". Aber auch ein Teil des Kleinbürgertums war nun beunruhigt, denn die meisten der kleinbürgerlichen Wiener waren keineswegs Republikaner, in vielen von ihnen wirkte das Schlagwort: "die kaiserlose, die schreckliche Zeit". Aber es fehlte auch in den Reihen der Befürworter demokratischer Zustände die alles ausschlaggebende Entschlossenheit, das Gebot des Augenblickes wahrzunehmen und die Ereignisse nicht treiben zu lassen, sondern zielbewußt weiterzuführen. Die offizielle "Wiener Zeitung", hinter der die Männer vom Gewerbeverein und vom Leseverein standen, schrieb in einem provokatorischen Artikel: "Des Kaisers Abreise wäre die Flucht Ludwigs XVI. und der letzte Tag seines Hierseins wäre der erste Tag der Republik! Der Kaiser kann nicht nur in Wien bleiben, er muß in Wien bleiben!" Das Bürgertum hetzte gegen die "roten Republikaner" und trachtete eine Panik hervorzurufen. Die Börse wurde am 18.Mai geschlossen, ein Run auf die Kassen und Banken setzte ein, der Sturz der Wertpapiere sollte den Bürgern den "Sturz der Ordnung" vor Augen führen. Die Reaktion griff zu dem altbewährten, schon vor Metternich angewandten Mittelchen, geheimnisvolle "ausländische Sendboten", Schweizer, Ungarn, Italiener, Polen und natürlich Juden einer "ruchlosen Verschwörung gegen den Bestand Oesterreichs" zu bezichtigen und verschärfte sofort die Handhabung der Fremdenpolizei. Das drohende "Chaos" wurde in grellsten Farben ausgemalt, und es gelang auch in der Tat, das rebellische Wien vorübergehend einzuschüchtern. Viele der unerfahrenen Führer der demokratischen Bewegung hielten
es nun für zweckmäßig, vor der Entscheidung zurückzuweichen,
anstatt politisch und propagandistisch blitzartig zum Gegenangriff überzugehen.
Julius Becher, Dr. Karl Tausenau und andere revolutionäre Journalisten
gaben einen Aufruf heraus, in dem sie vorschlugen, man möge den beliebten
Erzherzog Johann bitten, "das Staatsruder provisorisch zu ergreifen und
die Monarchie dem Abgrunde zu entreißen, der sie zu verschlingen
droht". Andererseits begannen gerade in diesen schweren Tagen manche der
jungen Revolutionäre zu erkennen, um welche große Entscheidungen
es letztlich eigentlich ging.
Zwei Journalisten, nämlich Leopold Häfner, der Herausgeber
der "Constitution" und Josef Tuvora, der Heraus-geber des "Freimütigen",
fuhren am 18.Mai in einem Einspänner in die Vorstädte, um die
Arbeiter und kleinen Handwerker zum Kampfe für die Republik aufzurufen.
Häfner forderte die Errichtung einer provisorischen Regierung mit
diktatorischen Vollmachten; diese Regierung müsse sofort Abordnungen
an das ungarische Ministerium , an den Slawenkongreß in Prag, an
die Mailänder provisorische Regierung entsenden, um so alle Völker
Österreichs zu einem Völkerkongreß nach Wien einzuladen.
Diese improvisierte Aktion, eine Mischung von im Grunde richtiger Entscheidungen
aber doch zur damaligen Zeit weltfremder Schwärmerei, vergleichbar
mit Johann Nestroys Stück "Revolution im Krähwinkel", hatte erwartungsgemäß
keinen Erfolg. Die Arbeiter waren auf Grund ihrer schlechten Erfahrungen
natürlich überaus mißtrauisch und befürchteten eine
Provo-kation. Die wunderliche Gestalt des buckligen, vor Leidenschaft übersprudelnden
Häfner wirkte nicht sehr werbend. Man fragte ihn, woher er komme,
in wessen Namen er spräche. Die meisten Arbeiter kannten ihn gar nicht
und erwiderten ablehnend, sie müßten sich erst in der Universität
erkundigen, ohne ihre Brüder, die Burschenschaftler, würden sie
nichts unternehmen. In Mariahilf wurden die beiden Journalisten sogar in
einem Wirtshaus verprügelt; Polizei griff ein und die Fahrt der beiden
verunglückten "Volkstribunen" endete im Gefängnis. Selbstredend
war die Regierung äußerst zufrieden, die Herausgeber der radikalsten
Zeitungen auf diese Art hinter Schloß und Riegel zu haben. Aus diesem,
sicher gut gemeinten, aber eigenbrödlerischen Versuch, Hals über
Kopf gleichsam hinten herum eine Republik zu proklamieren, war eine Posse
geworden. Aber aus dieser Posse wurde zur Überraschung der Reaktion
das Vorspiel einer neuen revolutionären Erhebung.
Die Zeitungen schlugen Alarm und forderten die sofortige Freilassung
der Verhafteten. Die "Constitution", nun von dem Studenten Max Gritzner
und dem alten Freiheitskämpfer aus den napoleonischen Kriegen, Ludwig
Hauk, geleitet, führte eine Sprache wie nie zuvor, erklärte sich
unumwunden für "die Zertrümmerung der österreichischen Monarchie,
die Vereinigung Deutsch-Österreichs mit Deutschland und für eine
allumfassende Republik". Wenige Tage später stürmten Arbeiter
und Waffenstudenten unter der Führung Gritzners die Wohnung des Innenministers
Freiherr von Pillersdorf und erzwangen die Freilassung Häfners und
Tuvoras.
Was war in diesen Tagen geschehen? Die Reaktion hatte zu früh triumphiert. Das erste Zurückweichen der Revolution ausnützend, hatte sie die Unterordnung der Nationalgarde unter das Militärkommando gefordert und die Verhängung des Standesrechtes angedroht. Die Grafen Hoyos und Wilczek waren aus Innsbruck zurückgekehrt und hatten im Namen des Kaisers die sofortige Auflösung der Akademischen Legion verlangt. Am 24.Mai erklärte der Unterrichtsminister die Hochschulen für geschlossen; alle Frequentationszeugnisse wurden nur gegen Waffenrückgabe erteilt. Ermutigt durch die Selbstauflösung des Politischen Zentralkomitees, beschloß das Kabinett, die Studenten zu überrumpeln, die Universitäten zu besetzen und die Akademische Legion aus diese Weise quasi über Nacht aufzulösen. Am 26.Mai erschien Graf Franz Colloredo in der Aula der Universität und proklamierte die Auflösung der offiziell unter seinem Kommando stehenden Akademischen Legion. In der Nacht schon waren Plakate gedruckt und in Wien angebracht worden, die das Standrecht verkündeten. Aber noch in derselben Nacht hatten die Arbeiter der Buchdruckereien die Burschenschaften von dem geplanten Anschlag der Reaktion verständigt, und die Lettern wurden in Kugeln umgegossen. Die Studenten lösten die Legion nicht auf, sondern riefen sie zu den Waffen. Die Arbeiter von Wien zogen zur Universität, um die Waffenstudenten zu unterstützen. Aus den Vorstädten, aus den Umgebungsorten Wiens marschierten die kleinbürgerlichen und proletarischen Nationalgarden von allen Seiten heran, und vergebens bemühten sich Agenten der Regierung und der Kirche, sie durch Bestechung und Propaganda gegen die Studenten aufzuwiegeln. Auf den Bahnhöfen wurden die Schienen aufgerissen, um das Heranführen von Truppen aus den Provinzen zu verzögern, und abermals wurde Wien in nur wenigen Wochen zur Stadt der Barrikaden. Die Hofkamarilla hatte vergeblich erwartet, die monarchistische Stimmungsmache habe den revolutionären Willen der Kaiserstadt "eingeschläfert", die Drohung mit "Chaos" und Standrecht habe das aufrührerische Volk eingeschüchtert - und nun stand eben dieses Volk auf den Barrikaden, den Finger am Abzug des Gewehrs, die Burschenschaften mit dem Säbel in der Hand, zum Kampf auf Leben und Tod fest entschlossen. Zu diesem Kampf jedoch war die Reaktion nicht gerüstet. Der Großteil der verläßlichen Regimenter stand in Oberitalien, hart bedrängt von italienischen Freischärlern, die ebenfalls nach Freiheit strebten. Die bewaffneten Studenten, gemeinsam mit den Vorstadtgarden und vor allem mit den etwa 20.000 Mann straff organisierten Erdarbeitern, waren zu diesem Zeitpunkt den Streitkräften der Regierung überlegen. Ein neuerlicher Sieg der Revolution, im blutigen Straßenkampf errungen, mußte das Kraftgefühl, das revolutionäre Bewußtsein der Volksmassen gewaltig steigern und konnte so zum Sturmsignal für alle österreichischen Völkerschaften werden. Die Regierung wagte es daher nicht, die von ihr heraufbeschworene Schlacht anzunehmen. Sie zog die Truppen zurück, sie trat in hinhaltende Verhandlungen mit den Führern der Volksbewegung. Die ganze Nacht über brannten in den Straßen. auf den Plätzen und Basteien von Wien die Wachfeuer, die ganze Nacht blieben Trupps der Arbeiter und Studenten wachsam auf den Barrikaden. Die Zugeständnisse der Regierung waren augenscheinlich weitgehende: sie bestätigte nicht nur alles schon früher Zugestandene, sie mußte sich auch dazu bequemen, die tatsächliche Macht in Wien den Kampforganisationen des Volkes zu übergeben. Ein Sicherheitsausschuß der Bürger, der Nationalgarden und der Akademischen Legion wurde eingesetzt; er solle in Wien die politische Macht ausüben und darüber wachen, daß niemand die neuen Volksrechte in Österreich antaste. 36 leichte Kanonen wurden der Nationalgarde ausgefolgt. An den Stadttoren wurden neben den Wachstuben des Militärs auch Wachlokale der Nationalgarden eingerichtet. So gesehen, war es an sich ein großer Sieg der Revolution - allein
die Sieger selbst verstanden nicht, was er in Wahrheit bedeutete. "In Wien
war tatsächlich die Republik, aber leider ahnte dies niemand!", hat
der Historiker der Revolution, Karl Zenker, rückblickend festgestellt.
Als die Zugeständnisse der Regierung bekanntgegeben wurden und Studenten
und Vorstadtgarden in freudiger Erregung die Barrikaden verließen,
weigerten sich die Arbeiter, ihnen Folge zu leisten.
Sie und Teile der Burschenschaften blieben weiterhin unter Waffen, und auch die Befreiung Häfners und Tuvoras konnte sie nicht dazu bewegen, die Barrikaden zu räumen. Sie wußten zwar nicht genau, was sie wollten, sie hatten nur das dunkle Gefühl, es sei noch nicht alles getan, das bewaffnete Volk müsse noch beisammen bleiben, die Revolution dürfe sich jetzt noch nicht zur Ruhe begeben. Erst durch eine neuerliche List gelang es dem neugebildeten Sicherheitsausschuß, sie von der Kampfstätte hinwegzulocken. Ein feierlicher Siegeszug wurde organisiert und schließlich vor den Stadtmauern aufgelöst; die Arbeiter kehrten zurück in ihre Elendsquartiere; mit dem Endergebnis der revolutionären Maitage weniger zufrieden als die Studenten und Kleinbürger. Trotzdem war Großes erreicht. Wenn der Sicherheitsausschuß unter Dr. Adolf Fischhof verstand, daß er das politische Machtorgan des Volkes war, wenn er das Eisen zu schmieden wußte, solange es heiß war, dann konnte der Sieg der Mairevolution entscheidend sein. In Wien war eine Doppelherrschaft errichtet; mit einem nun starken Übergewicht des Sicherheitsausschusses über die Regierung. Die kaiserlichen Truppen waren vom Schauplatz weit entfernt, festgehalten
in Oberitalien; die noch verfügbaren Regimenter wurden im Raum Böhmen
konzentriert, wo in Prag der Slawenkongreß zusammentrat und die demokratische
Bewegung der Tschechen zunehmend an Umfang gewann. Die Machthaber waren
eingeschüchtert; ihre Strategie bestand darin, Zeit zu gewinnen, den
Gegner hinzuhalten; seine Kräfte zu zersplittern, um schließlich
an irgendeiner Stelle eine isolierte Volksbewegung niederzuwerfen und die
Wende zu den alten Zuständen wieder herbeizuführen. Demgegenüber
war es die Aufgabe des Sicherheitsausschusses, schnell und entschlossen
den errungenen Sieg auszunutzen, alle revolutionären Energien zu vereinigen,
auf keinen Fall der Reaktion die Initiative zu überlassen. Der Sicherheitsausschuß
war aber dieser großen Aufgabe nicht gewachsen. Anstatt sich auf
den Kampf um die Macht zu konzentrieren, verzettelte er seine Kraft in
hundert kleinen und nebensächlichen Tagesfragen, in stundenlangen
sinnlosen Geschwafel, Debatten und mehr oder minder ziellosem Praktizismus.
Es gab kein klares Programm, keinen strategischen Plan, keine wie auch
immer geartete politische Generallinie.
Eine Episode möchte ich hier anführen, da sie kennzeichnend für diese Tage war. Am 11.Juli 1848 berichtete der "Studenten-Courier", daß in der Alservorstadt ein Mann verhaftet wurde, weil er es wagte, das Wort "Republik" auszusprechen. Die Zeitung der revolutionären Studenten fügte hinzu: "Oh, Wiener, gewöhnt euch einmal an dieses Wort und verwechselt Republik nicht mit Anarchie! Nur unter einer republikanischen Verfassung kann das Heil und Glück des Volkes sich wahrhaft entwickeln." Am nächsten Tag brachte das Blatt einen Leitartikel: "Die Republik in Wien", in dem der Sicherheitsausschuß mit den Worten gerühmt wurde: "Er leitet die Angelegenheiten unserer Stadt und fordert Rechenschaft über Schritte, welche das Wohl des Volkes gefährden; er stürzt sogar das Ministerium, wenn es auf der Seite der Fürsten und nicht auf der Seite des Volkes ist. Und bedenkt, Wiener, das dieser Ausschuß ganz und gar an republikanische Verfassung erinnert, wo ebenfalls ein Ausschuß, aus gewählten Männern des Volkes bestehend, an der Spitze der Regierung steht." Aber das alles waren nur schöne Worte, Worthülsen, kein entschlossener Kampf für die Republik, sondern eher ein vorsichtiges Zureden, daß die Republik ja doch gar nicht so schlecht sei, wie die Monarchisten dies behaup-teten. Eines war aber richtig: das alte Innenministerium wurde am 8.Juli unter dem Druck des Sicher-heitsausschusses gestürzt. Aber das daraufhin neugebildete Ministerium war in der Tat noch schlimmer als das alte. Das Volk ließ sich durch ein liberales Aushängeschild, durch den konzilianten Innenminister Freiherr von Doblhoff irreführen; doch hinter diesem neuen Innenministerium standen die erbitterten reaktionären Volksfeinde, der Ministerpräsident Freiherr von Wessenberg, der Kriegsminister Graf Latour, der Justizminister Dr. Freiherr von Bach. Bach, anfangs ein begeisterter Revolutionär, änderte aber seine politische Gesinnung wie ein Chamäleon und trat in die Dienste der Reaktion. Diese Vertreter der konterrevolutionären Militärclique erblickten in dem blutrünstigen Fürsten Alfred Windischgrätz ihr Oberhaupt, einem Mann, der gesagt haben soll, daß bei ihm der Mensch erst beim Baron beginne. Windischgrätz hatte am 17.Juni unter massiven Artillerieeinsatz den Aufstand der tschechischen Revolutionäre in Prag blutig niedergeworfen und das revolutionäre Wien war Prag nicht zu Hilfe gekommen. Kaum bemerkt von den Wienern, denen die Zeit der Entscheidung langsam zwischen den Fingern zerbröckelte, verschob sich nun das Kräfteverhältnis mit jedem Tag mehr zugunsten der Reaktion. Die Maitage 1848 waren der Höhepunkt der revolutionären Volksbewegung. Die Bourgeoisie, die noch in den Märztagen mit der Revolution marschierte, war zwar großteils auf die Seite der Reaktion übergegangen, aber Kleinbürger, Studenten und Arbeiter standen weiterhin vereinigt auf den Barrikaden, und ihnen half in ihrem Rücken, freilich nicht aktiv, aber riesenhaft und drohend, die wohl zahlreichste Klasse der ins Zeitalter des Kapitalismus tretenden Gesellschaft, das Bauerntum. Nur im Bündnis aller dieser Klassen lag der Lorbeer des Sieges; aber nur eine fest entschlossene revolutionäre Politik, die alle Interessen und Bedürfnisse dieser Klassen in zielsicheren Aktionen fest miteinander verbindet, konnte die Einheitsfront aufrecht erhalten und sie dauerhaft untermauern. Doch das Gegenteil geschah; die schwärmende, zögernde und schwankende Politik der jungen Demokratie ließ immer mehr und mehr Widersprüche zwischen den Verbündeten hervortreten. Die Wünsche des Kleinbürgertums, seine Hoffnungen auf die Revolution, trugen in sich selbst den Widerspruch. Die ungeheure Masse der vom Elend bedrohten oder schon verelendeten Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden wollten vorwärts zur demokratischen Neuordnung und gleichzeitig zurück in das vergehende Mittelalter mit seinem "Zünftlertum". Sie haßten den Absolutismus mit seiner feudalen Lotterwirtschaft und seiner bedrückenden Bürokratie, aber noch glühender haßten sie den aufsteigenden Kapitalismus mit seiner Forderung nach Freiheit der Industrie und Freiheit der Konkurrenz. Kurz gesagt bestand ihr Widerspruch darin, das sie politisch revolutionär aber ökonomisch reaktionär waren; sie waren ein Träger der demokratischen Revolution und gleichzeitig eine Reserve der Konterrevolution, die ihnen die Rückkehr zur "guten alten Zeit" vorgaukelte. Und je weniger die Revolution voranschritt, desto mehr gerieten sie auf die Abwege ihrer zünftlerischen Forderungen, die schließlich zu den dunklen Mächten der Vergangenheit zurückführen mußten. Schon im Juli 48 traten in allen Ländern "Gewerbetage" zusammen, die gegen die Gewerbefreiheit und für den Zunftzwang demonstrierten und somit den Reaktionären reichlich Gelegenheit boten, die Kleinbürger gegen die Arbeiter und Studenten aufzuwiegeln. Auch in Wien setzten von allen Seiten Massendeputationen der Zünftler ein, die nicht nur die Regierung, sondern auch den Sicherheitsausschuß bestürmten und endlose Diskussionen über die verworrensten Programme zur Rettung des unhaltbar gewordenen Zunftsystems hervorriefen. Einer dieser vielen kleinbürgerlichen, engstirnigen "Projektemacher", August Swoboda, hatte sogar einen sogenannten "Privatdarlehensverein ohne Hypothek" ausgeklügelt, einen natürlich schwindelhaften Plan, Darlehenskassen ohne Verzinsung für die notleidenden Handwerker zu eröffnen. Obwohl für jeden halbwegs vernünftigen Menschen einleuchtend war, daß diese "Wunderkassen" in kurzer Zeit zusammenbrechen mußten, klammerten sich die hungernden Handwerker an die Erfindung des August Swoboda. Tausende Aktien wurden ausgegeben, und einige Minister der neuen Regierung zeichneten, offenkundig aus rein demagogischen Erwägungen, größere Beträge. Der Krach der Aktien ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Aber bevor ich seine politischen Konsequenzen darstelle, müssen wir, um den Zusammenhang der Ereignisse zu wahren, erst unseren Blick den Klassenkämpfen der Bauern und der Arbeiter zuwenden. |
| Am 22.Juli 1848 trat in Wien der demokratisch gewählte Reichstag
zusammen. Nach den ersten Feierstunden der jungen Demokratie erhoben sich
vor den Abgeordneten unmittelbar zwei große, wesentliche Fragen:
die nationale Frage und die Bauernfrage. Beide standen in engem Zusammenhang.
Die slawischen Abgeordneten bildeten die Mehrheit, und einen großen
Teil dieser Mehrheit stellten die tschechischen, slowenischen, ukrainischen
und polnischen Bauern. Die wenigsten von ihnen verstanden deutsch, der
Großteil waren Analphabeten - aber viele waren gekommen, um für
die Demokratie zu stimmen, denn dieses Zauberwort bedeutete eigenes Land
und Brechung der Fronknechtschaft. Ihre Wähler hatten ihnen gedroht:
"Wenn ihr ohne Bauernfreiheit aus Wien zurückkommt, werden wir euch
erschlagen." Es war zwar schon in den einzelnen Ländern zu Vereinbarungen
zwischen den Vertretern der Bauernschaft und den feudalen Landständen
gekommen, und schon damals hatten die bäuerlichen Unterhändler
das schwere Argument in die Waagschale geworfen: "Wenn wir mit leeren Händen
ins Dorf zurückkehren, kostet es unseren Kopf - aber euren auch!"
Die Gutsherren hatten sich daher zu weitgehenden Zugeständnissen bereit
gefunden, und eben diese lokalen Vereinbarungen waren ein schwerwiegendes
Hindernis für eine allumfassende revolutionäre Bauernbewegung.
Nun aber sollte der Reichstag die Bauernfreiheit verbürgen und verbriefen, und es galt nun, diese mächtigen ländlichen Reserven mit dem allgemeinen revolutionären Strom zu vereinigen. Die meist akademischen Abgeordneten der Städte mit meist rein deutscher Bevölkerung brachten jedoch den Bauern nur wenig Verständnis entgegen. Geringschätzig blickten sie auf die unbeholfenen, um Worte ringenden Bauern herab, die in ihren bunten Nationaltrachten den Geruch einer fremden Erde in den Sitzungssaal trugen. Auch war es für die meisten Abgeordneten sowie für die städtische Bevölkerung eine ausgemachte Sache, daß die Slawen von Natur aus reaktionär seien - und nun gar die slawischen Bauern mit ihrer übertriebenen Frömmigkeit und ihren altväterlichen Vorurteilen. Die Wiener Zeitungen höhnten über die "Majorität der Bauern", und anstatt alles daranzusetzen, die slawischen Bauern in schärfsten politischen Gegensatz auch zu den slawischen Vertretern der Reaktion zu bringen, hat die deutsch-österreichische Demokratie in nationalem Dünkel genau das Gegenteil bewirkt. Der Kampf um die Verhandlungssprache, der sofort nach der Eröffnung
des Reichstages entbrannte, war ein böses Omen. Die deutschsprachigen
Abgeordneten wollten von der Gleichberechtigung der slawischen Sprachen
nichts wissen, die deutsche Staatssprache sollte auch den Reichstag beherrschen,
der zusammengetreten war, um die Demokratie zu konstituieren. Nach endlosen,
die nationalen Leidenschaften aufwühlenden Diskussionen kam es zu
einem unbefriedigenden Kompromiß. Für eine geregelte, objektive
Übersetzung wurde nicht gesorgt, obwohl dies leicht machbar gewesen
wäre. Die slawische Bauernschaft war so auf höchst summarische
und willkürliche Übersetzungen angewiesen, und bei wichtigen
Abstimmungen kam es vor, daß sie unwissentlich gegen ihre eigenen
Interessen und Forderungen stimmten, weil reaktionäre Übersetzer
den Sinn einer Rede oder eines Antrages bewußt entstellt und verfälscht
hatten.
So war es zum Beispiel bei der entscheidenden Abstimmung über den Antrag, daß die Bauern den Gutsherren keine Ablöse für die Befreiung von den Lasten des Mittelalters zu entrichten hätten; viele Bauern aus Galizien stimmten gegen den Antrag, weil sie von ihren Übersetzern irregeführt wurden, und gaben mit ihren Stimmen den Ausschlag zugunsten des Adels. Im Reichstag war es der jüngste Abgeordnete, der kaum 25 Jahre alte Burschenschaftler und Student der Medizin, Hans Kudlich, der die Sache der Bauern mit dem ganzen Schwung seiner Jugend und der ganzen Einsicht eines wahrhaftigen Volkstribunen verfocht. Kudlich, selbst ein Bauernsohn, war allen seinen Mitkämpfern an revolutionärer Kühnheit gepaart mit politischer Vernunft weit überlegen und gehört zu den wohl bedeutendsten Gestalten der österreichischen Geschichte in dieser Zeit. In seiner deutsch-böhmischen Heimat unermüdlich bestrebt, eine feste Einheit zwischen den deutschen und tschechischen Bauern herzustellen, wurde er im Reichstag zum Sprecher aller Bauern, zum gefürchteten Feind aller reaktionären Kreise. Schon am 26.Juli stellte er den Antrag, das Untertänigkeitsverhältnis mit allen daraus entsprungenen Rechten und Pflichten sofort aufzuheben. Er forderte weiters, daß der Reichstag sofort in die Diskussion über seinen Antrag eintrete. Die Diskussion wurde jedoch mit allen möglichen formalen Ausflüchten hinausgeschoben, bis die drohende Haltung der bäuerlichen Abgeordneten die Vertreter der Reaktion einschüchterte. Am 8.August legte Kudlich einen klar formulierten Gesetzesentwurf vor und begründete ihn mit einer zündenden Rede, wie sie in Österreich nie zuvor gehört wurde. "Meine Herren!" rief der junge Führer der Bauernschaft dem Reichstag zu: "Die ganze Geschichte Österreichs tritt heute vor uns und fordert Genugtuung, damit die Unbilden der alten Zeit ausgeglichen werden; sie fordert die Anerkennung Österreichs, daß das Volk von Österreich gerechter war als seine früheren uneingeschränkten Herrscher! Meine Herren! Was sie heute aussprechen sollen, ist kein Paragraph der Geschäftsordnung. Das ist die Thronrede des österreichischen Volkes... Sprechen Sie ein Wort, daß nicht bloß ein Wort des Friedens sein soll, sondern ein Donnerwort in die Paläste der Großen, die noch immer auf unsere Schwächen und Unentschiedenheiten fort lossündigen!" Aber der Wiener Reichstag von 1848 war nicht die französische Nationalversammlung
von 1789, die in der denkwürdigen Nachtsitzung vom 4.August einstimmig
die Befreiung der französischen Bauern proklamierte. Es war seit dieser
weltgeschichtlichen Nacht nicht nur ein halbes Jahrhundert vergangen, in
dem die Beziehungen der Klassen wesentlich komplizierter geworden waren,
sondern es fehlte dem Wiener Reichstag auch der handfeste Hintergrund der
Einstimmigkeit vom 4.August 1789 in Paris: nämlich der "Rote Hahn"
der lodernden Adelsschlösser, in Brand gesteckt vom jahrhundertelang
geschundenen und geknechteten Bauernhänden. Es war damals die Rede
eines französischen Bauern, die die rasche Entscheidung herbeiführte.
Die wichtigsten Passagen dieser Rede lauteten: "Ein allgemeiner Schrei
läßt sich vernehmen. Sie haben keinen Augenblick zu verlieren.
Jeder Tag Aufschub führt neue Brände herbei! Wollen Sie ihre
Gesetze erst einem verwüsteten Frankreich geben?" Das war die Sprache,
die von allen verstanden wurde, und sogar die Gutsherren stimmten mit zitternder
Erregung für das Ende ihrer Fronherrschaft. Auch die Wiener Märzrevolution
hat, wie Kudlich später berichtete, durch „die in den Vorstädten
aufsteigenden Feuersäulen" gesiegt; doch keine „Feuersäulen“
stützten seinen Antrag für die unverzügliche Bauernbefreiung.
Die Diskussionen schleppten sich endlos hin. Die Vertreter des Adels, der Kirche und des Bürgertums faselten stundenlang, tagelang, über einzelne Paragraphen und nebensächliche Formalitäten - und inzwischen waren ihre Agenten in den Provinzen eifrig am Werk, um in jedem einzelnen Land zu bindenden Sondervereinbarungen mit den Bauern zu gelangen, wobei sie ausgiebigst gegen den Reichstag hetzten, der die Bauern an der Nase herumführe und sich auf den kaiserlichen Hof beriefen, der in angeblicher „väterlichen Fürsorge" darauf dränge, die gerechten Wünsche des Landvolkes zu befriedigen. Die Reaktion hatte begriffen, daß sie die Bauern aus der Fronknechtschaft entlassen mußte, um nicht alles zu verlieren, sann aber bereits auf andere Formen der Unterdrückung und Ausbeutung. Für die Gutsherren spitze sich alles auf die Frage zu, von den Bauern eine möglichst große Entschädigung für die preisgegebenen Privilegien herauszupressen, selbstredend mit den Hintergedanken, daß die Bauern ja gar nicht fähig wären die gestellten Forderungen zu erfüllen und dadurch in eine neuen Abhängigkeit, nur mit einem anderen Gesicht als früher, zu geraten. Und diese grundlegende Frage: "Geldablöse oder entschädigungsfreie Befreiung vom Joch" rückte nun auch im Reichstag immer mehr in den Mittelpunkt. Die Bauern aller Nationalitäten standen wie ein Mann hinter Kudlich, der für sie die gerechte und entschädigungsfreie Befreiung forderte. Ein Bauer aus Kärnten forderte: „Eine namentliche Abstimmung verlange ich, damit man auch weiß, wer diese Unterdrücker noch in Zukunft unterstützen will, und der Untertan es erfahre, wer ihm noch ferner eine ungerechte Steuer abpressen will." Ein Bauer aus Böhmen rief: „Die Köpfe jener, die für die Entschädigung stimmen, sind nicht mehr wert, als die anatomischen Anstalten für sie bezahlen!" Ein ukrainischer Bauer schilderte mit leidenschaftlichen Worten das schreckliche Regime der Gutsherren und streckte die geballte Faust in den Saal: „Und für diese Mißhandlungen sollen wir jetzt noch Entschädigungen leisten? Ich sage nein! Die Peitschen und Knuten, die sich um unsere Köpfe und unseren geschundenen Körper gewickelt haben, damit sollen sich die Herren begnügen, das soll ihre Entschädigung sein!" Das alles waren aufrüttelnde Worte - aber hinter den Worten erhob sich nicht die Tat. Die Demokraten, von denen einzig und allein der Burschenschaftler Kudlich die ganze Bedeutung der Bauernfrage erfaßte, hatten es leider verabsäumt, aufs flache Land hinauszugehen, um dort die Bauern aufzurufen, sich zu einigen, sich zu mobilisieren. Kudlich war sicherlich der einzige, der verstand, daß es auch der Revolution der Bauern als mächtige Rückendeckung bedurfte und das unendlich viel, ja vielleicht auch alles davon abhing, die Bauernfrage unlösbar mit den politischen Fragen der Revolution an sich zu verknüpfen. Es ist aber auch ihm leider nicht gelungen. In der Abstimmung vom 30. August 48 wurde die Untertänigkeit der Bauern einstimmig aufgehoben. Der Antrag auf entschädigungslose Befreiung wurde aber mit einer Mehrheit von vier Stimmen abgelehnt. Ich erwähnte bereits zuvor, daß diese Stimmen absichtlich irregeführter galizischer Bauern dazu den Ausschlag gegeben haben. Am 24.September 1848 veranstalteten die Bauern in der inneren Stadt
einen Fackelzug für den jungen Volkstribunen. Aus dem ganzen damaligen
Österreich kamen Bauerndeputationen, um Hans Kudlich zu danken und
ein Bekenntnis zur Freiheit abzulegen. Kudlich war aber von schweren Sorgen
erfüllt. Er ahnte bereits instinktiv, daß die so hoffnungsvoll
begonnene Revolution einen Kampf auf Leben und Tod entgegenging, aber verstand
auch, daß die Bauern durch das nun bisher Erreichte im wesentlichsten
bereits befriedigt waren, das von Ihnen, solange ihre ureigenste Errungenschaft
nicht bedroht wurde, aktive politische Unterstützung wohl kaum mehr
zu erwarten wäre. Es klang wie eine tragische Beschwörung, als
er ihnen zurief: "Seid wachsam! Und wenn der Löwe der Aula (die Studenten
der revolutionären Burschenschaften) wieder ruft bei nahender Gefahr,
so laßt‘ die Flammenzeichen leuchten von Berg zu Berg. Ihr werdet
kommen. Ihr werdet kommen und nicht dulden, daß man die Studenten
überfalle und über ihre Leichen schreitend die junge Freiheit
vernichte!" Das daraufhin abgegebene Gelöbnis der Bauern verhallte
in der Dunkelheit. Als einen Monat später die Revolution in Wien zum
letztenmal auf der Barrikade stand, kam keinerlei Hilfe seitens der Bauernschaft.
Die Reaktionären, die Konterrevolution, war klug genug, den Bauern
ihre Errungenschaften feierlich zu garantieren. Und die Revolution hatte
nicht rechtzeitig alle Kräfte, Kleinbürger, Bauern, Arbeiter
und Studenten, zum alles entscheidenden politischen Sturm gegen die um
Zeitgewinn ringenden volksfeindlichen Kräfte der Reaktion zusammenfassen
können. Es wäre allerdings vollkommen falsch, den Bauern daraus
einen Vorwurf zu machen, wie manche verbitterte, aber durch und durch ehrliche
revolutionäre Historiker es nachträglich getan haben. Die eigentliche
geschichtliche Schuld lag sicher bei jenen, die in ihrer revolutionären
Strategie dem Bündnis mit den Bauern nicht den notwendigen gebührenden
Platz - aus welchen Gründen auch immer - einzuräumen gedachten.
Nach dem Sieg der Mairevolution in Wien und auch zum großen Teil
unter dem Eindruck der gleichzeitig stattfindenden Klassenkämpfe in
Frankreich begannen die fortgeschrittensten Teile der Arbeiterschaft sich
zu eigenen Organisationen zusammenzuschließen.
Als am 24.Juni 48 die Nachricht von dem Verrat der Bourgeoisie, von der blutigen Niedermetzelung der Pariser Arbeiterschaft durch die Garden Cavaignacs eintraf, griffen die Arbeiter von Wien, unterstützt von den Burschenschaftlern, zu den Waffen und zogen in die Stadt. Ihr revolutionärer Instinkt sagte ihnen, daß die Pariser Ereignisse für die unterdrückten Massen aller Länder eine ernste Warnung waren. Die bürgerliche Nationalgarde ließ gegen die Arbeiter die Geschütze auffahren und trat ihnen an der Stadtlinie drohend entgegen. Nun griffen die Studenten vermittelnd ein und bewogen die berechtigt aufgebrachten Arbeiter, sich einstweilen zurückzuziehen. Noch am selben Tag, dem 24.Juni 1848, wurde der "Erste allgemeine Arbeiterverein" gegründet. In ihm schlossen sich vor allem die Handwerksgesellen zusammen. An seiner Spitze stand der vielgereiste, urwüchsig hochbegabte Schustergeselle Friedrich Sander. Der Verein hatte schon bald an die 2.000 Mitglieder. Sein Programm enthielt die allgemeinen demokratischen Forderungen. Wenige Tage darauf entstand der "Radikale liberale Verein", in dem sich unter der Leitung des äußerst klugen und energischen Dr. Chaises die Fabrikarbeiter organisierten. An sich war das Programm der nun halbwegs organisierten Fabriksarbeiter
das Programm einer demokratischen Republik schlechthin. Die dabei schlagkräftigste
Organisation waren jedoch die von der Gemeinde Wien besoldeten 20.000 Erdarbeiter,
die unter der straffen Führung von jungen Technikern der Wiener Universität
zusammengefaßt waren. Vor allem in ihnen erblickte die Bourgeoisie
die größte Gefahr; dieser zu allem entschlossenen Armee der
Revolution das Rückgrat zu brechen, war nun der nächste Plan
der neuen "liberalen" Regierung.
Am 18.August setzte der neue Arbeitsminister Ernst von Schwarzer den Taglohn der Erdarbeiter um fünf Kreuzer herab, das im Schnitt einer Verdienstschmälerung von etwas mehr als 20% entsprach. Nomen est Omen: der Herr Schwarzer hatte eingangs als Herausgeber der "Allgemeinen österreichischen Zeitung" den unbestechlichen Demokraten vorgespielt, und auch die Bourgeoisie war anfangs gegen ihn mißtrauisch. Um so eifriger war er dann bemüht, seine "Loyalität" und seinen Eifer im Dienst der "Ordnung" zu beweisen. Die Ausgaben für die "unproduktiven" Erdarbeiter waren zweifellos eine finanzielle Belastung; aber daß es sich nicht um Finanzfragen, sondern um reine Machtfragen handelte, ging schon daraus hervor, daß der Justizminister Freiherr von Bach unmittelbar nach der Lohnkürzung erklärte, das Ministerium werde "anarchische und republikanische Umtriebe" nicht dulden. Die kleinbürgerlichen Demokraten durchschauten zu wenig die wirkliche Absicht Schwarzers und meinten, fünf Kreuzer seien kein politisches Kampfobjekt. Der "Arbeiterkönig" - so nannte man den erst zwanzigjährigen Student Willner, der im Sicherheitsausschuß die Interessen der Arbeiterschaft zu vertreten hatte - und seine Verbandsbrüder aus der Akademischen Legion und den Vorstadtgarden trachteten die erbitterten Erdarbeiter zu beschwichtigen. Sie warnten vor ernsthaften Widerstand und betonten ihre "Neutralität" in dieser neuerlichen, von der Bourgeoisie herbeigeführten Auseinandersetzung mit den ärmsten der Armen. Die Erdarbeiter wehrten sich zunächst mit einem scharfen Witz, der in Österreich stets eine Waffe des Volkes war, indem sie im Prater eine satirische Leichenfeier für den Arbeitsminister Schwarzer veranstaltete. Eine modellierte Figur aus Lehm mit Kreuzerstücken im Mund wurde aufgebahrt und in einer Grabrede wurde verkündet: "Viere hat er verschluckt, beim fünften ist er erstickt." In der Brigittenau wurden drei Gräber ausgehoben, im mittleren wurden fünf Kreuzer beerdigt, für deren "arme Seelen" die Arbeiter bei der Zuschauermenge Spenden einsammelten. Die Gräber rechts und links blieben offen; "für die Stadtgardisten", erklärten die Arbeiter. Hinter dem Spott erhob sich allerdings bereits die drohende Kampf-entschlossenheit der Arbeiterschaft. Am 23.August bewegte sich von den Praterauen ein solcher "Leichenzug"
in Richtung Innere Stadt. Auf einem Esel schwankte eine Lehmpuppe, ein
Fünfkreuzerstück zwischen die Lippen geklemmt, und auf der Brust
einen Papierstreifen mit der Aufschrift: "Der Fünfkreuzerminister".
Hinterdrein marschierten Arbeiter, Frauen und Kinder mit Schaufeln und
Krampen. Am Praterstern traten bewaffnete reaktionäre Stadtgarden
den demonstrierenden Erdarbeitern entgegen und forderten, daß der
Zug sich sofort auflöse. Als die Demonstranten auf ihr verbrieftes
Recht zu demonstrieren aufmerksam machten und sich weigerten die Demonstration
aufzulösen, eröffneten die Bürgergarden grundlos das Feuer
auf die waffenlosen Arbeiter. Die berittenen Bürgersöhne hieben
auf die Flüchtenden ein, töteten 28 Männer, Frauen und Kinder
und verletzen einige Hundert schwer. Dann kehrten sie mit "erbeuteten"
Fahnen zurück, mit den "Fahnen des 26.Mai", wie sie prahlerisch triumphierten.
Es war dies die „Revanche“ der Bourgeoisie für die Mairevolution.
Der Schlag der Konterrevolution gegen das Proletariat hatte schwerwiegende Folgen für die neue, kleinbürgerliche Demokratie. Der Innenminister schrieb einen drohenden Brief an den Sicherheitsausschuß, in dem es hieß, daß "die gegenwärtigen außerordentlichen Umstände die Konzentrierung der exekutiven Verwaltung in den Händen des Ministeriums nötig machen". Die Beseitigung der verhaßten Doppelherrschaft wurde gefordert. Im Lager des Kleinbürgertums herrschte zunehmend Verwirrung. Zwar schrieben die Zeitungen leidenschaftliche Artikel gegen die "Menschenjagd" und prangerten die Bestialität der Stadtgarden an; zwar gingen die Journalisten Jellinek und Stifft, die bisher an der Zeitung Schwarzers mitgearbeitet hatten, zur Zeitung Bechers, zum "Radikalen", und Stifft veröffentlichte einen Artikel, in dem er schrieb: "Wenn ein 'Demokrat' Arbeiter schlachten läßt, dann ist die Ministerbank nicht besser als die Bank, die den Galeerensträfling trägt!" - aber die darauffolgenden Taten entsprachen nicht den Deklamationen. Die verängstigten Kleinbürger überhäuften nun die radikalen Waffenstudenten mit Vorwürfen. Und als der Sicherheitsausschuß am 25.August zusammentrat, beschloß er nach einer langen erregten Auseinandersetzung, sich selbst aufzulösen. Dies war eine schwere, demütigende Niederlage der kleinbürgerlichen Demokratie, die gemeint hatte, in einem Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat "neutral" bleiben zu können. Das Bürgertum bekam nun Oberwasser und griff energisch durch. Über 10.000 Erdarbeiter wurden aus Wien entfernt, entweder zur Armee eingezogen oder per Schub in die Provinz befördert. Die stärkste organisierte Kraft der Revolution war dadurch mehr oder weniger paralysiert, die Machtverhältnisse hatten sich entscheidend zu Gunsten der Reaktion verschoben. Die kleinbürgerlichen Demokraten verstanden noch immer nicht das Wesen des organisierten Klassenkampfes. Am 28.August war Karl Marx in Wien angekommen, um in den Arbeitervereinen
eine Reihe von Vorträgen zu halten. Als er in einer Versammlung des
Vereins der Fabrikarbeiter feststellte, daß die Augustereignisse
den begonnenen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat bedeuteten,
trat ihm Jellinek heftig entgegen. Die Zeitung Bechers, "Der Radikale",
berichtete am 30.August über diese Versammlung, daß ein Antrag
gestellt worden war, eine Deputation an den Kaiser zu schicken mit der
Bitte, den Arbeitsminister Schwarzer abzusetzen. In dem Zeitungsbericht
heißt es dann weiter: "Herr Marx meinte, es sei gleichgültig,
wer Minister sei; denn es handle sich jetzt auch hier - wie in Paris -
um den Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat. Seine Rede war
geistvoll, scharf und belehrend. Herr Jellinek suchte Herrn Marx zu widerlegen.
Er setzte die Wiener Verhältnisse den französischen scharf gegenüber.
Daraus ergab sich ihm der Unterschied. Er wies auf eine überzeugende
Weise nach, daß der Wiener Arbeiter keine soziale Anschauung habe,
daß er in der Augustbewegung sich nur um fünf Kreuzer geschlagen
habe." In dieser verächtlichen Bemerkung "Nur um fünf Kreuzer!"
offenbarte sich die ganze politische Ahnungslosigkeit der kleinbürgerlichen
Demokraten. Eines war gewiß: die Wiener Erdarbeiter waren noch nicht
zu klarem Klassenbewußtsein erwacht, und für sie ging es unmittelbar
um eine Lohnforderung, aber für die Bourgeoisie war der Kampf um die
"fünf Kreuzer" ein Kampf um die Macht, ein Angriff gegen die Revolution.
Und eben dies haben zu ihrem Unheil die demokratischen Kleinbürger
nicht verstanden.
Wie ich jetzt ausführlich beschrieb, waren also die Augustereignisse
in Wien ein entscheidender Schritt auf dem Wege zur Konterrevolution. Der
erste Wendepunkt war der 17.Juni, der Tag, an dem Windischgrätz den
Aufstand der tschechischen Demokraten niederwarf, ohne daß ihnen
Wien in irgendeiner Form zu Hilfe kam. Dann kam der 25.Juli, der Tag der
Schlacht von Custozza, der Sieg der kaiserlichen Truppen unter der Führung
Feldmarschalls Graf Radetzky über die nationale Erhebung in Italien.
Der nächste Schritt war der Kampf "nur um fünf Kreuzer", der
mit der Zerschlagung der revolutionären Kerntruppe der Wiener Arbeiterschaft
und mit der Selbstauflösung des Sicherheitsausschusses endete. Am
12.August hatte die Reaktion im Bewußtsein ihrer zunehmenden Stärke
den Kaiser aus Innsbruck nach Wien zurückgeführt. Am 4.September
wurde der General der kroatischen Konterrevolution Graf Jellacic wieder
in Amt und Würden eingesetzt, nachdem der kaiserliche Hof ihn vorher
im Gefühl seiner Schwäche "kaltgestellt" hatte. Am 9.September
wurde neben dem schwarz-rot-goldenen Fahnen der Revolution in Wien die
erste schwarz-gelbe Fahne gehißt, und zwar auf dem Redaktionsgebäude
der Zeitung "Geißel" in der Tuchlauben. Am 11.September marschierte
Jellacic mit seiner Armee gegen das revolutionäre Ungarn, und am selben
Tag kam es in Wien zu einem Sturm des Kleinbürgertums gegen die Regierung.
Diesmal ging es allerdings nicht um die fünf Kreuzer der Erdarbeiter,
sondern um die fünf Gulden der kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden.
Ich habe schon einige Seiten vorher von der wunderbaren Darlehenskasse
des Herrn August Swoboda berichtet. Nun war es soweit, daß der ganze
Schwindel zusammenkrachte. Die "Wunderaktien" sanken ins Bodenlose, die
betrogenen Kleinbürger forderten, daß der Kaiser die Bürgschaft
für die Darlehenskasse des August Swoboda übernehme.
Als der Kaiser natürlich ablehnte, wandten sich die betrogenen Einleger an den Wiener Gemeindeausschuß. Am 11.September waren Tausende erbitterte Handwerker und Kleinunternehmer zu einer Trauerfeier für die im August niedergemetzelten Arbeiter zusammengeströmt. Nach der Trauerfeier drangen sie aufgebracht in den Saal des Gemeindeausschusses und drohten, alles krumm und klein zu schlagen. Dann wandte sich die Wut gegen den Innenminister; seine Wohnung wurde gestürmt, er selber konnte sich vor den Fäusten des Volkes durch Flucht entziehen. Abermals griffen die bürgerlichen Stadtgarden zu den Waffen - diesmal
nicht gegen die Arbeiter, sondern gegen das Kleinbürgertum. Zu schießen
wagten sie aber nicht, denn hinter dem Kleinbürgertum standen die
bewaffneten studentischen Burschenschaften und die proletarischen Vorstadtgarden.
Am 12. und besonders am 13.September wiederholten sich die kleinbürgerlichen
Unruhen. Die Massen forderten den sofortigen Rücktritt der drei verhaßten
Männer der Regierung, des Kriegsministers Latour, des Justizministers
Bach und des Arbeitsministers Schwarzer. Die Erregung steigerte sich, als
in der Sitzung des Reichstages ein reaktionärer Abgeordneter aus Tirol
den Antrag stellte, der Armee Radetzkys den Dank auszusprechen. Die Regierung
begriff die Gefahr, die ihr drohte; sofort erschien der Kriegsminister
Latour vor dem Reichstag und teilte mit, von der Akademischen Legion würde
der Sturz der Regierung und die Sprengung des Reichstages vorbereitet.
Der Antrag wurde abgelehnt. Als nun aber die demokratischen Abgeordneten
forderten, die Regierung dürfe ohne Gutheißung des Reichstages
keine Maßnahmen ergreifen, gelang es der Reaktion, die Abstimmung
zu verschleppen.
Unterdessen hatte die Regierung im Raume von Wien eiligst Militär
zusammengezogen. Eine demokratische Sturmpedition für die Wiedererrichtung
des Sicherheitsausschusses wurde auseinandergejagt. Auf der Straße
standen Volk und Armee einander gegenüber. Aber die Führer der
Revolution hatten nicht die Kraft und Ent-schlossenheit, die verworrene
kleinbürgerliche Bewegung zu einer einheitlichen Aktion zusammenzufassen.
Die Kampfscharen der Arbeiterschaft waren empfindlich geschwächt und
standen zum Teil auch grollend im Hintergrund. In den Reihen des Kleinbürgertums
herrschte seit den Augusttagen ein heilloses, gereiztes Durcheinander.
Die Reaktion handelte einheitlicher und zielbewußter. Sie unterstützte
im Reichstag einen Antrag, den notleidenden Handwerkern durch einen Kredit
von zwei Millionen Gulden auszuhelfen: Ein Akt der Wohltätigkeit an
Stelle eines durchgreifenden politischen Entschlusses. Die Kleinbürger
verliefen sich langsam. Der Reichstag erklärte seine Permanenz für
aufgehoben, und die Abgeordneten gingen schlafen. Es war eine neue empfindliche
Schlappe für die Revolution.
Langsam begannen die Revolutionäre nun den ganzen Ernst und die
Tragweite der Lage zu erkennen. Sie rückten enger zusammen und bildeten
ein "Zentralkomitee der radikalen Vereine". Auf Seite der Konterrevolution
wurde der "Constitutionelle monarchistische Verein" gegründet. Am
15.September waren alle Schaufenster der Inneren Stadt schwarzgelb dekoriert.
Die Söhne der Bourgeoisie trugen schwarzgelbe Bänder im Knopfloch,
die Fiaker auf dem Hut. Schwargelbe Fahnen wurden ausgehängt; und
mancher kleinmütiger Kleinbürger verdrückte sich aus den
Reihen der Demokraten und schimpfte gemeinsam mit den Schwarzgelben auf
die "Juden, Studenten und Arbeiter". Am 19.September kamen Abgeordnete
der ungarischen Revolution nach Wien, um den Reichstag und das Volk um
Hilfe zu bitten. Aber die Mehrheit des Reichstages faßte den Beschluß,
die Deputation nicht vorzulassen; den Ausschlag gaben dabei die slawischen
Abgeordneten, es war die Rache der Slawen an den magyarischen Unterdrückern,
eine Rache freilich, die nicht nur Budapest traf und Wien, sondern schließlich
auch Prag und Agram. In einer Volksversammlung gelobten die Wiener Abgeordneten,
den Freiheitskampf der Ungarn zu unterstützen, aber es blieb wieder,
wie schon so oft, eine Sprechblase. Es war wieder nur eine Geste, der keine
Tat folgte.
Das revolutionäre Wien hatte nun endgültig die Initiative
aus der Hand gegeben. Die jungen Kräfte der Demokratie hatten im Mai
und Juni ihre historische Chance nicht genützt. Sie hatten im August
ihre Verbündeten in der Arbeiterschaft schmählich im Stich gelassen.
Sie hatten das Eisen der Revolution nicht geschmiedet, solange es noch
heiß war; jetzt begann es langsam zu erkalten. Die Halbheit und Unentschlossenheit,
der ganze Irrealismus der Revolution von 1848 in Wien war für die
gesamte weitere Entwicklung Österreichs verhängnisvoll.
Wir sind im September 1848 an dem Punkt angelangt, wo die Klassen sich aufzuspalten begannen, da sich die Kräfte einer volksumfassenden Demokratie im völlig unnützen hin und her zersplittert hatten, während die Konterrevolution ihre Kräfte zum entscheidenden Schlag zusammenfaßte. Allein ist es jedoch die unvergängliche Größe der Wiener
Revolution, daß sie sich in ihrer Todesstunde noch einmal riesenhaft
erhob, daß sie nicht devot auf den Knien unterging, sondern soldatisch
stehend zu sterben verstand.
Am 1.Oktober schrieb Julius Becher in seiner Zeitung: "Man hat den 'Radikalen' und mir speziell vorgeworfen, daß unsere Sprache zu scharf, zu herb, zu stachelnd und aufreizend sei; es ist jedoch meine Pflicht, das zu erlöschen drohende Feuer mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln der Rede, der Schrift und der Tat wieder anzufachen." Am 27.September hatte das Volk von Budapest den kaiserlichen General Graf Lamberg, der das Land an Jellacic verriet, totgeschlagen. Am 29.September wurden die Truppen Jellacics von den ungarischen Freiheitskämpfern zurückgeworfen. Am 3.September erklärte ein Manifest des Kaisers den ungarischen Reichstag für aufgelöst. Der österreichische Kriegsminister Latour verpflichtete die ungarischen Offiziere zum Gehorsam für Jellacic und für die Wiener Regierung. Mehrere Wiener Regimenter erhielten den Befehl, die Truppen Jellacics zu verstärken. Am 5.Oktober marschierte ein italienisches Regiment aus Wien; ungarische Truppen hatten geholfen, die italienische Revolution niederzuwerfen; jetzt kämpften italienische Truppen gegen die ungarische Revolution. Daraus ist wohl am besten der ganze Irrsinn der Situation erkennbar! Das Wiener Grenadierbataillon Richter aus der Gumpendorferkaserne sollte nachfolgen - aber die Grenadiere weigerten sich, ihre Waffen zum Henkersdienst gegen Freiheitskämpfer einzusetzen. Sie stellten sich an die Seite der Studenten und Arbeiter. Am 6.Oktober, um 11 Uhr Vormittag, gab der kaiserliche General Bredy an der Taborbrücke den Schießbefehl. Seine Truppen wurden nach einem scharfen Gefecht geschlagen, er selber fand den Tod. Das Bataillon Richter kämpfte nun Schulter an Schulter mit dem Garden der Arbeiter und den akademischen Burschenschaften. Nun stand die ganze Stadt auf. Die Sturmglocken läuteten. Es wurde gefordert, daß unverzüglich der Reichstag zusammentrete, aber die Abgeordneten stoben auseinander und viele versteckten sich im Kriegsministerium. Die reaktionären Bürgergarden der Inneren Stadt und der Leopoldsstadt, die Schlächter des 23.August, besetzten die Umgebung des Stephansplatzes. Sie wurden von der Wiedener Nationalgarde angegriffen und im Sturm hinweggefegt. Die entkamen liefen nach Hause, legten die Uniform ab und flüchteten hastig Hals über Kopf aus Wien. Die bewaffneten Volksmassen marschierten nach der Hofburg, wo im Gebäude des alten Hofkriegsrates die Regierung versammelt war. Die Minister waren in ihrer Angst bereit, einen Befehl zu unter-schreiben, daß das Feuer sofort eingestellt werde. Kriegsminister Graf Latour wollte durch seine gewohnte Hinhaltetaktik wieder Zeit gewinnen, aber die aufgebrachte Menge ließ sich diesmal nicht mehr betrügen. Das Gebäude wurde gestürmt. Die Minister flüchteten durch Seitengänge und Hintertreppen. Latour fürchtete, seine Uniform könnte ihn verraten, und verkleidete sich flugs in Zivil; dann kroch er wie ein Wurm in eine dunkle Nebenkammer. Unterdessen bemühte sich der Handelsminister und Seidenfabrikant Hornbostel, Militär heran-zubringen; doch die Soldaten und Offiziere sahen dem vor Angst schwitzenden fetten Mann nur schweigend ins Gesicht und rührten sich nicht von der Stelle. Die in den Hofkriegsrat eingedrungenen Stoßtrupps der Arbeiter und Studenten fanden schließlich den Kriegsminister Latour in einem dunklen Kämmerchen, feige verkrochen, und zogen ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor. Es rettete den verhaßten Volksfeind nicht, daß er mit zitternder Hand seine Abdankung unterschrieb. Er wurde auf die Straße gestoßen und vom empörten Volk durch Erhängen auf einer Gaslaterne hingerichtet. Bei Einbruch der Dunkelheit stürmten dann revolutionäre Kampftrupps
gegen nur schwachen Feindwiderstand das Zeughaus, um sich gründlicher
zu
bewaffnen. Als am nächsten Morgen der Reichstag es nun doch für
zweckmäßig hielt, zusammenzutreten, übernahmen bewaffnete
Arbeiter und Studenten seinen Schutz. Nun warfen sich auch der Justizminister
Bach, der Reichstagspräsident Strobach und etliche reaktionäre
Abgeordnete in den breiten Strom der aristokratischen und bürgerlichen
Massenflucht aus dem revolutionären Wien. Diese Figuren entkommen
zu lassen, war ein neuerlicher, schwerwiegender Fehler des "Goldenen Wienerherz".
Unter dem Vorsitz des polnischen Abgeordneten Smolka beschloß der
nun zusammen-geschrumpfte Reichstag die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses
und forderte weiters, daß der Kaiser das Manifest vom 3.Oktober zurücknehme.
Ferdinand gab die schriftliche Zusage, ein neues, "volkstümliches"
Ministerium zu bilden. Dann wurde er wieder, wie gehabt, in seinen Wagen
gesetzt und zur "Spazierfahrt", diesmal nach dem böhmischen Olmütz
gebracht.
In Olmütz angelangt, mußte Kaiser Ferdinand, genannt "Der Gute", noch ein Manifest zum "Kreuzzug der Völker Oesterreichs gegen die Revolution" unterzeichnen, dann hatte er seine Schuldigkeit getan. Immerhin gab es für den von der Generalität und von seiner ehrgeizigen Mutter Sophie auserkorenen, erst 18-jährigen Thronfolger Franz Josef noch einige Schwierigkeiten der Thronübergabe; zuerst sträubte sich zur allgemeinen Überraschung der sonst so willenlose und labile Kaiser, auf den Purpurglanz seiner Macht zu verzichten und als man ihn endlich mürbe gemacht hatte, forderte plötzlich sein Bruder Franz Karl, der Vater des jungen Franz Josef, die Kaiserkrone. Er berief sich dabei auf einen angeblichen letzten Wunsch des toten Vaters Franz I. und ließ sich auch von seiner energischen und machthungrigen Gemahlin Sophie vorerst nicht von dieser Forderung abbringen. Schließlich inszenierte das listige Weib ein gespenstisches Possenspiel,
daß selbst einem Johann Nestroy Ehre gemacht hätte: Ein alter
Hofbeamter, der dem toten Kaiser Franz I. zum Verwechseln ähnlich
sah, mußte sich in den erlauchten Ahnherrn verkleiden und dem Erzherzog
Franz Karl zu mitternächtlicher Stunde im Schlafgemach "erscheinen".
Als nun das "Gespenst" seine Hand segnend auf das Haupt Franz Josefs legte,
war der zutiefst erschrockene Franz Karl überzeugt, der tote Kaiser
habe in der Tiefe der Kapuzinergruft seine Entschlüsse geändert
und seinen Enkel Franz Josef zur Verwesung des Reiches auserwählt.
Es war eine sinnvoll erdachte Komödie: Der Schatten Franz I., der
Österreich wie ein unerledigtes Aktenstück vergilben und verderben
ließ, ging wieder durch die weiträumige Monarchie. Das Licht
einer neuen Zeit hatte ihn aufgescheucht. Die geöffneten Fenster,
durch die das Licht der Freiheit, der Revolution, kurze Zeit bis tief hinein
in die Kapuzinergruft geleuchtet hatte, sollten wieder geschlossen und
verdunkelt werden.
Während also in Olmütz die Gespenster der Habsburger umgingen, hungerte, kämpfte und starb auf den Barrikaden in Wien das Volk. Die Revolutionäre organisierten den Widerstand auf Leben und Tod, nichts mehr war zu verlieren. Aber die tödliche Unentschlossenheit der vergangenen Monate rächte sich furchtbar und brachte als Frucht den Verrat hervor. Es war nur verständlich, daß die Abgeordneten der Reaktion, die man leichtsinnigerweise aus Wien entkommen ließ, sich schnurstracks zu Windischgrätz begaben, der in der Prager Burg, dem Hradschin, die Armee der Konterrevolution organisierte und zum Feldmarschall ernannt wurde. Doch auch die meisten der in Wien zurückgebliebenen Mitglieder des Reichstages konspirierten mit dem Feind, teils aus Feigheit und teils im verräterischen Einverständnis mit der Konterrevolution. Sie verfaßten Proklamationen, beschlossen Petitionen, verfertigten Resolutionen, erboten sich scheinheilig zu vermitteln, zu versöhnen und hinderten somit auf Schritt und Tritt die revolutionären Volkskräfte, mit gebotener allerhöchster Entschlossenheit die unabwendbare Entscheidungsschlacht vorzubereiten. Eine ähnliche Rolle spielte dabei auch der Gemeinderat, der sich am 7.Oktober als neue Behörde konstituierte; er ordnete zwar die allgemeine Bewaffnung und die Aufstellung einer Mobilgarde an, trachtete aber gleichzeitig, die wirklich mannhaften Demokraten kaltzustellen und eine Stimmung in Richtung Kapitulation hervorzurufen. Zum Ober-kommandierenden der revolutionären Streitkräfte wurde nicht der kampferfahrene und tapfere polnische Oberst Josef Bem ernannt, sondern der schwärmerische, dichtende, aber militärisch unerfahrene Oberleutnant Cäsar Wenzel Messenhauser. Oberst Bem, der sich später in den letzten Kämpfen der ungarischen
Revolution auszeichnete, übernahm die Befestigung und Verteidigung
der Vorwerke. Die Wiener Verteidigung verfügte alles in allem über
etwa 25.000 mehr oder weniger gut ausgerüstete und ausgebildete Waffenträger.
Moderne Waffen waren sehr knapp, Munition für einen längeren
Abnützungskampf nicht ausreichend vorhanden, die Lebensmittelvorräte
fast erschöpft. Unbedingt verläßlich von diesen 25.000
Mann waren nur die etwa 10.000 Arbeiter, die sich in der Mobilgarde zusammenschlossen,
die Akademische Legion der studentischen Burschenschaften mit etwa 1.200
Mann, und einige kleinere Abteilungen des von Dr. Ludwig Hauk gegründeten
"Elitekorps", das im wesentlichen nur aus einigen Hundert Intellektuellen
bestand. Demgegenüber verfügte die konterrevolutionäre Armee
des Fürsten Windischgrätz über eine Truppenstärke von
insgesamt mehr als 100.000 Mann, zu einem großen Teil kampferprobte
Berufssoldaten, bestens ausgerüstet, und reichlichst mit schwerer
Artillerie und Kavallerie versehen. Diese waffenklirrende Phalanx setzte
sich am 16.Oktober 1848 in Richtung Wien in Bewegung.
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| Am 17.Oktober kamen als Deputierte des Frankfurter Parlaments die Abgeordneten
Robert Blum, der revolutionäre Dichter und Freigeist Moritz Hartmann,
sowie der Politikwissenschaftler Julius Fröbel nach Wien. Sie brachten
keine militärische Hilfe, außer den eigenen idealistischen Herzen,
die frei und furchtlos waren, der Sache des unterdrückten Volkes voll
ergeben. Gleichzeitig hatte das Frankfurter Parlament eine Abordnung zu
Windischgrätz entsandt, die aber nicht vorgelassen wurde, und sich
dort jämmerlich aufführte. Von der deutschen Revolution hatte
also das revolutionäre Wien keinerlei Unterstützung zu erwarten.
Die nun so "vereinsamte" Revolution sah jetzt nur mehr zwei mögliche
Bundesgenossen: die Bauern und das ungarische Freiheitsheer. Hans Kudlich
und andere redegewandte Burschenschaftler wurden beauftragt, auf das flache
Land zu gehen und die Bauern zum Kampf aufzurufen. Allein die Bauern kamen
nicht: nur wenige aus der Umgebung Wiens fanden sich ein, um an der Verteidigung
Wiens teilzunehmen. Nun wurde gefordert, der Reichstag und der Gemeinderat
mögen die Hilfe Ungarns anfordern. Die beiden Körperschaften
weigerten sich mit der Begründung: nicht von den Waffen Ungarns, sondern
von der Gnade Habsburgs habe Wien die einzige Rettung zu erhoffen(!). Eine
Abordnung des Gemeinderates unternahm sogar eine "Wallfahrt" zu Windischgrätz,
der sein Hauptquartier vor den Toren der Stadt aufgeschlagen hatte, und
bat in Demut um "allergnädigste Aufnahme". Windischgrätz antwortete
ihnen: "Mit Rebellen werde ich nicht unterhandeln!" Insgeheim wurde aber
sehr wohl "unterhandelt" und Windischgrätz ließ sich von den
Gemeinderäten über die Lage innerhalb der Stadtmauern genauestens
unterrichten. Sie kehrten in die Stadt zurück und agitierten lautstark
für die Kapitulation. In der Nacht des 30.Oktobers huschten die Verräter
abermals zum Feldmarschall und flehten ihn an, möglichst rasch einzumarschieren,
um "Ausschreitungen des Pöbels" zu verhindern.
Am 23.Oktober richtete Windischgrätz ein Ultimatum an Wien und forderte die sofortige und bedingungslose Kapitulation. Der Sicherheitsausschuß, der nun letztlich doch die Macht übernommen und eine Art "demokratische Diktatur" errichtet hatte, lehnte das Ultimatum strikt ab. Die von Hauk und Gritzner geleitete Zeitung, der "Freimütige", schrieb die stolzen Worte: "Wir können in der Armee, die gegen unsere souveräne Volksbehörde zu Felde zieht, nichts anderes sehen als eine gewaltige, außer dem Gesetz handelnde Bande. Für uns, die auf gesetzlichem Boden stehen, ist die Armee ebenso rechtmäßig wie die Türken, die vor zweihundert Jahren Wien belagerten." Und der "Studenten Courier" erwiderte den Kapitulanten in spe, die von einer "Verständigung" mit dem Kaiser, von konstitutionellen Vereinbarungen wie beispielsweise in Engeland faselten: "Warum lassen wir uns eigentlich den Constitutionalismus mit seiner Ledernheit, Abgeschmacktheit und seine immensen Kosten gefallen? Warum wählen wir nicht die einfache und einzig vernünftige Republik? Etwa aus windelweicher Liebe zu den angestammten Fürstenhäusern, die der Völker Schweiß, den sie in Form von Staatspapieren in der englischen Bank niederlegten, während des Lebens mit Kartätschen und Staatsbankrott und auf dem Sterbebett mit dem Vermächtnis der Liebe bezahlen?" Der Fluch des "Zu spät!" lag auf dieser freiheitlich-republikanischen Erkenntnis. Doch wenn es auch schon viel zu spät war, die schwerwiegenden politischen Versäumnisse seit der Mairevolution im allerletzten Augenblick wettzumachen, wenn auch Verrat, Angst und oft unbegründetes "in die Hose scheiß'n", das in seiner liberalen Mittelmäßigkeit ewig zögernde Kleinbürgertum vor der letzten Freiheits-schlacht zum Abfall von ihren Prinzipien erwogen, die Arbeiter und Studenten erhoben sich zu einer moralischen Größe, vor der nun all die Irrtümer der Vergangenheit wie der Schnee in der warmen Frühlingssonne hinwegschmolzen. Am 26.Oktober 1848 ließ Windischgrätz seine Truppen zum Sturm gegen Wien antreten. Nach den Berichten seiner zahlreichen Agenten war er der Überzeugung: es werde ein billiger Sieg sein, ein Schlachtfest, ein müheloses Gemetzel unter der ausgehungerten Bevölkerung. Er hat sich schwer getäuscht. Der extrem harte Widerstand der proletarischen Mobilgarden Oberst Bems in den Vorwerken warf all seine taktischen und strategischen Berechnungen über den Haufen. Schicht auf Schicht war von der ursprünglich bürgerlich-demokratischen Revolution, die sich in erster Linie gegen die Vorherrschaft des Feudalismus gestemmt hatte, abgebröckelt: erst die Bourgeoisie, dann die Bauernschaft, dann das Kleinbürgertum. Jetzt stieß aber die überhebliche und menschenverachtende Konterrevolution auf die revolutionäre Prätorianergarde: den Resten der zu allem bereiten geschundenen Arbeiterschaft und den revolutionären Waffenstudenten, den Burschenschaften. Erst am 28.Oktober gelang es den Truppen der Konterrevolution im Norden bis auf den Praterstern und im Süden bis auf die Landstraße vorzudringen. Neun Stunden dauerte der blutige Straßenkampf, nur Schritt für Schritt zurückweichend, fochten die Arbeiter und Studenten um jedes Haus, jeden Stein, jeden Quadratmeter gegen die erdrückende militärische Übermacht. Windischgrätz hatte erlaubt, in jedem Haus, aus dem geschossen wurde, alles, ob Frau Kind oder Kegel, rücksichtslos niederzumachen. Es war ein Sengen und Brennen, ein Hinschlachten, Vergewaltigen und Plündern, wie es Wien nie zuvor erlebt hatte. Der christliche Henker "Ordnung" der Konterrevolution war es, die sich jetzt entlarvte, und ihre wahre volks- und menschenverachtende Fratze zeigte. Aber selbst dies war den Anführern des "Kreuzzuges gegen die Revolution" keineswegs genug; einer von diesen reaktionären Kreaturen, nämlich Fürst Friedrich Schwarzenberg, erklärte laut: "Ich bedaure nur, daß dieses Schandnest mit seinen ebenso niederträchtigen wie stupiden Bewohnern nicht in Flammen aufgegangen ist!" Am 29.Oktober forderten Reichstag, Gemeinderat, alle Sprecher des Bürgertums die Kapitulation. Arbeiter und Studentenschaft waren jedoch fest entschlossen, Wien bis zum letzten Atemzug zu verteidigen. Im großen Redoutensaal der Hofburg trat eine Konferenz zusammen, bei der Ignaz Kuranda und andere kleinbürgerliche Demokraten die Freiheitskämpfer beschworen, sofort die Waffen niederzulegen. Der Stadtkommandant Wenzel Messenhauser wurde zum Minister Krauß gerufen, einem der wenigen Regierungsmitglieder, die in der Stadt geblieben waren - dies natürlich im Einverständnis mit der anmarschierenden "Ordnungsmacht". Als nun der "Schöngeist" Messenhauser von der Unterredung zurückkehrte, hielt er eine hysterische Ansprache; man müsse sofort und bedingungslos den Kampf einstellen und die Stadt übergeben. Es gelang ihm auch, die Mehrheit für die Kapitulation vor den Totengräbern der Freiheit zu gewinnen. Aber die Arbeiter und Studenten blieben fest. Sie verweigerten energisch die Waffen zu strecken und forderten Abrechnung mit den Verrätern und Kapitulanten. In einer darauf stattfindenden Nachtsitzung beschlossen die Führer der kämpfenden Revolution, den Widerstand bis zum letzten Blutstropfen fortzusetzen. Es gab noch einen Lichtblick: die ungarische Freiheitsarmee zog gegen Schwechat heran. Unter dem Kommando des eitlen General Arthur Görgei hatte sie allerdings viel zu lange gezögert, den bedrängten Wienern zu Hilfe zu kommen. "Der Reichstag hat uns nicht gerufen, wir können nicht ungebeten eingreifen!" lautete die fadenscheinig formelle Begründung für dieses selbstmörderische Zaudern. Mit seiner ganzen Leidenschaft und Eindringlichkeit beschwor Ludwig Kossuth die Armeeführer, das Gebot der Stunde höher zu achten als hemmende Formalitäten und Wien um jeden Preis zu retten. Allein es fruchtete nichts mehr, es war bereits zu spät; die Ungarn stießen im Raum Schwechat gegen die starken kroatischen Truppen, die der Banus Jellacic bereits herangekarrt hatte, und wurden blutig zurückgeschlagen. Ihr Anmarsch aber hatte bereits genügt, die Kampfentschlossenheit der Arbeiter und Waffenstudenten bis zum Äußersten anzufachen. In einer Sturmversammlung erklärten sie den "Schöngeist" Messenhauer für abgesetzt und wählten den jungen Burschenschaftler Fenner von Fenneberg zum Stadtkommandanten, dessen ganze militärische Fähigkeit aber leider nur darin bestand, daß er lediglich der Sohn eines österreichischen Feldmarschall-leutnants war, und ansonsten von militärischen Belangen keinerlei Ahnung hatte. Hauk umstellte mit den Männern seines "intellektuellen" Elitekorps, die zwar zweifelsfrei hochgebildet und idealistisch eingestellt waren, aber in soldatischer Hinsicht den harten Berufssoldaten von Windischgrätz in keiner Beziehung gewachsen waren, die Stephanskirche, auf deren Turm sich Messenhauser mit dem Schriftsteller Berthold Auerbach nicht um die Verteidigung Wiens, sondern über literarische Zukunftspläne ausgiebigst unterhielt. Er wurde prompt von seinem "Olymp", aus seiner luftigen Isolierung auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt und mußte seine Abdankung als "Stadtkommandant" unterschreiben. Allerdings hatte ihm seine Abdankung nichts genützt, er wurde dennoch am 16. November von der Blutrache der Konter-revolution erfaßt und noch am selben Tag hingerichtet. Der Kampf ging weiter. Windischgrätz ließ Wien mit schwerer Artillerie sturmreif schießen. Die Reihen der Freiheitskämpfer schmolzen zusehends dahin. Am 31.Oktober 1848, nach dem Bekanntwerden der ungarischen Niederlage, versuchten Hauk und Fenner von Fenneberg, die unerschütterliche Mobilgarde zur Einstellung des Kampfes zu bewegen. Es fruchtete nichts; die Arbeiter und Burschenschaften hielten stand gegen die Kugeln der Konterrevolution und den Abmachungen der an sich selbst verzweifelnden jungen Demokratie. Zwei unerschrockene Intellektuelle, Becher und Jellinek, traten an ihre Spitze, führten sie in den Endkampf gegen die Schergen Habsburgs. Dann war es zu Ende. Der einsame, alte und ausgemergelte Arbeiter und sein zehnjähriger
Enkel, die trommelnd durch die Straßen gingen, konnten es nicht mehr
wenden, sie konnten die nun größtenteils aus eigener Schuld
verblutende Revolution nicht mehr wachtrommeln; es war aus! Die Sieger,
die Unterdrücker der folgenden Jahrzehnte, zogen in die Stadt. Das
Volk hatte keine Waffen, keine Munition, nichts mehr zu Fressen, es konnte
nur mehr Pfeifen, in ohnmächtiger Wehrlosigkeit, in wildem, berechtigten
Haß. Plötzlich, mitten in der Stadt, wurde noch einmal geschossen.
Auf dem Stock im Eisen Platz empfing eine kleine Kampfgruppe bestehend
aus Arbeitern aus Breitensee und Studenten der akademischen Burschenschaften
unter der Führung Julius Bechers die schwarzgelben Eroberer mit einer
letzten Salve und einem letzten äußerst blutig geführten
Nahkampf mit Spaten und Säbel zum Endkampf. Dann wurde es totenstill
in Wien. Totenstill für so viele folgende Jahrzehnte.
Die „Abrechnung“ der Konterrevolution war eine fürchterliche. Dutzende Freiheitskämpfer verbluteten ohne Hilfe in den Straßen Wiens. Ganz zu schweigen von den Hunderten Kindern, Frauen und Alten, die bei der Beschießung der Arbeiterbezirke Wiens ihr Leben lassen mußten. (Es liegen der Geschichtswissenschaft leider keine diesbezüglichen Zahlen vor.) Die mehrtägigen Kämpfe um Wien kosteten den Verteidiger weit mehr als 2.000 Tote, Tausende wurden verletzt. Über die Verluste der kaiserlichen Truppen Windischgrätzs‘ liegen keine verläßlichen Daten vor; sicherlich aber waren sie ebenfalls sehr hoch. Am 9.November 1848 wurde Robert Blum, trotz seiner Immunität als Abgeordneter des Frankfurter Reichstages, von den Schergen der Reaktion hingerichtet. Am 23.November starben Becher und Jellinek unter den Kugeln der Konterrevolution mit etlichen anderen vom Arbeiter über den Studenten bishin zu unliebsamen Akademikern und Offizieren. Insgesamt wurden 23 Führer der Freiheitskämpfer standrechtlich erschossen; darunter auch Messenhauser. Am 2.Dezember 1848 wurde Franz Josef als Kaiser Franz Josef I. gekrönt. Er übernahm einen "Völkerkerker", der mehr oder weniger bis in die heutige Zeit - siehe das ehemalige leidgeprüfte Jugoslawien - hereinreicht. Das Revolutionsjahr 1848, das erste "Aufmucken" des Volkes, war zu Ende. Das Zeitalter Franz Josef I. hatte begonnen. Über Wien wehte wieder die schwarz-gelbe Fahne der Habsburgermonarchie.
IM ANDENKEN AN DIE GEFALLENEN UND ERMORDETEN VON 1848
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