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Hartz IV und das attraktive Arbeitslosengeld seien mit ein Grund, warum bundesdeutsche Arbeitslose nach Österreich kommen, glaubt Bundeskanzler Schüssel (ÖVP). "Es ist jetzt plötzlich sehr viel attraktiver geworden, bei uns Arbeitslosenunterstüzung zu bekommen", hatte Schüssel im Interview in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 16. 8. 2005 erklärt. Damit knüpft Schüssel an die Behauptungen des nordtiroler Präsidenten der Tiroler Arbeiterkammer Dinkhauser (ebenfalls ÖVP) an, der BRD-Bürgern die Schuld an der Arbeitslosigkeit im Tiroler Hotelgewerbe gab. Tatsache ist jedoch, dass die hohe Arbeitslosigkeit der Österreicher (und anderer EU-Bürger) auf die hohe Zahl der Billigarbeiter aus Nicht-EU-Ländern wie der Türkei und Jugoslawien zurückzuführen ist. Von diesen sind in Österreich sicher über 200000 tätig, und so hoch ist auch die Zahl der arbeitslosen Österreicher. Dagegen gibt es nur sehr wenige Österreicher, die etwa im ehemaligen Jugoslawien oder in der Türkei Arbeit gefunden haben. Dagegen arbeiten nur etwa 48000 Staatsangehörige der BRD in Österreich, wogegen ca. 230000 Österreicher in der BRD arbeiten und leben (nach anderen Angaben arbeiten 58000 Österreicher in der BRD). Die Behauptung, wegen des hohen Arbeitslosengeldes kämen BRD-Bürger nach Österreich ist besonders absurd, z. Z. sind von den etwa 240000 Beziehern der Arbeitslosenunterstützung in Österreich nur etwa 3000 BRD-Staatsbürger. Außerdem hat man erst nach einem Jahr Arbeit in Österreich Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. In der BRD beziehen etwa 9900 österreichische Staatsbürger Arbeitslosengeld. "Armselig und billig" seien die Aussagen von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, wonach die deutsche Arbeitsmarktreform "Hartz IV" einer der Gründe für die Jobmisere in Österreich sei, erklärte der frühere Finanzminister und Vizekanzler Hannes Androsch (SPÖ). Grund für die schlechte Lage am Arbeitsmarkt in Österreich sei vielmehr das Leugnen der Rezession durch die schwarz-orange Regierung sowie das Kaprizieren aufs Nulldefizit, erklärte Androsch am 17. 8. 2005 in einem Interview mit der "Kleinen Zeitung". [16. August 2005] |
| Offener Brief an Fritz Dinkhauser, Präsident der Arbeiterkammer
Tirol
Sehr geehrter Herr Präsident,
vorerst möchte ich dir seitens der Tiroler Wirtschaft für dein außergewöhnliches populistisches Gespür gratulieren: Zu keinem anderen Zeitpunkt als jetzt hätten deine Aussagen in Richtung Deutschland größeren Schaden anrichten können. In einem deutschen Fernsehprogramm die Deutschen als Feinde des Tiroler Arbeitsmarktes zu bezeichnen, zeugt von einer Feinfühligkeit, die ihresgleichen sucht. Und das mitten in einer stagnierenden Sommersaison, wo vor allem bei den deutschen Gästen empfindliche Rückgänge zu verzeichnen sind. Es spricht auch für dein Timing als Trittbrettfahrer, die aktuell ins Negative gleitende Diskussion über den Zustrom deutscher Studenten auch auf den Tourismus auszudehnen. Die gesamte Thematik eröffnet allerdings auch einen tiefen Einblick, wieweit deine europäische Gesinnung kultiviert ist. Auch deine Treffsicherheit steht außer Zweifel: Breitseiten auf den Tourismus sind in Tirol ein lohnendes Ziel. Der Tourismus ist der Motor für die gesamte Wirtschaft in Tirol und strahlt auf alle Branchen aus. Auf deine Wortwahl brauche ich hier nicht lange einzugehen. "Feinde" ist nicht weit von "Schmarotzerbranchen" entfernt und bleibt dem Niveau deiner Äußerungen treu. Dein Verhalten provoziert nicht nur die nördlichen Nachbarn, es provoziert auch bei allen Menschen, die in unserem Land wirtschaftlich bei Sinnen sind, ein Dutzend Fragen, die ich dich bitte, in aller Ruhe für dich selbst zu beantworten: 1. Wie kann man jemanden verdrängen, der gar nicht
da ist? Tiroler Touristiker bevorzugen nachweislich heimische Arbeitskräfte
– solange diese in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen.
Jürgen Bodenseer
Auf den Auftritt im TV-Sender Pro 7, wo Fritz Dinkhauser unsere Nachbarn als Feinde des Tiroler Arbeitsmarkts bezeichnete, folgt eine Welle der Empörung. Für die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) ist der AK-Präsident rücktrittsreif. "Dinkhauser hat sich mit seinen Aussagen über deutsche Arbeitnehmer endgültig disqualifiziert", meinte Tirols ÖHV-Landesvorsitzender Manfred Furtner. "Fassungslos" zeigte sich TTV-Präsident Ander Haas: "Mit seinen unqualifizierten Aussagen gefährdet Dinkhauser heimische Tourismusarbeitskräfte." Michael Patzschke vom Sporthotel Kühtai habe kürzlich eine Rezeptionistin gesucht. "Es meldeten sich 10 Deutsche, vier Tschechinnen und eine unterqualifizierte Österreicherin", was beweise, dass der Personalbedarf mit Tirolern nicht abgedeckt werden könne. Von Dinkhausers Aussagen "schockiert" meldete sich Martin Leuthner vom Alpengasthof Gröbalm in Mittenwald zu Wort. "Wir beziehen über 80% der Waren und Leistungen wie Tischlerarbeiten von Tiroler Unternehmen." Mit einem offenen Brief wandte sich Jürgen Bodenseer an Dinkhauser. "Zu keinem anderen Zeitpunkt als jetzt hätten deine Aussagen in Richtung Deutschland größeren Schaden anrichten können", schrieb der WK-Präsident und schloss mit der Frage: "Wann nimmst du deinen Hut?" Während Die Landtagsabgeordnete der ÖVP Anneliese Junker den AK-Präsidenten als "Elefant im Porzellanladen" bezeichnete, schaltete sich ÖVP Tourismussprecher Hannes Staggl mit der Aufforderung "Dinkhauser soll mit seinen Aussagen in den Staud'n bleiben" in die Diskussion ein. Die Tirol Werbung (TW) bemühe sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, den schwächelnden deutschen Markt zu bewerben. "Und Dinkhauser vernichtet in wenigen Sekunden die aufgewendeten Werbemittel", meinte Staggl. In dieselbe Kerbe schlägt Gerald Hauser, Chef der Tiroler Freiheitlichen. "Die TW wird sich bei Dinkhauser bedanken. Alle finanziellen Zuwendungen und Werbemaßnahmen führt der AK-Präsident ins Leere." Als "Stammtisch-Populismus aus der untersten Schublade" bezeichnete LHStv. Hannes Gschwentner (SPÖ) das Vorgehen des AK-Präsidenten. "Mit diesem unnötigen Rülpser teilt Dinkhauser den deutschen Saisoniers mit, dass sie bei uns unerwünscht sind". Gleichzeitig sage er "unseren Nachbarn, dass er sie bloß als touristische Melkkühe haben will." [18. Juli 2005] |