Bürgermeister Häupl dankt Jörg Haider

Bei einer Bezirkskonferenz der SPÖ Wien-Ottakring, die zu einer ersten Wahlkampfveranstaltung umfunktioniert wurde, dankte der Wiener Bürgermeister Häupl am 9. 9. 2002 in seiner Ansprache Jörg Haider für die Zerstörung der schwarz-blauen Regierungskoalition. "Das hast Du gut gemacht, Jörg.." erklärte der Bürgermeister. Ebenfalls anwesend war der Bundesvorsitzende der SPÖ, Alfred Gusenbauer, der das erste Wahlversprechen der SPÖ abgab, nämlich keine Abfangjäger zu kaufen.

Am Vormittag des 9. 9. 2002 erklärte Bundeskanzler Schüssel, der ÖVP-Vorstand werde einen Antrag auf Auflösung des Parlamentes und baldige Neuwahlen beschließen. 

Da ein Beschluß zur EU-Osterweiterung mit allen Regierungsmitgliedern einstimmig gefaßt werden muß ist davon auszugehen, daß mindestens ein wenn nicht mehrere FPÖ-Minister dagegen gestimmt und somit die Osterweiterung verhindert hätten. Durch das Taktieren und die Provokationen von Haider-Stadler wird es voraussichtlich demnächst eine andere Regierung geben, die die Osterweiterung glatt beschließen wird. Es sind nämlich alle im Parlament vertretenen Parteien außer der FPÖ für die Osterweiterung.

Der Putsch von Knittelfeld, auf dem der Kompromißvorschlag von Riess-Passer auf offener Bühne zerrissen wurde, hat aber den Unwillen vieler FPÖ-Mitarbeiter hervorgerufen. Der bisherige FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler erklärte dazu am 9. 9. Stadler habe das Regierungsprojekt zerstören wollen, weil er nicht Teil dieses Projekts war". "Ich wünsche der FPÖ, daß solche Kräfte niemals in verantwortungsvolle Position kommen. Davor kann man nur warnen", so Westenthaler. Stadler habe auch eine offene Rechnung mit Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer gehabt, so Westenthaler weiter. "Daher ist er mit der Pumpgun auf unser Projekt losgegangen. Mit solchen Leuten ist kein Staat zu machen."

Hans-Jörg Schimanek, Ex-Landesrat in Niederösterreich und nunmehriger Bezirksrat der Freiheitlichen in Wien-Floridsdorf, sprach am 9. 9. von einem "Schuß nicht in ein Knie, sondern in beide". Jörg Haider sei mit FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler "einem falschen Götzen erlegen". Die "überwiegende Anzahl" der Basisfunktionäre und FP-Symphatisanten sei mit den jüngsten Entwicklungen sicher nicht zufrieden. Schimanek forderte daher eine Basisbefragung der Partei.

Schimanek begründete seine Forderung unter anderem damit, daß die Delegierten in Knittelfeld sicher nicht die Mehrzahl der FPÖ-Parteigänger repräsentierten. Die Basisbefragung könne man noch vor dem anstehenden Parteitag durchführen, sagte der FPÖ-Politiker. Rückgängig könne man zwar nichts mehr machen, es gehe aber auch um das Wohl Österreichs.

Heftige Attacken ritt Schimanek gegen Volksanwalt Stadler: Dieser habe nie überwinden können, daß er nicht in die Regierung gekommen sei. Schimanek attestierte seinem Parteifreund, "pathologisch destruktiv" zu sein.

Auch der Kärntner Landeshauptmann war Ziel der Kritik: Er habe sich von Stadler zu etwas verleiten lassen "dessen Konsequenzen er selbst nicht abschätzen habe können". Die jetzige Situation habe Haider sicher nicht gewünscht.

Die gesamte niederösterreichische Parteispitze wolle mit ihren Attacken gegen die Regierungsmannschaft nur von eigenen Versäumnissen ablenken, so Schimanek: "Die agieren ja unter Ausschluss der Öffentlichkeit, beim Hochwasser war niemand zu sehen." Er selbst sei bereits seit den Morgenstunden in Niederösterreich "zur Schadensbegrenzung" unterwegs. Dabei habe sich der große Unmut der Parteibasis gezeigt.

Lob hatte Schimanek für die zurückgetretenen FP-Regierungsmitglieder übrig. Deren Ansehen in der Öffentlichkeit sei immer mehr angewachsen. Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer etwa, sei "über sich hinausgewachsen".

Auch in Oberösterreich formiert sich jetzt der Widerstand gegen FPÖ-Landesparteiobmann Hans Achatz, der einer der Provokateure von Knittelfeld war. Bei einer Pressekonferenz von "Achatz-Kritikern" am 9. 9. 2002 in Linz wurde der sofortige Rücktritt des oberösterreichischen FPÖ-Chefs gefordert.

Der freiheitliche Nationalratsabgeordnete und Landesparteiobmann - Stellvertreter in Oberösterreich, Alois Pumberger, bezeichnete Achatz bei der Pressekonferenz als einen der "Übeltäter" des "Scherbenhaufens", den es jetzt gebe. "Die Kräfte, die das Reformprojekt der freiheitlichen Regierungsmannschaft zerstört haben, müssen zur Verantwortung gezogen werden", sagte Pumberger. Auf die Frage, welche Rolle Jörg Haider künftig in der FPÖ zukommen sollte, antwortete Pumberger: "Haider soll Landeshauptmann von Kärnten bleiben und er soll sein Versprechen einlösen, sich aus der Bundespolitik herauszuhalten". Unter den derzeit gegebenen Voraussetzungen werde er nicht mehr für den Nationalrat kandidieren, so Pumberger.

Auch der freiheitliche Nationalratsabgeordnete Andreas Sodian aus Vorchdorf (Oberösterreich) gab bei der Pressekonferenz bekannt, daß er sein Mandat und alle seine Parteifunktionen zurücklege. "Was mich am meisten erschüttert ist, daß bei den Unterschriften für den Sonderparteitag Druck auf freiheitliche Nationalratsabgeordnete ausgeübt worden ist", sagte Sodian.

Die freiheitliche EU-Abgeordnete Daniela Raschhofer - sie ist auch Mitglied des Bundesparteivorstandes - bezeichnete das Agieren von Achatz als "unverständlich und unglaubwürdig", sie zweifle an seinem Führungsstil und es sei jetzt für Achatz "eine Frage des Anstandes, die Konsequenzen zu ziehen". Ebenso Pumberger: "Wenn Hans Achatz nur einen Funken Anstand hat, tritt er sofort zurück und wartet nicht auf den außerordentlichen Landesparteitag". Dieser wird - wie am 9. 9. bekannt wurde - voraussichtlich am 27. Oktober in Linz stattfinden.

Der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Maximilian Hofmann vom Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender sagte, das freiheitliche Regierungsteam unter Riess-Passer habe "Enormes geleistet", leider sei dieser erfolgreiche Weg jetzt "aus narzissistischen Gründen beendet worden". Auch Hofmann forderte Konsequenzen.

Der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Rüdiger Schender zeigte sich über die Ereignisse "zutiefst entsetzt und erschüttert", vor allem auch von der Rolle, die Hans Achatz dabei gespielt habe. Die Delegierten seien "mit falschen Argumenten" zur Unterschriftsleistung für einen FPÖ-Sonderparteitag veranlasst worden, "das war Mißbrauch der Basis", so Schender, wobei Achatz "ein schäbiges Spiel ohne Rückgrat gespielt hat".

Die Vertreter der freiheitlichen Jugend forderten bei der Pressekonferenz ebenfalls vehement den Rücktritt von Hans Achatz, "würde dieser bei der nächsten Wahl wieder kandidieren, würden wir ihn nicht unterstützen", so Gunther Pahl vom Ring Freiheitlicher Jugend in Oberösterreich.

FPÖ-Obmänner aus mehreren Bezirken berichteten bei der Pressekonferenz von einer "Austrittwelle" der Parteifunktionäre und -mitglieder. Ganze Ortsgruppen seien aus Protest dabei, sich aufzulösen. Achatz und Haider würden "zu Totengräbern der FPÖ", sagte beispielsweise der FP-Obmann des Bezirks Gmunden, der Landtagsabgeordnete Martin Kreßl.

Bereits vorige Woche schrieb der Historiker Prof. Dr. Höbelt in der Wochenzeitung  Zur Zeit : "Der berühmte Dr. Sperber soll sich einmal händeringend an den  Richter gewandt haben: „Herr Rat, mein Mandant verblödet mir  unter den Händen!“ In einer ganz ähnlichen Lage finden sich  heute alle die wieder, die – zu Recht und aus Überzeugung – Jörg  Haider über Jahre und Jahrzehnte gegen all die Bedenkenträger  der „political correctness“ verteidigt haben. Vom rein persönlichen Standpunkt könnte man zwar noch  argumentieren: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“  Jörg Haider hat die FPÖ zu einer beachtlichen Größe geführt;  wenn er – unter welchem Einfluß auch immer – die Partei wiederum  zu zerstören beginnt, so ist das sein gutes Recht. Im Interesse  der Sache muß man sich aber wohl durchringen, die Dinge etwas  weniger philosophisch zu betrachten. Der Nutznießer der  mutwillig und sinnlos vom Zaun gebrochenen Krise dieser Tage  kann nur die politische Linke sein – in Österreich und in  Europa. Die Verdienste Jörg Haiders sind unbestritten. Doch darf  man sich deshalb keinen Illusionen hingeben: Wenn die Wende an  den offensichtlich ungezügelten Emotionen seiner Person  scheitert, wird die Rechte in Österreich auf lange Sicht „weg  vom Fenster“ sein. Im gegenwärtigen Augenblick vertritt Haider mitnichten die  Rechte, sondern er ist – Gott sei’s geklagt – zum „nützlichen  Idioten“ der Linken geworden. Gerade wer Haiders große  Leistungen schätzt und würdigt, ist daher aufgerufen, ihm ein  deutliches „Halt“ zuzurufen, um von seinem Lebenswerk zu retten,  was zu retten ist."

[9. September 2002]


 
Vizekanzlerin Riess-Passer tritt zurück

Die Krise in der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) dauert an. Am Nachmittag des 8. 9. 2002 kamen der Parteivorstand und die Landesvorsitzenden in Wien zusammen, um über einen Kompromissvorschlag des Haider-Flügels zu beraten. Die Anhänger des Kärtner Landeshauptmanns hatten am 7. 9.  eine Verschiebung des umstrittenen Sonderparteitags bei Annahme eines Kompromißvorschlages beschlossen. Der gemäßigte Flügel um Parteichefin und Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer hat den Kompromiß abgelehnt. Vizekanzlerin Riess-Passer, Finanzminister Grasser und Klubvorsitzender Westenthaler sind am Abend des 8. 9. 2002 zurückgetreten. Ein Bruch der Regierungskoalition aus FPÖ und konservativer Österreichischer Volkspartei (ÖVP) ist wahrscheinlich.
Voraussichtlich wird Bundeskanzler Schüssel im November 2002 Neuwahlen durchführen lassen.

Parteiobfrau Riess-Passer plant für den 20. Oktober einen FPÖ-Bundesparteitag, auf dem die Parteiführung neu gewählt werden soll.

Für den Fall einer Einberufung des Sonderparteitags hatten die Vize-Kanzlerin sowie die übrigen Minister der FPÖ ihren geschlossenen Rücktritt angekündigt, da dies einem Votum der Partei gegen die Politik der FPÖ-Regierungsmitglieder gleichkäme.

Die etwa 400 Delegierten beschlossen auf ihrem Treffen in Knittelfeld in der Steiermark am 7. 9., den ursprünglich von Haider geforderten Sonderparteitag von Oktober auf Januar 2003 zu verschieben. Haider würdigte den mit Hilfe von Vize-Parteichef und Verteidigungsminister Herbert Scheibner erzielten Kompromiß. Er forderte Riess-Passer auf, die Einigung anzunehmen, sie lehnte dies jedoch ab.

Haider hatte die Parteivorsitzende Riess-Passer in den vergangenen Wochen in einem offenen Machtkampf herausgefordert. Er verlangte, die im Wahlkampf versprochene Steuerreform vor der Parlamentswahl im Herbst 2003 umzusetzen. Die Regierungskoalition will die Reform dagegen wegen der immensen Kosten der Flutkatastrophe vom August bis mindestens 2004 verschieben, um rund zwei Milliarden Euro für Hilfszahlungen freimachen zu können. Haider hatte im Falle eines Aufschubs der Steuerreform seinen schrittweisen Rückzug aus der Politik angekündigt.

Riess-Passer verfolgte im Gegensatz zu Haider eine Strategie der Kompromisse und wollte die FPÖ langfristig als Regierungspartei etablieren. Der ÖVP-Innenminister Ernst Strasser sagte am 8. 9., die FPÖ müsse sich entscheiden, ob sie Regierungsverantwortung tragen oder in der Opposition sein wolle. Bundeskanzler Schüssel berief den ÖVP-Parteivorstand für den Abend des 8. 9. 2002 ein. Voraussichtlich wird die ÖVP nach dem Rücktritt von Vizekanzlerin Riess-Passer und Finanzministers Grasser Neuwahlen beantragen.

Natürlich wäre es Aufgabe der FPÖ-Regierungsmannschaft gewesen, ein Veto gegen die EU-Osterweiterung einzulegen. Durch die von Scheibner und Haider provozierten Rücktritte kann es dieses Veto nicht geben.
Nach einer Neuwahlen wird die FPÖ nicht mehr in der Regierung sein und da alle anderen Parteien eine Osterweiterung befürworten wird es  jetzt doch eine Zustimmung zur Osterweiterung geben. Man kann dann nurmehr auf andere Ereignisse hoffen, wie z. B. die Ablehnung des Vertrages von Nizza durch Irland. 

[8. September 2002]


 
FPÖ-Delegiertentagung in Knittelfeld

Rund 400 Delegierte der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) sind in Knittelfeld (Steiermark) mit dem Kärntner Landeshauptmann und früheren Parteichef Jörg Haider zusammengekommen, um über einen Ausweg aus der schweren Krise der Partei zu beraten. Auch Finanzminister Grasser und Rüstungsminister Scheibner nahmen an der Tagung teil. Die Delegierten wollten darüber entscheiden, ob der ursprünglich von Haider geforderte Sonderparteitag zustandekommen soll. Für den Fall einer Einberufung hatten Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer und die anderen FPÖ-Minister ihren gemeinsamen Rücktritt angekündigt. Für diesen Fall hatte Bundeskanzler Schüssel die Ausschreibung von Neuwahlen angekündigt, was ein Ende der schwarzblauen Regierung bedeuten würde. Haider sagte den Delegierten, die FPÖ würde in diesem Fall auf Jahrzehnte keinen maßgeblichen politischen Einfluß mehr ausüben können. Die Delegierten wollen jetzt auf den Sonderparteitag verzichten und dafür im Januar 2003 anstatt des Neujahrstreffens der FPÖ einen Parteitag abhalten. Bei diesem Parteitag soll überprüft werden, ob die FPÖ-Regierungsmannschaft eine Reihe von Kompromißvorschlägen umgesetzt hat, die am 7. 9. 2002 in Knittelfeld vorgebracht  wurden.

Die als Kompromiß zwischen der Regierung und den Delegierten vereinbarten Maßnahmen sind: Einsetzung einer Kommission, die die Möglichkeiten einer Durchführung der Steuerreform noch 2003 überprüft sowie die Einsetzung einer weiteren Kommission, die die Einhaltung der Bedingungen zur Rücknahme der Benes-Dekrete und der Abschaltung Temelins als Voraussetzung eines Beitrittes der Tschechei zur EU überprüft. Eine weitere Forderung der Delegierten ist, die sog. Österreichische Nationalbank solle aus ihrem Gewinn Gelder zur Behebung der Hochwasserschäden zur Verfügung stellen. Ferner wünschten die Delegierten, daß Jörg Haider wieder in den Koalitionsausschuß zurückkehrt. Haider stimmte diesem Vorschlag sogar zu, obwohl er sich erst kürzlich wieder einmal aus der Bundespolitik zurückgezogen hatte...

Knittelfeld
Jörg Haider (r.) am 7. 9. 2002 auf der Delegiertentagung in Knittelfeld

Die ca. 400 Unterschriften für einen Sonderparteitag sollen nicht zur Wirkung kommen sondern von Volksanwalt Stadler kommissarisch solange verwaltet werden, bis die Vorschläge der Delegierten vom Parteivorstand angenommen werden.

Parteivorsitzende Riess-Passer war am 7. 9. 2002 bei einer Tagung der FPÖ Burgenland und erklärte am Abend auf Anfrage, daß die Vorschläge der Delegiertentagung von Knittelfeld von den zuständigen Gremien der Partei geprüft werden müssen.

Haider hatte in den vergangenen Wochen einen offenen Machtkampf mit Parteichefin Riess-Passer begonnen. Der Kärntner Landeshauptmann fordert die Umsetzung der im Wahlkampf versprochenen Steuerreform noch im kommenden Jahr. Die Regierungskoalition will die Reform dagegen wegen der immensen Kosten der Flutkatastrophe bis mindestens 2004 verschieben. Haider erklärte dann nach Abweisung seiner Forderungen einen erneuten Rückzug aus der Bundespolitik und wurde selbst von den ca. 400 Delegiertenunterschriften für einen Sonderparteitag überrascht, obwohl er vorher mit einem solchen Parteitag gedroht hatte. 

Die Unterschriftensammlung wurde von Volksanwalt Stadler betrieben, der auf Riess-Passer nicht gut zu sprechen ist, da sie ihn in die Volksanwaltschaft weglobte. Stadler erhoffte sich eine Rückkehr in die Parteipolitik als Minister unter einem Vizekanzler Scheibner. Gerüchten zufolge war er von seinem Komplott so überzeugt, daß er der Vizekanzlerin sogar einen Ministerposten  im neuen Regierungsteam angeboten hatte. Dagegen sollte Finanzminister Grasser durch Thomas Prinzhorn ersetzt werden. Diese unsinnige Streiterei wegen der Verschiebung einer Steuerreform hat der Partei ungemein geschadet. Die aufständischen Delegierten, die nur den FPÖ-Gegnern nutzten, haben erst im Nachhinein die Themen Temelin und Benes-Dekrete in ihren Forderungskatalog aufgenommen, um den Eindruck ihrer offensichtlichen politischen Naivität und ihres parteischädigenden Verhaltens  abzuschwächen. Der Obmann der SPÖ, A. Gusenbauer erklärte beispielsweise, J. Haider sei ein Kronzeuge dafür, daß die FPÖ Wahlversprechen breche...(Haider hatte in Interviews die Verschiebung der Steuerreform als Bruch eines Wahlversprechens hingestellt.) Von Oppositionspolitikern  wurde auch erklärt, die Regierung sei wegen ständiger Streitigkeiten in der FPÖ handlungsunfähig, was auch die Meinung eines Großteils der Bevölkerung ist.

[7. September 2002]


 
Bundesvorstandssitzung der FPÖ in Wien

Am Abend des 3. 9. 2002 begann in Wien eine Bundesvorstandssitzung der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), die bis in die Morgenstunden des 4. 9. andauerte. Vizekanzlerin Riess-Passer und der Regierungsmannschaft wurde das Vertrauen für die weitere Durchführung des Regierungsprogrammes ausgesprochen. An der Sitzung nahmen u. a. alle Regierungsmitglieder der FPÖ teil. Landeshauptmann Jörg Haider erklärte, an der Sitzung deswegen nicht teilzunehmen, weil er sich aus der Bundespolitik zurückgezogen habe. 

Vorher hatten übereifrige Funktionäre die erforderlichen Unterschriften für einen Sonderparteitag gesammelt, in welchem eine Aufhebung des Regierungsbeschlusses zur Verschiebung der Steuerreform gefordert werden soll. Am 3. 9. erklärte Jörg Haider dazu, er habe nie einen Sonderparteitag gefordert und er sei der Meinung, die gesammelten Unterschriften sollen als Rechtfertigung für eine sofortige Steuerreform gesehen werden....Bundeskanzler Schüssel (ÖVP) erklärte am Abend des 3. 9. zu diesen Turbulenzen in der FPÖ, er werde eine Nichteinhaltung von Regierungsbeschlüssen nicht akzeptieren und er hoffe, daß sich Riess-Passer durchsetze.

Der Parteivorstand der FPÖ sprach am Morgen des 4. 9. mit 40 zu 2 Stimmen der Regierungsmannschaft das Vertrauen aus. Parteiobfrau Riess-Passer erklärte, sie werde zurücktreten, falls ein Sonderparteitag stattfinde, ähnliches erklärten weitere Regierungsmitglieder. Die Parteiführung will die Delegierten zur Zurücknahme der Unterschriften für einen Sonderparteitag bewegen. Als erster zog der Abgeordnete Prinzhorn, ebenfalls Mitglied des Parteivorstandes, seine Unterschrift zurück. Er erklärte dazu, daß er erst in der Vorstandssitzung die Hintergründe zu dieser Aktion erfahren habe.

[4. September 2002]

< Parteien
 
Jörg Haider will sich wieder aus der Bundespolitik zurückziehen

Nach einem Geheimtreffen von Landeshauptmann J. Haider mit FPÖ Regierungsmitgliedern am 30. 8. 2002 erklärte Haider vor den Medien, er wolle sich aus der Bundespolitik zurückziehen, da die FPÖ - Regierungsmannschaft nicht auf seine Forderung gegen eine Verschiebung der Steuerreform eingegangen sei. Das bedeute, daß er nicht am Wahlkampf teilnehmen werde, daß er nicht mehr in den Bundesparteivorstand gehe und daß er das Präsidium der Freiheitlichen Akademie zurücklege, meinte Haider. Zu der Frage, ob dies auch seinen Rückzug als Landeshauptmann von Kärnten nach dem Ende dieser Legislaturperiode bedeute sagte Haider: "Ich habe von einem schrittweisen Rückzug gesprochen, das bleibt auch so." Darauf angesprochen, daß er bereits mehrmals seinen Rückzug angekündigt habe, betonte der Landeshauptmann: "Das ist endgültig." 

Zum Totalrückzug des Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haider aus der Bundespolitik sagte Sozialminister Herbert Haupt (FPÖ) am Abend des 30. 8., dies sei "derzeit seine (Haiders) Meinung". Es gebe sachliche Differenzen, aber trotzdem wolle er (Haupt) die Sitzung des FPÖ - Bundesparteivorstandes am 3. 9. 2002 abwarten.

Bereits am 15. Februar 2002 kündigt Haider nach internen Streitigkeiten bei den Freiheitlichen abends in der ORF-Sendung Zeit im Bild "endgültig" seinen Rückzug aus der Bundespolitik an: "Ich bin schon weg.", sagte der Landeshauptmann. Befragt, ob er bei Nationalratswahlen wieder kandidieren werde, antwortete der Landeshauptmann mit einem "Kärntner Sprichwort, das heißt: Was man wegwirft, klaubt man nicht mehr auf." Anlaß des Streites war u. a., daß Klubobmann Peter Westenthaler vorher erklärt hatte, Haider solle die Bundesregierung in Ruhe arbeiten lassen und sich nicht einmischen und öffentlich Kritik üben. Das faßte Haider scheinbar als Majestätsbeleidigung auf und kritisierte Westenthaler anschließend in seiner Aschermittwochrede als "Struwelpeter". Seine Rückzugsankündigung wurde damals sehr ernst genommen und mehrere Kommentatoren schrieben bereits einen Nachruf auf den Politiker Haider, u. a. G. Nenning in der "Kronenzeitung".

[30. August 2002]
 

< Parteien
 
Neue Eskapaden Haiders gegen Regierungsmannschaft

Obwohl Landeshauptmann Haider im Februar 2002 sein Ausscheiden aus der Bundespolitik angekündigt hatte, ließ er Ende August 2002 mit neuen Einmischungsversuchen in die Arbeit der ÖVP-FPÖ Regierung aufhorchen. Eine solche Einmischung wäre zwar in der Frage der Beschaffung der Abfangjäger oder der Osterweiterung durchaus begrüßenswert, aber davon ist keine Rede. Haider will vielmehr die von 2003 auf 2004 verschobene Steuerreform unbedingt noch 2003 durchführen lassen. Das wurde aber per Regierungsbeschluß wegen der Kosten der Hochwasserschäden  abgelehnt. Am 26. 8. 2002 kündigte Haider sogar ein Volksbegehren über die Steuerreform an. Der Kärntner Landeshauptmann will sich selbst an dessen Spitze setzen - gegen den eigenen Parteivorstand. Von einem Volksbegehren gegen die Osterweiterung will Haider leider nichts wissen, obwohl mindestens 70 % der Österreicher gegen eine Osterweiterung zum jetzigen Zeitpunkt sind. Haider verspielt mit seinen neuerlichen Eskapaden wertvolles politisches Vertrauen, das man im Ernstfall, nämlich bei einem etwaigen Beschluß der Bundesregierung für die Osterweiterung brauchen würde...

Der Koalitionspartner der FPÖ im österreichischen Parlament, die ÖVP unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bleibt indessen seiner Linie treu und schweigt. Man werde sich nicht einmischen, sagte Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat. 

Daß die ÖVP nicht nur um den Koalitionspartner, sondern auch um ihre eigene Regierungsmacht bangt, verleugnet sie intern nicht. Allenfalls ein Sieg Riess-Passers über Haider könnte die Regierung noch für einige Monate zusammenhalten. Würde sich Haider auf den Posten des Vizekanzlers hieven, wäre nicht nur mit einem Ausscheiden der FPÖ-Minister, sondern auch mit einem Aufruhr in der ÖVP-Riege zu rechnen.

Bundeskanzler Schüssel müßte aufgeben und hätte bei der Neuwahl schlechte Perspektiven: Die FPÖ liegt in Umfragen bei 19 Prozent (Wahlen 1999: 26,9 Prozent). Der Mobilisierungseffekt, den einige Wahlforscher von einer Rückkehr Haiders erwarten, würde nach Ansicht anderer durch die Spaltung der Partei zunichte gemacht.

Eine Haider-FPÖ und die ÖVP kämen zusammen auf 47 Prozent. Sozialdemokraten und Grüne würden 50 Prozent erreichen und es sich trotz tiefgreifender Berührungsängste und ideologischer Gräben wohl nicht entgehen lassen, eine neue schwarz-blaue Regierung zu verhindern.

Mit seinen jetzigen Querschüssen schadet Alt-Parteichef Jörg Haider seiner Partei sehr. Anstatt sie, wie er als seine Absicht betont, vor weiterem Schaden zu bewahren, beschädigt er die relativ gute Position, die sich die Regierungsmannschaft unter Parteichefin Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer erarbeitet hat. 

Riess-Passer oder Finanzminister Karl-Heinz Grasser hatten anerkannt gute Arbeit geleistet, die internationalen Probleme angesichts der Regierungsbildung haben sich mittlerweile bereinigt. Jetzt hätte es eigentlich möglich sein können, bis zum Ende der Legislaturperiode den Beweis zu erbringen, daß die FPÖ in der Lage ist, aktive Regierungspolitik zu betreiben - was ja von vornherein nicht so klar war. Die Querschüsse jetzt machen sehr viel der bisher geleisteten positiven Arbeit zunichte.

Geboten wäre es für die FPÖ, rasch die Streitigkeiten zu beenden. Sie hat ohnehin alle Hände voll zu tun, ihr letztes Wahlergebnis (26,9 Prozent) wieder zu erreichen. Das bedarf aller Anstrengungen und eines gemeinsamen Vorgehens. Wenn doch entweder Haider oder Riess-Passer sich zurückziehen, würde die FPÖ zwangsläufig Wähler verlieren. Und dann ist nicht nur die Position der FPÖ als wichtige politische Kraft gefährdet, sondern auch die Wenderegierung, meinten österreichische Meinungsforscher. Die ÖVP könne nicht das aufholen, was auf eine schwarz-blaue Mehrheit dann fehlen würde. Der Koalitionspartner muß über 20 Prozent einbringen, da die ÖVP bei 27 bis 29 Prozent liegt.

Riess-Passer ist als politische Mediatorin der Garant für die FPÖ und die Regierung. Gemeinsam wären Haider und Riess-Passer ein gutes Team mit einer durchaus funktionierenden Doppelstrategie gewesen. Jetzt hat es Haider mit seinen Einmischungsversuchen von außen übertrieben. 
Mit der Hochwasser-Katastrophe hätte die Regierung das Fehlen des Nulldefizits, der Steuerreform gut verkaufen können. Wie man eine so gute Ausgangssituation für die Wahl so zerstören kann, ist schwer verständlich.

Als Antwort auf den Plan eines Volksbegehrens zur Steuerreform hat Riess-Passer am Abend des 26. 8. sogar eine Volksabstimmung über dasselbe Thema vorgeschlagen. Es ist nur zu hoffen, daß die ÖVP dabei nicht mitmacht, denn wenn man Volksabstimmungen über so wichtige Fragen wie die Osterweiterung oder die Abfangjäger ablehnt, dann braucht man auch über eine Steuerreform kein Volksabstimmungstheater  zu inszenieren..

Wahrscheinlich wegen massiver Proteste aus der FPÖ und auch weil kein einziger Landesverband außer Kärnten das Haidersche Volksbegehren unterstützen will, zog Haider am Abend des 27. 8. seinen Plan zurück und forderte die Bundesparteileitung der FPÖ auf, die Steuerreform aufgrund von künftigen Verhandlungen seiner Person mit Regierungsmitgliedern doch noch 2003 durchzuführen. Sollte das nicht geschehen, wolle er sich wieder einmal vollkommen aus der Politik zurückziehen, erklärte der Landeshauptmann.

[27. August 2002]

< Parteien
 
Riess-Passer schafft Ordnung in der FPÖ

Nach fünfeinhalbstündigen Beratungen im Bundesparteivorstand der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) am 17. 2. 2002, der nach der vorzeitigen Rückkehr von Parteichefin Susanne Riess-Passer aus den USA kurzfristig nach Wien einberufen worden war stand fest, daß es keine gravierenden Veränderungen in der Partei geben wird. 

Peter Westenthaler bleibt Klubobmann der Partei im Bundesparlament. Der Rückzug des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider aus der Bundespolitik, der am Abend des 15. 2. mit seiner Aussage "ich bin schon weg" für Turbulenzen gesorgt hatte, besteht in seinem Ausscheiden aus dem Koalitionsausschuß. Er wird die FPÖ in der Bundespolitik weiterhin unterstützen. Nachfolger Haiders im Koalitionsausschuß wird der Obmann der FPÖ Vorarlbergs Hubert Gorbach (l.), wie Parteiobfrau Riess-Passer (r.) verkündete. Haider habe ihr mitgeteilt, daß er diesen Posten nicht mehr ausüben wolle, jedoch ihr jederzeit für Verhandlungen zur Verfügung stehe und sie dabei in jeder Form unterstützen werde. Der Parteivorstand habe mit Freude einen einstimmigen Beschluß dazu gefaßt. Haider selbst erklärte nach der Sitzung, er stehe auf Wunsch der Vizekanzlerin für die Bundespolitik der FPÖ weiter zur Verfügung.

Riess-Passer wurde vom Vorstand mit einer Generalvollmacht ausgestattet, die Führungsstrukturen der Freiheitlichen nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Dritter Punkt des Vorstandsbeschlusses: Es wird festgestellt, "daß es in der FPÖ keinen Richtungsstreit gibt und die freiheitliche Regierungsarbeit unumstritten ist". 

Der zuletzt heftig umstrittene Klubchef Peter Westenthaler wird seine Arbeit über die ganze Legislaturperiode fortsetzen, erklärte die FPÖ-Vorsitzende Riess-Passer. Er habe in der Sitzung die Vorgangsweise und öffentliche Diskussion bedauert und zugestimmt, daß sich so etwas nicht mehr wiederholen dürfe. Generell hielt die Vizekanzlerin fest, dass solch eine Situation nicht mehr eintreten dürfe, sie dies auch nicht mehr zulassen werde: "Wir können uns solche Debatten nicht leisten." Tatsächlich hatte Haider die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen, als er am 15. 2. seinen Rückzug aus der Bundespolitik über ein TV-Interview bekanntmachte, ohne vorher den Parteivorstand zu informieren oder gar um dessen Meinung zu diesem Vorhaben zu bitten. Nach dem Verlassen der FPÖ-Vorstandssitzung in einem Wiener Hotel wurde Haider von einem Demonstranten attackiert und gefragt, ob er im Irak für die Aufstellung kurdischsprachiger Ortstafeln eingetreten sei...

Am 18. 2. trat die FPÖ-Verkehrsministerin Forstinger aus privaten Gründen zurück. Die Partei nominierte als Nachfolger den Kärntner Haider-Vertrauten Reichold.

[18. Februar 2002]

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