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Nationalreligiöse Partei AKP siegt in der Türkei
Bei den Parlamentswahlen vom 3. 11. 2002 in der Türkei erlitten
die dortigen USA- und Israelhörigen Regierungsparteien eine schwere
Niederlage und sind nicht einmal mehr im Parlament vertreten. Um das Aufkommen
von unliebsamer Opposition und auch eine Vertretung der Kurden zu verhindern,
war in der Türkei sogar eine 10 % - Hürde eingeführt worden,
an der deren Erfinder jetzt gescheitert sind. (Auch in Bayern gab es bei
Landtagswahlen einmal eine 10 %-Hürde, die Parteien mußten in
mindestens einem Regierungsbezirk 10 % erreichen, was 1966 der NPD in Mittelfranken
auf Anhieb gelang). Nach der vorgezogenen Parlamentswahl hat sich die innenpolitische
Lage in der Türkei offenbar grundlegend geändert. Die erst vor
einem Jahr gegründete konservativ-religiöse Partei AKP trug einen
regelrechten Erdrutschsieg davon. Noch vor Verkündung des Endergebnisses
erklärte sich die aus der islamischen Bewegung hervorgegangene Partei
für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) am frühen Montagmorgen
zum Sieger und meldete ihren Anspruch auf die Regierungsbildung an. Beim
Sieg einer ähnlichen religiösen Partei schritt vor Jahren das
Militär ein und die Partei wurde verboten. Auch gegen die AKP läuft
schon seit längerer Zeit ein Verbotsverfahren, die überraschenden
Neuwahlen sind dazwischengekommen. Man kann vermuten, daß die etablierten
Seilschaften in Militär und einer korrupten Bürokratie mit Unterstützung
der einschlägigen Geheimdienste alles daransetzen werden, die AKP
wieder zu entmachten.
Nach Auszählung von 98 Prozent der Stimmen lag die AKP bei einem
Stimmenanteil von 34,20 Prozent. Dies könnte sogar für die absolute
Mehrheit im Parlament reichen, da offenbar nur zwei Parteien die Zehn-Prozent-Hürde
überwinden konnten. Zweitstärkste Kraft sind die Sozialdemokraten
der Republikanischen Volkspartei mit 19,49 Prozent. Die Partei des rechten
Weges der früheren Ministerpräsidentin Tansu Ciller kam den vorläufigen
Ergebnissen zufolge auf 9,6 Prozent und konnte sich noch Hoffnungen auf
den Sprung ins Parlament machen. Die Demokratische Linkspartei des bisherigen
Ministerpräsidenten Bülent Ecevit erhielt nur noch ein Prozent
der Stimmen und ist im künftigen Parlament nicht mehr vertreten.
Der Parteiführer der AKP und frühere Bürgermeister von
Istambul Tayyip Erdogan (m.)
Parteichef Recep Tayyip Erdogan rief am frühen Morgen seinen jubelnden
Anhängern zu: «Wir haben das für uns erwartete Ziel erreicht.»
Und er fuhr fort: «Von jetzt an werden wir die Siege im Namen unserer
Nation und unseres Staates feiern.» Erdogan war jedoch auch sichtlich
bemüht, Befürchtungen hinsichtlich des künftigen Kurses
der Türkei unter einer Regierung der AKP zu zerstreuen. Auf einer
Pressekonferenz in Ankara zitierte er demonstrativ den säkularen Staatsgründer
Mustafa Kemal Atatürk und verzichtete trotz der islamischen Wurzeln
der AKP auf jeden religiösen Hinweis. Den von der Türkei ausgehenden
Aggressionsakten der USA gegen den Irak steht die Partei wohl kritisch
gegenüber, dürfte jedoch durch weitere Milliardenzahlungen der
Geberländer zu beschwichtigen sein (Die EU hat im Oktober 2002 bereits
eine Milliarde Euro überwiesen).
Erdogan erklärte, er wolle in Zusammenarbeit mit dem Internationalen
Währungsfonds (IWF) ein Wirtschaftsprogramm verfolgen, das die internationale
Rolle der Türkei stärke. «Wir haben nicht die Absicht,
die Welt herauszufordern», sagte Erdogan. Wichtigste Aufgabe seiner
neuen Regierung sei es, den Prozess des EU-Beitritts zu beschleunigen,
da hier Milliardengelder von den Nettozahlern wie der BRD und Österreich
zu erwarten sind. Erdogan war 1999 wegen der öffentlichen Verlesung
eines religiösen Gedichts wegen "Volksverhetzung" - nach ähnlichen
Grundsätzen wie in der BRD üblich - verurteilt worden und durfte
deshalb nicht für das Parlament kandidieren.

Ecevit räumte am Abend seine Niederlage ein. «Wir haben politischen
Selbstmord begangen», sagte der 77-Jährige mit Blick auf die
Entscheidung zu vorgezogenen Neuwahlen, gegen die er sich im Sommer lange
Zeit gestemmt hatte. Ecevit äußerte sich besorgt über den
Sieg der AKP und erklärte: «Ich hoffe, daß diese Partei
die säkulare und demokratische Ordnung respektiert.» Die Parlamentswahl
fand eineinhalb Jahre vor dem regulären Ablauf der Legislaturperiode
statt.
Wahlberechtigt waren 41 Millionen Bürger; in der Türkei herrscht
Wahlpflicht. Die Abstimmung war begleitet von starken Sicherheitsvorkehrungen
- insbesondere im kurdisch geprägten Südostanatolien. Unabhängige
Beobachter berichteten im BBC World-Service, daß in den Kurdengebieten
die Wahlen behindert wurden.
Die Ergebnisse der einzelnen Parteien:
AKP....................34,20 %...............362 Sitze
CHP....................19,49 %...............179 Sitze
DYP......................9,37 %
MHP......................8,36 %
GP.........................7,27 %
DEMAP.................6,09 %
ANAP....................5,14 %
SP..........................2,49 %
DSP.......................1,23 %
YTP.......................1,16 %
BBP.......................1,02 %
YP..........................0,94 %
IP...........................0,52 %
BTP........................0,47 %
ÖDP.......................0,34 %
LDP.......................0,29 %
MP.........................0,22 %
TKP.......................0,19 %
Sonst......................1,0 %
[3. November 2002] |