Die Rolle des Kapitals in der Volkswirtschaft
von Per Lennart Aae
Inhalt
1. Was ist Kapital und warum darüber reden?
2. Das Kapital als Maß unserer wirtschaftlichen Leistungsreserven
3. Das Kapital als „Mandat“ für den Einsatz volkswirtschaftlicher
Ressourcen
4. Ein neues Kapitalverständnis als geistige Waffe im Kampf gegen
Fremdsteuerung
5. Erste Fehlkonstruktion: das kapitalistische Gewinnprinzip
6. Das Kapital als „Druckausgleichsgefäß“
7. Zweite Fehlkonstruktion: das Kapital als selbstreproduzierendes
System
8. Kapitalinteressen und Globalisierungsbestrebungen in der Politik
9. Resümee
Appendix: Beziehungen zwischen einigen Größen in einem geschlossenen
Geldkreislauf
1. Was ist Kapital und warum darüber reden?
Wenn Geldwerte auf die hohe Kante gelegt werden, weil sie nicht für
den unmittelbaren Konsum, die laufenden Betriebskosten oder für sofortige
Investitionen benötigt werden, spricht man bekanntlich von Sparen
oder Rücklagenbildung. Dadurch wird grundsätzlich jenes Geldkapital
gebildet, welches wir verkürzt einfach als „Kapital“ bezeichnen –
so auch in diesem Artikel -, obwohl der Begriff eigentlich, je nach Zusammenhang,
entweder Geldwerte oder Sachwerte (‚Realkapital’) bedeuten kann. Dieser
eigentliche Vorgang der Kapitalbildung ist mit der Geldwirtschaft offenbar
untrennbar verbunden und, wie in diesem Artikel noch dargestellt werden
soll, mehr als bloß „sinnvoll“, nämlich volkswirtschaftlich
notwendig und in der ökonomischen Praxis geradezu unumgänglich.
Das gilt es, im Auge zu behalten, wenn man daran geht, die Entwicklung
des Kapitals von einem dienenden zu einem beherrschenden, ja im wirtschaftlichen
und politischen Leben krebsartig wuchernden Element zu analysieren und
zu kritisieren. Diese Kritik ist heute in der Tat zwingend. Denn so notwendig
das Kapital an sich für die Volkswirtschaft auch sein mag, so gefährlich
ist es in seiner Rolle als Beschleuniger des mittlerweile augenscheinlichen
Verfallsprozesses aller wirtschaftlichen Klein- und Mittelstrukturen zu
Gunsten von sozial und kulturell entwurzelten, demokratisch nicht mehr
nachvollziehbaren, sich letztlich auch gegenseitig bekämpfenden und
verdrängenden globalen Megastrukturen.
Das in diesem Sinne entartete Kapital und damit das von ihm beherrschte
Wirtschaftssystem ist auf Grund des Zinsautomatismus und des daraus folgenden
Profit- und Wachstumszwanges dazu verdammt, alle Möglichkeiten der
Expansion durch Zersetzung von Klein- und Mittelstrukturen und Aufbau immer
unübersichtlicherer Großstrukturen zu nutzen. Die Folge ist
jenes „verfressene Kapital“, welches, ähnlich den entarteten, ebenfalls
einem verstärkten Wachstumszwang unterliegenden Krebszellen in einem
von der Krebskrankheit befallenen Körper, immer mehr gesundes Gewebe
verdrängt, also immer mehr sozial und kulturell verträgliche
Wirtschaftsstrukturen austrocknet und, um im Bild zu bleiben, das metastasenartige
Wachstum eben jener Krebsgeschwülste ermöglicht, denen die heutigen,
soziokulturell entkoppelten Wirtschafts- und Finanzmegastrukturen in so
erschreckender Weise ähneln.
Das beschriebene Wirkungsgefüge ist zwar eine in unserem Geldsystem
und in der „liberalen Wirtschaftsordnung“ grundsätzlich angelegte
Disposition. Seine negativen Auswirkungen wurden aber lange Zeit vom materiellen
Fortschritt überdeckt, der durch die vorwegnehmende, vorübergehende
Entfesselung aller wirtschaftlichen Kräfte erzielt werden konnte.
Gleichzeitig sind die negativen Folgen auch wegen der im Vergleich zum
heutigen Stand noch vor kurzem relativ unvollkommenen Kommunikationsmöglichkeiten,
wegen der bis Anfang der neunziger Jahre bestehenden geostrategischen Großwetterlage
und nicht zuletzt einfach wegen des natürlichen Beharrungsvermögens
bestehender Formen lange nur schwer zu erkennen gewesen. Ähnliches
gilt übrigens auch für den angeborenen Expansionsdrang unserer
Spezies im allgemeinen, welcher zwar in einem gewissen Spannungsverhältnis
zu unseren elementaren, mehr auf die Kleingruppe ausgerichteten sozialen
Bedürfnisse und Fähigkeiten steht, aber in langen Zeiträumen,
als der Mensch sich die Erde noch nicht gänzlich untertan gemacht
hatte, einen positiven Saldo von Fortschritt und Zerstörung aufweisen
konnte. Beides, die zerstörerische Entwicklung des Kapitalismus wie
auch die ungebremste Expansionslust unserer Spezies im allgemeinen, zeigen
erst in Verbindung mit der exponentiellen Steilphase, in welche die technische
Entwicklung heute eingetreten ist, ihren wahren Charakter als langfristiges
– mittlerweile aber bereits erkennbar näherrückendes! - Verhängnis
der Menschheit.
Aber auch der Kapitalismus in seiner oben beschriebenen, alles beherrschenden,
alles zersetzenden, den absoluten Vorrang beanspruchenden Form beruht im
Kern auf einem natürlichen Gesetz, das für jede arbeitsteilige
Wirtschaftsgemeinschaft ab einer gewissen Komplexität gilt, nämlich
dem tatsächlichen Zwang zur Kapitalbildung. Die ideologischen Vertreter
des Kapitalismus nehmen selbstverständlich dieses Gesetz als Begründung
auch für den Mißbrauch in Anspruch und sprechen ebenfalls von
der prinzipiellen Notwendigkeit des Kapitals, jedoch ohne auf dessen eigentliches
Wesen und tatsächliche Aufgabe für eine langfristig stabile,
existenzsichernde, selbstbestimmte Volkswirtschaft einzugehen. Deswegen
ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Auseinandersetzung
mit dem internationalen Finanzkapitalismus die Fähigkeit, dem pervertierten
Kapitalverständnis dieser modernen Herrschaftsideologie ein sowohl
ökonomisch als auch sozial und kulturell stimmiges und überzeugendes
Alternativmodell entgegenzusetzen. Es geht gewissermaßen darum, das
als Herrschaftsinstrument mißbrauchte Kapital der gewachsenen kulturellen,
sozialen und wirtschaftlichen Gemeinschaft als jenes Gemeinschaftsgut,
das es von Natur aus tatsächlich darstellt, zurückzugeben, und
zwar zunächst im geistigen, intelektuellen Sinne. Denn die kapitalistische
Herrschaft ist, wie die meisten Herrschaftsformen, in erster Linie eine
Macht über die Köpfe. Auf dieser Grundlage kann man dann auch
politisch wirksam aufzeigen, welche ökonomische Absurdität und
vor allem welche ungeheuere Bedrohung für alle gewachsenen soziokulturellen
Gemeinschaften und ihre natürlichen Lebensgrundlagen der heutige westliche
Kapitalismus verkörpert. Würde man umgekehrt vorgehen, so würde
man vielleicht bei der Aufzählung von Mißständen einige
Zustimmung ernten, aber letztlich scheitern, und zwar am fatalistischen
Glauben der Masse, gerade unter den sogenannten Intelektuellen, an angeblich
unaufhaltsame, jedem politischen Gestaltungswillen entzogene ökonomische
Zwangsläufigkeiten.
Deswegen soll hier zunächst versucht werden, in möglichst
einfacher und verständlicher Form ein positives ‚Kapitalverständnis’
im Sinne einer langfristig stabilen und lebensfähigen Volkswirtschaft
zu vermitteln. Die ‚axiomatische’ Wertegrundlage hierfür ist die Erkenntnis,
daß jede Volkswirtschaft das pulsierende Herz ihres Volks-
und Kulturraumes und somit das gemeinsame Eigentum der darin lebenden Menschen
ist - oder jedenfalls sein sollte. Das gilt insbesondere auch für
das Kapital, welches in Wirklichkeit nichts anderes darstellt als eine
Art Wertgutschein mit zugehörigem Verfügungsmandat über
die der Volkswirtschaft innewohnenden Leistungsreserven.
2. Das Kapital als Maß unserer wirtschaftlichen Leistungsreserven
Die letzte Feststellung soll gleich näher erläutert werden:
Wie schon eingangs festgestellt, ist das Kapital das Ergebnis einer unterbliebenen
oder hinausgezögerten Nachfrage. Jede nachlassende Nachfrage bedeutet
einen Hinweis auf redundante oder unzweckmäßig eingesetzte,
also potentiell für andere Aufgaben verfügbare Ressourcen.
Es handelt sich dabei nicht nur um brach liegende Ressourcen, sondern auch
um jene Leistungsreserven, die durch schrittweise Verschiebungen innerhalb
des Wirtschaftsgefüges, ja sogar innerhalb einzelner Betriebe, aktiviert
werden können. So gesehen, ist also das Kapital tatsächlich ein
Maß, ein monetäres Maß, für die Leistungsreserven
einer Volkswirtschaft.
Man kann den Prozeß etwa durch folgendes Blockdiagramm veranschaulichen:
Abb. 2.1: Das Kapital als „Wertgutschein“ für redundante Ressourcen
Durch die ‚falsch’ eingesetzten Ressourcen werden ‚falsche’ Produkte
und Dienstleistungen produziert und am Markt angeboten. Das kann z.B. zur
Folge haben, daß auf verschiedenen Märkten eine Sättigung
eintritt, die eine allgemeine Kaufzurückhaltung nach sich zieht, worauf
die Unternehmen erst mit einer gewissen Verzögerung reagieren und
das Angebot drosseln. Die im Verhältnis zum Angebot nachlassende
Nachfrage hat zwei Konsequenzen: Einerseits nimmt die Auslastung der Kapazitäten
in den Betrieben ab, andererseits wächst die Sparquote und damit das
am Kreditmarkt verfügbare Kapital. Unausgelastete Kapazitäten
und Kapital entsprechen sich also in einem ganz bestimmten Sinne.
Der ‚falsche’ Ressourceneinsatz kann sich natürlich auch sehr
deutlich auf bestimmte Unternehmen oder Marktsegmente beschränken.
Dann substituieren die Konsumenten die ‚falschen’ Produkte dieser Unternehmen
durch Produkte anderer Anbieter, was u.U. zu Gewinnen bei letzteren und
Verlusten bei ersteren führt. Werden die Gewinne zurückgelegt,
so entsteht auch hier Kapital, welches im gewissen Sinne den unausgelasteten
Kapazitäten der Verlustunternehmen entspricht. Dazu mehr weiter unten.
Das Kapital ist also in beiden Fällen ein Maß für unausgelastete,
also potentiell für andere Aufgaben verfügbare Ressourcen. Der
ökonomische Sinn dieses Vorgangs besteht darin, daß die Kapitalbesitzer
nach anderen, den neuen Gegebenheiten angepaßten Einsatzmöglichkeiten
für die freien Ressourcen suchen und diese mit Hilfe des Kapitals
erschließen. Dadurch kommt es zur ökonomisch sinnvollen Rückkopplung
zwischen den veränderten Präferenzen und der entsprechenden Umdisposition
der dadurch freigesetzten Ressourcen.
Es ist aber auch möglich, daß eine Erhöhung der Sparquote
und damit eine Vermehrung des Kapitals durch eine in der Bevölkerung
allgemein verstärkte individuelle Vorsorgeneigung zustande kommt,
etwa aufgrund von zunehmenden sozialen, kulturellen und ökologischen
Spannungen oder Verfallserscheinungen und den daraus folgenden Unsicherheiten.
Das scheint gerade auf die gegenwärtige Situation in Deutschland zuzutreffen.
Auch in diesem Fall entstehen parallel zur Kapitalbildung unausgelastete
Kapazitäten und damit freiwerdende Ressourcen. Nachdem aber der Nachfrageausfall
nicht aus Unzufriedenheit mit bestimmten Produkten oder Dienstleistungen,
sondern aus einer echten Sparneigung hervorgeht, kann er nicht ohne weiteres
durch neue Produkte kompensiert werden. Hier erscheint es vielmehr volkswirtschaftlich
sinnvoll, die wegen individueller Vorsorgemaßnahmen freiwerdenden
Ressourcen – bzw. das ihnen entsprechende Kapital - ebenfalls zur Vorsorge
einzusetzen, und zwar in jenen Bereichen, in denen die erwähnten Zukunftsängste
die für die Entstehung des Kapitals ursächlichen Vorsorgemaßnahmen
in der Bevölkerung tatsächlich auslösen. Das sind vor allem
die Sparten Soziales, Familien, Kultur, Bildung, Ökologie, öffentliche
Infrastruktur, also Bereiche, in denen im wesentlichen gemeinschaftliche,
also staatliche Maßnahmen in Frage kommen und private Investitionen
nur sehr eingeschränkt möglich sind. Eine ökonomisch sinnvolle
Rückkopplung zwischen Kapitalbildung bzw. unausgelasteten Kapazitäten
einerseits und neuen wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen andererseits
scheint also hier tatsächlich hauptsächlich im Wege der verstärkten
Kreditaufnahme der öffentlichen Hände möglich zu sein –
ein neuer Aspekt des klassischen konjunkturpolitischen Instruments deficit
spending .
Die Situation kann durch folgendes Diagramm veranschaulicht werden:
Abb. 2.2: Das Kapital als gesellschaftlicher Auftrag zur Zukunftssicherung
Gemeinsam für die genannten Fälle ist ein ursächlicher
Zusammenhang zwischen veränderten wirtschaftlichen Präferenzen,
unausgelasteten Kapazitäten bzw. freiwerdenden Ressourcen und der
Kapitalbildung. Das Kapital ist gewissermaßen mit einem Wechsel zu
vergleichen, der auf den Einsatz der unausgelasteten oder ‚falsch’ ausgelasteten
Kapazitäten, also der Leistungsreserven der Gemeinschaft ausgestellt
ist. Es liegt in der Natur der Sache, daß dieser ‚Wechsel’ ein kurzfristiges
Verfallsdatum hat, denn er muß ja eingelöst werden, während
die entsprechenden Ressourcen tatsächlich noch zur Verfügung
stehen. - Kapital darf eben nicht gehortet werden, sondern muß, wie
das übrige Geld, im Umlauf bleiben.
3. Das Kapital als „Mandat“ für den Einsatz volkswirtschaftlicher
Ressourcen
Diese Gedanken sollen weiter unten noch etwas ergänzt werden, aber
im Grunde reichen sie schon jetzt zur Begründung der folgenden entscheidenden
politischen Schlußfolgerungen:
Wenn, wie oben beschrieben, das Kapital ein monetäres Maß
für die Leistungsreserven der Volkswirtschaft und gleichzeitig eine
Art Vollmacht zur mehr oder weniger freien Disposition und Verwendung
dieser Ressourcen darstellt, so kann es sich bei dessen Besitz auf keinen
Fall um ein uneingeschränktes Eigentumsrecht, sondern lediglich um
ein vorübergehendes Mandat handeln, welches jederzeit eingeschränkt
oder entzogen werden kann. Denn sonst wären die Kapitalbesitzer praktisch
die Eigentümer der Wirtschaftskraft eines Landes und eines Volkes
und damit, genau genommen, auch die Eigentümer dieses Landes
und dieses Volkes selbst. Das wäre aber unter keinen Umständen
akzeptabel, selbst dann nicht, wenn alle Kapitalbesitzer aus der Mitte
des Volkes kämen und sich dessen Gemeinschaft absolut verpflichtet
fühlten, geschweige denn, wenn sie, was eher der Realität entspricht,
einem volks- und landesfremden, globalen Netzwerk, wie der internationalen
Hochfinanz, angehören, für welches die Länder und Völker
gar keine Werte an sich darstellen, sondern lediglich markt- und konjunkturabhängige
Posten in der Finanzbuchhaltung.
Das ist in der Tat eine wichtige Erkenntnis. Um sie mitsamt ihrer kapitaltheoretischen
Begründung festzuhalten, erscheint ein kurzes Zwischenresümee
des bisher Gesagten angebracht:
a) Das Geldkapital repräsentiert die Leistungsreserven und Entwicklungsmöglichkeiten
der Volkswirtschaft und erhält nur dadurch seinen tatsächlichen
Wert und seine Berechtigung.
b) Deswegen kann dieses Kapital niemals legitimes Privateigentum werden.
Es stellt vielmehr einen gesellschaftlichen Auftrag, eine Art Mandat der
Wirtschaftsteilnehmer – Konsumenten wie Produzenten - an die Kapitalbesitzer
dar.
c) Letztere haben dieses Mandat wahrzunehmen, indem sie die Kompetenz
ausüben, die ihnen das Kapital verleiht, nämlich die Kompetenz
der Zuordnung von volkswirtschaftlichen Ressourcen zu volkswirtschaftlichen
Aufgaben.
d) Die beherzte und sachkundige Ausübung dieser Kompetenz zum
Wohle der Volkswirtschaft und der ihr zugrunde liegenden Gesellschaft ist
nicht nur und nicht in erster Linie das Recht, sondern vor allem die Pflicht
der Kapitalbesitzer.
e) Der Staat muß als politisches Organ des Volkes, also auch
aller Wirtschaftsteilnehmer, die Richtlinien und Rahmenbestimmungen hierfür
verbindlich festlegen. Angesichts der heutigen Machtvollkommenheit
und sozialen Bindungslosigkeit international agierender Kapitalbesitzer
mögen diese Postulate geradezu revolutionär klingen. Und sie
sind es wohl auch tatsächlich, zumindest im Hinblick auf die realen
Machtverhältnisse, nicht jedoch mit Blick auf jenes – heute leider
meist vergessene – deutsche ökonomische Denken, das einst dieses Land
zu einer der leistungsfähigsten Volkswirtschaften der Welt machte!
Diese „deutsche Nationalökonomie“ oder „preußische Volkswirtschaftslehre“
stellt der deutsche Nationalökonom Volker Biek als fundamentales Gegenmodell
zur heutigen Ideologie des Geldes, zu der durch Imperialismus, Welthandel
und monetaristische Geldtheorie geprägten ‚Economics’ heraus. „Deutsche
Nationalökonomie oder Economics“ lautet dementsprechend die grundlegende
Alternative in seinem umfangreichen politisch-ökonomischen Werk „Der
deutsche Weg“ .
Ein paar Ausschnitte aus diesem wichtigen Werk sollen hier zitiert
werden, und zwar als Hinweis auf die Tatsache, daß das in diesem
Artikel vertretene Kapitalverständnis nicht etwa ein Hirngespinst
des Verfassers ist, sondern vielmehr – dem Sinne nach – eine wesentliche
Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands im neunzehnten
Jahrhundert war:
„Aus der Mobilisierung der produktiven Kräfte eines Volkes
zusammen mit dem dynamischen Entwicklungsstaat entstehen neue, institutionelle
Leistungsstrukturen. Das ist dann die Ökonomie des Schwaben Friedrich
List (1789-1846). Heute würde man sagen: zielgerichtete, vernetzte,
dynamische Strukturen und Wirkungsketten, wobei die ‚wahre Quelle des Reichtums’
nicht die Quantitätstheorie des Geldes von Sir Joshua Child – bis
heute mit Milton Friedman – ist, sondern die strukturierte, vernetzte,
richtige und optimale Transformation von Geld in Produktivkapital. - -
-.“
„Damals [im deutschen Kaiserreich] entstand der spezifisch deutsche
Bankhaustyp: die Geldsammel-Universalbank als fester Kapital-Finanzierungspartner
für die neuen Wachstumsindustrien (Bergbau, Eisen- und Stahlwerke,
chemische Industrie, Metallverarbeitung, Maschinenbau) eines kapitalarmen
Entwicklungslandes. Gemeinsam war allen diesen Industriezweigen der hohe
Kapitalbedarf mit entsprechend langen Vorfinanzierungszeiten, ehe die erste
Mark als Gewinn und Zins in die Firmenkasse zurückfloß. Jetzt
ging es nicht mehr um schnellen Zinsgeldumschlag, sondern um erheblich
langsameren industriellen Kapitalumschlag. Die Banken mußten deshalb
dazu übergehen, jeden kleineren und größeren Geldbetrag
über Bankaktien und eigene Schuldverschreibungen einzusammeln – Geld,
das sie dann an ihre Kunden aus den neuen Industrien weitergaben. Für
die vielen kapitalhungrigen Entrepreneure mit den unbekannten und oft sehr
viel später bekannten Namen bürgten sie der Öffentlichkeit
gegenüber mit ihrem eigenen bekannten Namen über den internen
Risikoausgleich ihrer Bank. Noch bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts
hinein, also über 150 Jahre lang, sah so das Finanzierungssystem der
deutschen Industrie aus. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich das grundlegend
geändert, nicht zuletzt dahingehend, daß Deutschland inzwischen
nur noch Provinz des Super-Globalfinanzkapitals ist - - -.“
Zur „innovativen Kapitalversorgung“: „Dafür haben wir im deutschen
Kaiserreich schon ein mit Erfolg praktiziertes Vorbild. Hier wäre
an spezialisierte Unternehmer-Risikobanken zu denken, die etwa um die Jahrhundertwende
als Töchter der bestehenden Großbanken ins Leben gerufen und
mit jungen Leuten besetzt wurden: Branchenunternehmerbanken für Neugründungen
und Expansion und begleitende, aktive Universal-Finanzierungen, wie damals
die ‚Elektrobank’, die ‚Chemiebank’, die ‚Metallbank’ und viele andere.
- - - Der Autor denkt an Spezial-Unternehmerbanken, die auf ihre Kreditnehmer
zukommen, diese aktiv suchen, mitaufbauen, stützen, aktiv begleiten
und sichern - - -.“
Was Biek hier im Sinn hat und wofür er auch historische Vorbilder
nennt, ist ein Kapital, dessen Vertreter ihr gesellschaftliches, volkswirtschaftliches
„Mandat“ tatsächlich ernst nehmen und ihre Möglichkeiten aktiv
wahrnehmen, die – vom Geldkapital repräsentierten – real existierenden
und potentiell verfügbaren wirtschaftlichen Ressourcen dort hinzubringen
und zur Arbeit zu bringen, wo sie den größten volkswirtschaftlichen
Nutzen versprechen. Das kann aber nur in Verantwortung für die eigene
Gesellschaft und das eigene Volk geschehen, setzt also die soziale und
kulturelle Bindung des Kapitals voraus. Denn wirtschaftliche Entscheidungen
ohne Berücksichtigung des soziokulturellen Umfeldes sind wie Saatgutentscheidungen
ohne Kenntnis der Bodenbeschaffenheit oder Bauentscheidungen ohne Rücksicht
auf den Untergrund. Sie müßten zwangsläufig auf die Dauer
sowohl das Volk (den Boden, den Untergrund) als auch die Volkswirtschaft
(die Aussaat, das Haus) belasten und letztlich zerstören oder ruinieren.
4. Ein neues Kapitalverständnis als geistige Waffe im Kampf
gegen Fremdsteuerung
Diese Feststellungen sind deswegen so wichtig, weil sie die Aufmerksamkeit
auf die entscheidende politisch-ökonomische Frage unserer Zeit lenken,
nämlich die Frage, ob soziokulturelle Gemeinschaften und ihre politischen
Verbände und Zusammenschlüsse, also Völker und Staaten,
das Recht auf wirtschaftliche und damit kulturelle und politische Selbstbestimmung
haben, oder ob dieses Recht einer globalen Ordnung unter Führung eines
mit allen Privilegien und Sonderrechten ausgestatteten, von keinen demokratischen
Vorgaben und Kontrollen eingeschränkten, international operierenden
Finanzkapitals geopfert werden darf. Im Augenblick neigt sich die Entwicklung
eindeutig der zweiten Variante zu, unterstützt und forciert von der
geballten Macht der internationalen Hochfinanz, einschließlich der
von ihr kontrollierten Medien und politischen Erfüllungsorgane.
Trotz regelmäßiger, sich erkennbar häufender Systemkrisen
dieser kapitalistischen Connection könnte eine echte Trendwende nur
herbeigeführt werden, wenn sich auf breiter Basis ein neues Verständnis
von Wesen und Aufgabe des Kapitals durchsetzen würde, und zwar auf
der Grundlage eines neuen Bewußtseins für dessen weitgehende
Identität mit der Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft
der Menschen in einer auf Zusammengehörigkeit und Solidarität
basierenden Gesellschaft. Es kommt auf die Erkenntnis an, daß das
Kapital eben nichts anderes ist als eine modellhafte Repräsentation
der wirtschaftlichen Leistungspotentiale der Menschen in dieser Gesellschaft,
die Summe Deiner, meiner und vieler anderer Leistungsfähigkeit - unseres
Könnens und Wissens, unserer Erfahrungen, unseres Fleißes und
unserer Intelligenz – und zwar niedergeschrieben auf einem Stück Papier
oder im Computer als Guthaben gespeichert. Dieses Stück Papier, dieses
elektronisch gespeicherte Guthaben ist in Wirklichkeit nichts anderes als
ein auf Vertrauen basierendes Mandat, welches den Inhaber autorisiert,
unsere Leistungen abzurufen und innerhalb demokratisch festgelegter Vorgaben
und Grenzen zu entscheiden, für welche Aufgaben sie gebündelt
eingesetzt werden sollen, damit die soziale und kulturelle Gemeinschaft
ihre solide wirtschaftliche Grundlage auf lange Sicht behält. Es begründet
aber kein Eigentumsrecht, macht weder die Millionen Leistungsträger
unserer Volkswirtschaft noch ihre Ideen, Erfindungen, Sehnsüchte oder
Zukunftsvisionen zum persönlichen Eigentum der Kapitalbesitzer.
Es wird höchste Zeit, daß sich diese Erkenntnisse durchsetzen,
denn die technisch-industrielle und kommerzielle Entwicklung, die den Globalisten
lange Zeit Recht zu geben schien, zumindest in den Augen vieler Fortschrittsgläubiger,
hat längst einen Punkt erreicht, an dem einerseits die dramatischen
Gefahren einer weltweiten, monokulturenbasierenden Megawirtschaft und der
damit einhergehenden Herrschaftsstrukturen nicht mehr zu übersehen
sind und sich andererseits immer mehr technische Möglichkeiten für
kleinräumige Mischwirtschaftsformen bieten, die im Gegensatz zum heute
noch vorherrschenden Globalismus sowohl unsere natürlichen Lebensgrundlagen
als auch unser Recht auf eine selbständige Entwicklung in Freiheit
gewährleisten könnten, und zwar ohne die weltweite Armut zu vertiefen,
ganz im Gegenteil, sie könnten langfristig stabile, selbsterhaltende
Lebensbedingungen für alle Völker dieser Erde schaffen.
5. Erste Fehlkonstruktion: das kapitalistische Gewinnprinzip
Aber zurück zu den prinzipiellen Überlegungen zur Rolle des
Kapitals. Aus den obigen Ausführungen geht indirekt hervor, daß
der Geldkreislauf aus mindestens zwei Teilkreisläufen bestehen muß,
einem Primärkreislauf, der für die eigentlichen Transaktionen
zwischen Konsumenten bzw. Arbeitnehmern und Produzenten bzw. Arbeitgebern
zuständig ist, nämlich Geld gegen Arbeitsleistung, Ware/Dienstleistung
gegen Geld, und einem Sekundärkreislauf, in dem z.B. Kapital und Investitionen
angesiedelt sind. Dort fließen noch weitere Geldströme, v.a.
umfangreiche Transferleistungen, was eine weitere Unterteilung rechtfertigen
würde. Hier soll aber der Fokus auf den Primärkreislauf gesetzt
werden. Dieser kann durch folgende stark vereinfachte Skizze dargestellt
werden:
Abb. 5.1: Primärer Geldkreislauf
Es gibt in diesem Kreislauf Zu- und Abflüsse, wie die in der Skizze
angedeuteten Transferleistungen, Kredite, Steuern, Abgaben und Sparbeträge.
Hinzu kommt der Außenhandel, aber auch der Umstand, daß die
Geldmenge jedes Jahr um einige Prozente wächst (z.Z. ungefähr
7 Prozent). Würde man alle diese zusätzlichen Geldströme
berücksichtigen, würde die obige Skizze schnell ziemlich kompliziert
und unübersichtlich werden. Das müssen wir uns aber nicht antun,
denn auf die sehr grundlegende Frage, die jetzt behandelt werden soll,
haben sie keinen entscheidenden Einfluß, zumindest nicht in der weiteren
Perspektive.
Die Frage lautet: Wie können Unternehmen im dargestellten Kreislauf
Gewinne machen, woher kommen diese und wozu werden sie verwendet?
Die Frage ist nicht so abwegig, wie sie vielleicht klingen mag. Denn
die Kaufkraft, die die Produzenten abschöpfen können, kann auf
die Dauer nicht größer sein als jene, die sie selbst durch
die Entlohnung ihrer Mitarbeiter erzeugen. Wenn ein Unternehmen seine Produkte
exportiert, schöpft es zwar sozusagen fremde Kaufkraft ab, aber dafür
wird durch entsprechende Importe in der gleichen Größenordnung
auch inländische Kaufkraft abgeschöpft. Exportüberschüsse,
die dieses Gleichgewicht völlig aus dem Ruder werfen würden,
könnten erstens aus handelspolitischen Gründen kein Dauerzustand
sein und wären zweitens nur für die einzelnen Exporteure gut,
für die gesamte Volkswirtschaft aber ein reines Verlustgeschäft......
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