Lieber Herr Mahler,

die von Ihnen zitierten Hegelschen Texte sind für ein völkisches Denken durchaus relevant. Deswegen habe ich mir darüber ein paar Gedanken gemacht, die ich Ihnen hiermit mitteile.

Zu dem Rest Ihres Briefes werde ich noch Stellung nehmen.

Es folgen die Hegelzitate in Fettschrift und meine Kommentare in normaler Schrift.

In dem Staat ist der Geist nicht nur Gegenstand als göttlicher, nicht nur zur schönen Körperlichkeit subjektivausgebildet, sondern es ist lebendiger allgemeiner Geist, der zugleich der selbstbewußte Geist der einzelnen Individuen ist.

Das ist der Gemeinschaftssinn in der Sippengemeinschaft, der eine angeborene Disposition des Menschen ist und deswegen eine Affinität zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung aufweist. Die durch ihn in den jeweiligen biologischen Entwicklungsstufen abgelaufene kulturelle Evolution ist im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Menschen parallel zur Evolution unseres Großhirns verlaufen, wobei zwischen den beiden Entwicklungen eine wechselseitige Abhängigkeit besteht, so daß die Sippengemeinschaft ein Produkt des Menschlichsten bei uns, nämlich unseres Großhirns, und das Großhirn ein Produkt der Sippengemeinschaft ist. Das ist die Grundlage unserer auf die Sippengemeinschaft ausgerichteten sozialen Eigenschaften, wie Urvertrauen, Identifikationsfähigkeit, Fürsorglichkeit, „Nächstenliebe“, Altruismus u.s.w.  Deswegen kommen diese Eigenschaften in der Sippengemeinschaft am ehesten spontan zum Tragen, d.h. ohne Zwang, ohne Abstraktion. Siehe: Konrad Lorenz, „Rückseite des Spiegels“. 

Nur die demokratische Verfassung war für diesen Geist und für diesen Staat geeignet. Wir haben den Despotismus im Orient in glänzender Ausbildung als eine dem Morgenland entsprechende Gestaltung gesehen; nicht minder ist die demokratische Form in Griechenland die welthistorische Bestimmung. In Griechenland ist nämlich die Freiheit des Individuums vorhanden, aber sie ist noch nicht zu der Abstraktion gekommen, daß das Subjekt schlechthin vom Substantiellen, dem Staate als solchem, abhängt, sondern in ihr ist der individuelle Wille in seiner ganzen Lebendigkeit frei und nach seiner Besonderheit die Betätigung des Substantiellen. 

Menschliche Gemeinschaften streben nach Expansion, weil diese i.d.R. ein Überlebensvorteil bot und deswegen ebenfalls in unseren Genen programmiert ist. Die Expansion geht einher mit einer schrittweisen Substituierung der unmittelbar erlebbaren Merkmale der Sippengemeinschaft durch Abstraktion und institutionalisierte Macht. Mit Hilfe der Tradierungs- und Abstraktionsfähigkeit des menschlichen Großhirns erfolgt eine Art Projektion des grundlegenden Gemeinschaftsmodells auf Stämme, Völker, Staaten. Dabei geht die spontane Identifikationsfähigkeit mit der Gesamtgemeinschaft zunehmend verloren und muß ersetzt werden durch Identifikation mittels Traditionen, Riten, Bräuche, Symbole, Metaphern verschiedenster Art, Wertesysteme, kodifizierte Rechtssysteme u.s.w. Mit anderen Worten: Der Prozeß ist mit dem Verlust der spontanen, „freiwilligen“ Identifikation des einzelnen mit der Gesamtgemeinschaft, mit dem „Staat“ verbunden. Diese natürliche Identifikation muß bei fortschreitender Expansion und Hierarchisierung immer mehr durch eine durch Erziehung, Einordnung, Bildung, aber auch Unterordnung und Zwang herbeigeführte Identifikation ersetzt werden, wobei allerdings immer noch die natürliche, sippenhafte soziale Prädisposition des Menschen die Grundlage für die so entwickelten Verhaltensweisen bildet. „Der Orient“ war die Wiege der Massenkulturen, während Griechenland den sippenhaften und stammesmäßigen Lebensformen näher stand. Deswegen war in Griechenland, das sich anschickte, eine Hochkultur zu entwickeln, die  - „welthistorisch bestimmende“ - demokratische Form, die Freiheit des Individuums bei gleichzeitigem „Staatsbewußtsein“ vorhanden, „aber . . noch nicht zu der Abstraktion gekommen, daß das Subjekt schlechthin vom Substantiellen, dem Staate als solchem“, abhing, „sondern in ihr . . der individuelle Wille in seiner ganzen Lebendigkeit frei und nach seiner Besonderheit die Betätigung des Substantiellen“, d.h. Individuum und Gemeinschaft ergänzten sich zu einem harmonsichen Ganzen.

In Rom werden wir dagegen die schroffe Herrschaft über die Individuen sehen . .

Mit der Expansion der antiken Welt und dem Verlust der unmittelbaren und allmählich auch der mittelbaren Sippenhaftigkeit und Volklichkeit gingen zuerst die Voraussetzungen für die urwüchsige, lebendige Demokratie und dann auch für die größere, abstrakte, aber immer noch funktionierende Volks- und Kulturgemeinschaft verloren. Hätte es in Rom völkische Politiker gegeben, bzw. hätten sich jene durchgesetzt, die die Grenzen der Expansion von Sippengemeinschaft über Volk und Staat zur Weltmacht, „Weltkultur“ und zum pax romanum, d.h. zum globalistischen Herrschaftsanspruch, rechtzeitig erkannt hätten, so wäre es vielleicht nicht so schnell so gekommen. Dies sei ganz wertfrei festgestellt, denn im Grunde ist die genannte Entwicklung Beispiel einer negativen Rückkopplung des historischen Prozesses, die Sinn macht, weil sie Entwicklungsschübe fördert, ähnlich wie die Katastrophen in der Erdgeschichte erruptive Entwicklungsschübe des biologischen Lebens gefördert haben, z.B. die Entwicklung der Säuger nach dem Untergang der Reptitlien. In der kulturellen Evolution macht diese Art von Entwicklungsschüben aber nur Sinn, solange wie der Mensch die Erde und sich selbst noch nicht bis zur äußersten Grenze exploitiert hat. Heute ist nach übereinstimmender Meinung der Mehrheit der Human- und Naturwissenschaftler diese Grenze erreicht. Die politische Folgerung daraus, die sich allerdings erst durchsetzen muß, ist die Erkenntnis, daß der völkische Gedanke gewissermaßen auf der Tagesordnung der Geschichte steht.

Das Hauptmoment der Demokratie ist sittliche Gesinnung. »Die Tugend ist die Grundlage der Demokratie«, sagt Montesquieu; dieser Ausspruch ist ebenso wichtig als wahr in Bezug auf die Vorstellung, welche man sich gewöhnlich von der Demokratie macht. Dem Individuum ist hier das Substantielle des Rechts, die Staatsangelegenheit, das allgemeine Interesse das Wesentliche; aber es ist dies als Sitte, in der Weise des objektiven Wollens, so daß die Moralität im eigentlichen Sinne, die Innerlichkeit der Überzeugung und Absicht noch nicht vorhanden ist. Das Gesetz ist da, seinem Inhalte nach als Gesetz der Freiheit und vernünftig, und es gilt, weil es Gesetz ist, nach seiner Unmittelbarkeit. Wie in der Schönheit noch das Naturelement, im Sinnlichen derselben, vorhanden ist, so auch sind in dieser Sittlichkeit die Gesetze in der Weise der Naturnotwendigkeit. Die Griechen bleiben in der Mitte der Schönheit und erreichen noch nicht den höheren Punkt der Wahrheit. Indem Sitte und Gewohnheit die Form ist, in welcher das Rechte gewollt und getan wird, so ist sie das Feste und hat den Feind der Unmittelbarkeit, die Reflexion und Subjektivität des Willens, noch nicht in sich. Es kann daher das Interesse des Gemeinwesens in den Willen und Beschluß der Bürger gelegt bleiben -und dies muß die Grundlage der griechischen Verfassung sein -, denn es ist noch kein Prinzip vorhanden, welches der wollenden Sittlichkeit entgegenstreben und sie in ihrer Verwirklichung hindern könnte. Die demokratische Verfassung ist hier die einzig mögliche: die Bürger sind sich des Partikulären, hiermit auch des Bösen, noch nicht bewußt; der objektive Wille ist ungebrochen in ihnen. Athene, die Göttin, ist Athen selbst, d. h. der wirkliche und konkrete Geist der Bürger. Der Gott hört nur auf, in ihnen zu sein, wenn der Wille in sich, in sein Adyton des Wissens und Gewissens zurückgegangen ist und die unendliche Trennung des Subjektiven und Objektiven gesetzt hat. Dies ist die wahrhafte Stellung der demokratischen Verfassung: ihre Berechtigung und absolute Notwendigkeit beruht auf dieser noch immanenten objektiven Sittlichkeit. 

Die Blume erscheint der Biene schön, weil sie ihr Nektar spendet, und das Naturelement des Schönheitsempfindens der Biene einen Überlebensvorteil bringt. Deswegen, und nur deswegen ist dieses Naturelement durch die Evolution entstanden. Das Süße erscheint uns schön, d.h. wohlschmeckend, weil Zucker als unmittelbarer Energiespender überlebensvorteile bringt.  Deswegen hat sich das Naturelement der „süßen Schönheit“ evolutiv entwickelt. Die Frau erscheint dem Mann schön, wenn sie Gesundheit ausstrahlt und ihm deswegen einen Fortpflanzungsvorteil verspricht. Deswegen ist das Naturelement der Schönheitsempfindung des Mannes in bezug auf die Frau ebenfalls aus der biologischen Evolution hervorgegangen. Dem Individuum in der Sippen- oder stammesnahen menschlichen Gesellschaft ist „das Substantielle des Rechts, die Staatsangelegenheit, das allgemeine Interesse das Wesentliche“, und zwar „als Sitte, in der Weise des objektiven Wollens“, des spontanen Verhaltens. Das kommt, in Analogie zu den anderen Beisspielen, daher, daß ein solches Verhalten Überlebensvorteile bringt und deswegen Teil der menschlichen Natur wurde. Der urwüchsige Menschenhaufen ist demokratisch, die Pavianherde nicht. Das ist der Entwicklungssprung vom Primaten zum Überprimaten, also zum Menschen. Die von der biologischen Entwicklung in uns gezüchtete Tugend des menschlichen Sozialverhaltens war für diesen Entwicklungssprung notwendig. Deswegen ist die „Tugend . . die Grundlage der Demokratie“.

In den modernen Vorstellungen von der Demokratie liegt diese Berechtigung nicht: die Interessen der Gemeine, die öffentlichen Angelegenheiten sollen von dem Volke beratschlagt und beschlossen werden; die Einzelnen sollen ratschlagen, ihre Meinung vortragen, ihre Stimme abgeben, und zwar darum, weil das Staatsinteresse und die öffentlichen Angelegenheiten die ihrigen seien. Alles dies ist ganz richtig, aber der wesentliche Umstand und Unterschied liegt darin, wer diese Einzelnen sind. Absolute Berechtigung haben sie nur, insofern ihr Wille noch der objektive Wille ist, nicht dieses oder jenes will, nicht bloß guter Wille ist. Denn der gute Wille ist etwas Partikuläres, ruht auf der Moralität der Individuen, auf ihrer Überzeugung und Innerlichkeit. Gerade die subjektive Freiheit, welche das Prinzip und die eigentümliche Gestalt der Freiheit in unserer Welt, welche die absolute Grundlage unseres Staats und unseres religiösen Lebens ausmacht, konnte für Griechenland als das Verderben auftreten. Die Innerlichkeit lag dem griechischen Geiste nahe, er mußte bald dazu kommen; aber sie stürzte seine Welt ins Verderben, denn die Verfassung war nicht auf diese Seite berechnet und kannte diese Bestimmung nicht, weil sie nicht in ihr vorhanden war. Von den Griechen in der ersten und wahrhaften Gestalt ihrer Freiheit können wir behaupten, daß sie kein Gewissen hatten; bei ihnen herrschte die Gewohnheit, für das Vaterland zu leben, ohne weitere Reflexion. Die Abstraktion eines Staates, der für unseren Verstand das Wesentliche ist, kannten sie nicht, sondern ihnen war der Zweck das lebendige Vaterland: dieses Athen, dieses Sparta, diese Tempel, diese Altäre, diese Weise des Zusammenlebens, dieser Kreis von Mitbürgern, diese Sitten und Gewohnheiten. Dem Griechen war das Vaterland eine Notwendigkeit, ohne die er nicht leben konnte. Die Sophisten, die Lehrer der Weisheit, waren es erst, welche die subjektive Reflexion und die neue Lehre aufbrachten, die Lehre, daß jeder nach seiner eigenen Überzeugung handeln müsse. Sobald die Reflexion eintritt, so hat jeder seine eigene Meinung, man untersucht, ob das Recht nicht verbessert werden könne, man findet, anstatt sich ans Bestehende zu halten, die Überzeugung in sich, und so beginnt eine subjektive unabhängige Freiheit, wo das Individuum imstande ist, selbst gegen die bestehende Verfassung alles an sein Gewissen zu setzen. Jeder hat seine Prinzipien, und wie er dafürhält, so ist er auch überzeugt, daß dies das Beste sei und in die Wirklichkeit eingebildet werden müsse. Von diesem Verfalle schon spricht Thukydides, wenn er sagt, daß jeder meine, es gehe schlecht zu, wenn er nicht dabei sei. Diesem Umstande, daß jeder sich ein Urteil zumutet, ist das Vertrauen in große Individuen zuwider. Wenn die Athener in früheren Zeiten dem Solon, ihnen Gesetze zu geben, auftragen, wenn Lykurg in Sparta als Gesetzgeber und Ordner erscheint, so liegt darin nicht, daß das Volk meint, das Rechte am besten zu wissen. Auch später waren es große plastische .Gestalten, in die das Volk sein Zutrauen setzte: Kleisthenes, der die Verfassung noch demokratischer machte, Miltiades, Themistokles, Aristides, Kimon, die in den medischenKriegen an der Spitze der Athener stehen, und Perikles, der große Glanzpunkt von Athen; aber sobald einer dieser großen Männer vollbracht hatte, was not tat, trat der Neid, d. h. das Gefühl der Gleichheit in Ansehung des besonderen Talents ein, und er wurde entweder ins Gefangnis geworfen oder verbannt. Endlich sind dann die Sykophanten im Volke aufgestanden, die alles Große von Individualität und die Personen, die an der Spitze der Verwaltung standen, verunglimpften. ( Hegel ,Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, W 12,306 ff.)

Die moderne Demokratie – das ist die Demokratie in der Massengesellschaft - hat die Berechtigung des urwüchsig Spontanen nicht, sagt Hegel. An dessen Stelle ist der gute Wille als etwas Partikuläres, etwas auf der Moralität der Individuen, auf ihrer Überzeugung und Innerlichkeit Beruhendem getreten. Das Beratschlagen und Beschließen der öffentlichen Angelegenheiten, Vortragen von Meinungen, Abstimmen etc., weil das Staatsinteresse und die öffentlichen Angelegenheiten Sache der einzelnen sind, sei zwar gut, aber nur wenn diese einzelnen auch in der weiterentwickelten Gesellschaftsform den objektiven, urwüchsigen, spontanen Willen zur Gemeinschaft noch besitzen, der ein Merkmal der urwüchsigen Sippengemeinschaft und ihr nahestehender Gesellschaftsformen ist. Das kann auf zweierlei Art verstanden werden: Entweder sollen Eliten regieren, die diesen Willen noch besitzen, oder das der Gesellschaft zugrundeliegende politische Modell muß gewährleisten, daß die Abbildung der Sippen- und Stammesgesellschaft auf die Massengesellschaft – denn um eine solche Abbildung handelt es sich grundsätzlich bei der kulturellen Expansion – eine möglichst Vollkommene ist. Letzteres ist nur durch eine reflektierende Form der Urwüchsigkeit möglich, eine Art bewußte Wiederherstellung des Unbewußten. Das ist die Grundlage des modernen, auf der Humanethologie basierenden völkischen Gedanken, dessen Ziel die Volksgemeinschaft ist. Theoretisch kann dieses Modell natürlich mit einer Herrschaft von Eliten verbunden werden. Diese müßten dann immer größer werden, je vollkommener das Modell der Volksgemeinschaft verwirklicht wird. Das wäre die ideale Entwicklung zur vollkommenen Demokratie. Aber exklusive Machteliten tendieren, dem grundlegenden Sippenhaften menschlichen Verhalten entsprechend, zur Subkulturbildung und zur Herausbildung von abgeschotteten Klassen. Dadurch wirken sie der Entwicklung zur Volksgemeinschaft prinzipiell entgegen. Soll die Massengesellschaft ihre Lebensfähigkeit, also ihren Volkscharakter trotzdem behalten, so würde dies regelmäßige Revolutionen der sich emanzipierenden Beherrschten erfordern. Daraus gingen wieder neue Klassen hervor u.s.w. Die Alternative ist ein regional/landsmannschaftlich, berufsständisch u.s.w. durchwachsenes, aber dennoch harmonisch ganzheitliches Volkstum, in dem möglichst viele Menschen an der Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse in ihrem eigenen jeweiligen Lebensbereich aktiv teilnehmen, und zwar möglichst aufgrund des von Hegel angesprochenen urwüchsigen, objektiven Gemeinschaftswillens. Das ist der eigentliche Sinn der Demokratie. Die allgemeinen freien Wahlen sind sozusagen nur der Restposten, um zu verhindern, daß die übrigen von dem gesellschaftlichen Gestaltungsprozeß völlig abgekoppelt werden. Die Entwicklung zur Volksgemeinschaft ist dabei identisch mit jenem Demokratisierungsprozeß, durch welchen die Gruppe derer, die nur durch periodische Stimmzettelabgabe beteiligt sind, immer kleiner wird.

Die Unmöglichkeit der "modernen Demokratie" ist von Hegel dort wie folgt dargelegt:

In solchen Städten (wie im antiken Athen) nur kann das Interesse im ganzen gleich sein, wogegen in großen Reichen verschiedene Interessen, die sich widerstreiten, zu finden sind. Das Zusammenleben in einer Stadt, der Umstand, daB man sich täglich sieht, machen eine gemeinsame Bildung und eine lebendige Demokratie möglich. In der Demokratie ist die Hauptsache, daß der Charakter des Bürgers plastisch, aus einem Stück sei. Er muß bei der Hauptverhandlung gegenwärtig sein; er muß an der Entscheidung als solcher teilnehmen, nicht durch die einzelne Stimme bloß, sondern im Drang des Bewegens und Bewegtwerdens, indem die Leidenschaft und das Interesse des ganzen Mannes dareingelegt und auch im Vorgang die Wärme der ganzen Entscheidung gegenwärtig ist. Die Einsicht, zu der sich alle bekehren sollen, muß durch Erwärmung der Individuen vermittels der Rede hervorgebracht werden. Geschähe diese durch die Schrift auf abstrakte, unlebendige Weise, so würden die Individuen nicht zur Wärme der Allgemeinheit angefeuert, und je größer die Menge wäre, desto weniger würde die Einzelheit der Stimme Gewicht haben. Man kann in einem großen Reiche wohl herumfragen, Stimmen sammeln lassen in allen Gemeinden und die Resultate zählen, wie das durch den französischen Konvent geschehen ist; dies ist aber ein totes Wesen, und die Welt ist da schon in eine Papierwelt auseinandergegangen und abgeschieden. In der Französischen Revolution ist deshalb niemals die republikanische Verfassung als eine Demokratie zustande gekommen, und die Tyrannei, der Despotismus erhob unter der Maske der Freiheit und Gleichheit seine Stimme.

Dies ist im Ergebnis ein philosophisches Plädoyer für die gewachsene und durch soziale Intelligenz weiterentwickelte Volksgemeinschaft, in welcher möglichst viele Menschen an Entscheidungen auf ihrer jeweiligen Ebene beteiligt sind, und zwar „im Drang des Bewegens und Bewegtwerdens, indem die Leidenschaft und das Interesse des ganzen Mannes dareingelegt“. Mit diesem Maßstab gemessen ist die Kririk an den Wahlen gerechtfertigt, aber nicht etwa um diese abzuschaffen, sondern um ihre Rolle im Verhältnis zu anderen Formen der politischen Beteiligung anzusprechen.

Feldkirchen-Westerham, den 07.12.2000
Mit kameradschaftlichen Grüßen
Per Lennart Aae

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