Konrad Lorenz (1903 - 1989)

Am 7. November 2003 wäre der herausragende Gelehrte aus Altenberg bei Wien 100 Jahre alt geworden. 

Die geistesgeschichtlichen und naturgeographischen Wurzeln von Konrad Lorenz, der sich selbst als "sehr lokalpatriotisch in Punkto Wiener Wissenschaften" bezeichnete, liegen im Raum der alten k.u.k Donaumonarchie. In den Auen und Altwassern dieses geschichtsträchtigen europäischen Stromes erkundete er sich bereits als Kind den Zugang zu der faszinierenden Welt des Lebendigen, der Biologie, indem er mit Fangnetz und Einweckglas bewaffnet dort "tümpelte", wie er das zu nennen pflegte. 

Der Vater, Adolf Lorenz, ein bedeutender Mediziner, gilt als Begründer der modernen Orthopädie. Als solcher verdiente er sich ein beträchtliches Vermögen, vor allem in den USA, mit dem er sich 1889 eine Villa in Altenburg an der Donau baute. Diese wurde später auch das Domizil des Sohnes Konrad und seiner Frau Margarethe (ebenfalls Medizinerin), welche schon seit frühester Kindheit ein unzertrennliches Paar waren.

Konrad Lorenz studierte in Wien zunächst Medizin, dann Zoologie, und schloß beide Studien mit einem Doktorat ab. Er interessierte sich früh für Tiere und ihr Verhalten und gilt als einer der Begründer der vergleichenden Verhaltensforschung oder Ethologie. 1940 wurde Konrad Lorenz als ordentlicher Professor für vergleichende Psychologie an die Universität Königsberg (Ostpreußen) berufen. 

Als er in russische Kriegsgefangenschaft geriet wurde sein Vater gerechtfertigt, der ihn mit dem Argument "Ein guter Arzt ist noch niemals verhungert" seinerzeit regelrecht zum Medizinstudium gezwungen hatte: . "In Rußland wäre ich vielleicht auch verhungert, wenn ich nicht Arzt gewesen wäre", erklärte Lorenz in einem im Frühjahr 1980 im Hause des Nobelpreisträgers geführten Gespräch. 

In Gefangenschaft als Lagerarzt diagnostizierte Lorenz bei erkrankten Landserkameraden eine sogenannte Feldpolyneuritis, ein Krankheitsbild, welches den Russen unbekannt gewesen war. ("Das kannten die Russen nicht; das kriegt der Ruß´ nicht, weil er zu widerstandsfähig ist - wirklich wahr!") Der Neurologe Konrad Lorenz aber wußte, "daß man nichts weiter tun braucht, als warm halten und viel C-Vitamin geben" und hat so vielen Leuten das Leben gerettet. Dadurch hatte er bei den Russen "einen Stein im Brett", was es ihm erleichtert hat, schreiben zu dürfen. So entstand in den fast vier Jahren russischer Kriegsgefangenschaft, im wesentlichen sein erkenntnistheoretisches Buch "Die Rückseite des Spiegels". Geschrieben mit hypermangansaurem Kali auf Zementsackpapier. 

Zur Wehrmacht eingezogen wurde Lorenz übrigens zunächst als Kradfahrer; dann in der Heerespsychologie eingesetzt, welche aber "in die Luft geflogen" ist, "weil Göring draufgekommen ist, daß Mölders von der Heerespsychologie als total fluguntauglich eingestuft worden war". 

Nach langer russischer Kriegsgefangenschaft kehrte er 1948 nach Österreich zurück, wo er jedoch beruflich nicht Fuß fassen konnte, so daß er ab 1951 in Westdeutschland wirkte. Von 1961 bis 1973 war er Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysio-logie in Seewiesen. 1973 wurden seine Arbeiten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Gegenüber Franz Kreuzer, dem damaligen Chefredakteur des ORF, erklärt Lorenz zur NSDAP, deren Mitgliedschaft ihm zum Vorwurf gemacht wurde: "Ich habe gehofft, daß der Nationalsozialismus etwas Gutes bringen wird, nämlich in Bezug auf die biologische Vollwertigkeit des Menschen."

Konrad Lorenz war ein äußerst begabter Theoretiker, der es auch verstand, seine Inhalte einem breiten Publikum nahezubringen; überdies war er eine der schillerndsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten, welche im 20. Jahrhundert auf dem Gebiet der Biologie tätig waren. Jedenfalls war er im letzten Jahrhundert einer jener Biologen, die weit über den Tellerrand ihrer eigenen Disziplin hinaus blickten und wirkten. Der Autor von populären Tierbüchern wie "Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen" (Lorenz 1949) war zugleich einer der Begründer der evolutionären Erkenntnistheorie, die die Strukturen menschlichen Erkennens und Denkens auf ihre evolutiven, stammesgeschichtlichen Wurzeln zurückführt, Kants a priori als a posteriori der Evolution ausweist und eine entscheidende – von vielen Philosophen freilich noch immer nicht begriffene – Wende in der Erkenntnistheorie darstellt. "Die Rückseite des Spiegels" (Lorenz 1973) ist einer der wichtigsten Beiträge zur Entwicklung dieser Theorie im 20. Jahrhundert. 

Der Verhaltensforscher, der von vielen bloß als „Vater der Graugänse“ wahrgenommen wurde und wird – in der Tat hat ihm das intensive Studium der Graugans zu elementaren Einsichten in das Verhalten der Lebewesen verholfen (es war aber eben keineswegs allein die Graugans!) – hat uns nicht zuletzt auch Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit (Lorenz 1973a) vorgerechnet und damit manchen von uns sozusagen vor den Kopf gestoßen. 

In dem sehr empfehlenswerten Buch "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" schreibt der weltberühmte Sohn des deutschen Volkes: "Es ist eine der vielen Aporien (Widersprüche), in die sich die zivilisierte Menschheit hineinmanövriert hat, daß auch hier wieder die Forderungen der Menschlichkeit gegenüber dem einzelnen mit den Interessen der Menschheit in Widerspruch stehen. Unser Mitleid mit dem asozialen Ausfallbehafteten, dessen Minderwertigkeit ebensogut durch irreversible, frühkindliche Schädigungen (Hospitalisation!) verursacht sein kann wie durch erbliche Mängel, verhindert, daß der Nicht-Ausfallbehaftete geschützt wird. Man darf nicht einmal die Worte "minderwertig" und "vollwertig", auf Menschen angewendet, gebrauchen, ohne sofort verdächtigt zu werden, man plädiere für die Gaskammer." 

1973, als Konrad Lorenz den Nobelpreis für Medizin erhielt, konnte man solche Wahrheiten also noch aussprechen. 

Lorenz hat, in der Tradition Charles Darwins tief verwurzelt, klar erkannt, daß der Mensch nicht nur in seinem Körperbau, sondern auch in seinem Verhalten die Spuren seiner „tierischen Vergangenheit“ sozusagen mit sich herumträgt. Der Verhaltensforscher setzte konsequenterweise voraus, daß tierisches und menschliches Verhalten auf die gleichen Grundprinzipien zurückzuführen sei. Während die Psychologie des Menschen lange Zeit von der „Tierpsychologie“ getrennt war – und vielen auch heute noch davon getrennt erscheint – stellte Lorenz früh kategorisch fest: „Es gibt keine Tier- und Menschenpsychologie als getrennt lebensfähige Forschungszweige, sondern nur eine Psychologie“ (Lorenz 1943) . Lorenz’ Kritiker wurden niemals müde, ihm vorzuwerfen, daß er den Menschen auf das Tier reduziere. Als ob es das Tier gäbe! Die Aufgabe der vergleichenden Verhaltensforschung besteht darin, die dem Verhalten verschiedener Organismenarten zugrunde liegenden, gemeinsamen Mechanismen herauszufinden, ohne die jeweiligen Eigenheiten im Verhalten einer Art zu übersehen. Natürlich hat Lorenz niemals die ihm von Kritikern unterstellte Dummheit begangen, im Menschen bloß eine Graugans zu sehen, sondern war stets bemüht, gerade auch den „Eigenweg“ unserer Spezies herauszustellen. Er betonte, daß das „geistige Leben“ des Menschen eine neue Art von Leben sei (Lorenz 1973). Aber wie vor ihm Darwin, Freud und andere Aufklärer hat er den Menschen nicht als Ebenbild eines Gottes gesehen, sondern als Resultat sehr verwickelter Naturprozesse, die einer kausalen Erklärung grundsätzlich zugänglich sind. Die von ihm mitbegründete Verhaltensforschung leistete mithin einen veritablen Beitrag zur Exapotheose (Entgöttlichung) des Menschen, der sich in bestimmten seiner Denktraditionen zum Halbgott erklärt hatte und seine „niedere Abkunft“ gern verleugnet. 

Humanistische Anliegen sind in Lorenz’ Werk nicht zu übersehen. Das Interessante dabei ist aber, daß er sie ausdrücklich auf die Basis der Evolution bzw. Evolutionstheorie stellt. Er kann als Vertreter eines evolutionären Humanismus gelten, wie er insbesondere von Julian Huxley (1887-1975), einem anderen bedeutenden Biologen des 20. Jahrhunderts, vorgestellt wurde. Huxley (1942) meinte, der Mensch sei „Treuhänder der Evolution“ geworden und müsse arbeiten und planen, wenn er weiteren Fortschritt für ihn selbst und das Leben auf der Erde erzielen wolle. Auch Lorenz war der Meinung, daß der Mensch gerade deshalb, weil er der Natur entspringt, Verantwortung für die Natur übernehmen müsse. Daher prangerte er die „Todsünden“ an, die der Mensch mit seiner Zivilisation an der Natur – und mithin an sich selbst – begehe, z. B. den „Wett-lauf ... mit sich selbst, der die Entwicklung der Technologie zu unserem Verderben immer rascher vorantreibt, die Menschen blind für alle wahren Werte macht und ihnen die Zeit nimmt, der wahrhaft menschlichen Tätigkeit der Reflexion zu obliegen“ (Lorenz 1973). Diese Aufforderung zur Reflexion sollten wir heute viel ernster nehmen als vor dreißig Jahren, denn der „Wettlauf des Menschen mit sich selbst“ hat in dieser kurzen Zeitspanne noch gefährlichere Dimensionen erreicht. Es scheint, daß der Mensch gegen seine eigene Evolution und seine in der Stammesgeschichte entstandenen Neigungen handelt und sich gleichsam selbst vergewaltigt. Die Gewalt, die er der ihn umgebenden Natur antut, ist inzwischen mit Händen zu greifen. 

Lorenz hat sehr gut beobachtet, wie die Zivilisation den Menschen enthemmt: Es ist nicht so einfach, einen anderen Menschen zu töten und ihm dabei ins Gesicht zu blicken; der Pilot eines Kampfflugzeugs aber, der aus großer Höhe eine Bombe über einem Dorf abwirft, die einem kleinen Kind beide Hände abreißt, sieht nicht mehr die Konsequenzen seines Handelns und ist „emotional entlastet“ ... Unsere Zivilisation ist also durchaus in der Lage, bestimmte in uns schlummernde destruktive Potentiale zu verstärken. Lorenz’ Zivilisationskritik sollte man also nach wie vor ernst nehmen.

Wie Darwin, war auch Lorenz von dem Gedanken an eine „Höherentwicklung“ der Menschheit beseelt. Er schöpfte seine Hoffnung aus Widersprüchen: Während er einerseits die drohenden Gefahren des Untergangs unserer Spezies wiederholt artikulierte, sah er andererseits die Möglichkeit einer Weiterentwicklung des Menschen zu einem „wahrhaft humanen Wesen“. Er glaubte an die natürliche Auslese, an die Vernunft und daran, daß die eine vernünftige Auslese treffen würde, um die „schönste Forderung“ des „wahren Menschentums“ zu erfüllen (Lorenz 1963). Der Mensch sei zwar „nur ein ephemäres Glied in der Kette des Lebendigen; aber es besteht Grund zu der Annahme, daß er eine Entwicklungsstufe auf dem Wege zum wahrhaft humanen Wesen ist“ (Lorenz 1983). Lorenz gehörte zu einer Generation von Biologen, die die Evolutionstheorie noch begeistert als Plattform für Spekulationen für eine – positive! – Weiterentwicklung des Menschen aufnahmen. 

Lorenz neigte allerdings dazu, den „Naturmenschen“ zu verherrlichen und erinnert an Rousseau (1712-1778). Eine konsequent zu Ende gedachte Evolutionstheorie erlaubt allerdings keine, wie auch immer gearteten, Idealvorstellungen vom Menschen, sondern macht klar, daß die Realität unserer Gattung im krassen Widerspruch zu hehren Idealen vom „wahren Menschentum“ steht. Der Mensch ist in erster Linie ein Lebewesen, das – wie alle anderen Arten auch – kurzfristig seine eigenen Überlebensinteressen verfolgt, so daß ihn die langfristige Möglichkeit seines Verfalls und Aussterbens (als Gattung) nicht wirklich interessiert. 

Ungeachtet seiner massiven Kritik an der Zivilisation glaubte er an die Möglichkeit eines moralischen Fortschritts der Menschheit. Er schrieb: „Gewiß, die Lage der Menschheit ist heute gefährlicher, als sie jemals war. Potentiell aber ist unsere Kultur durch die von ihrer Naturwissenschaft geleistete Reflexion in die Lage versetzt, dem Untergange zu entgehen, dem bisher alle Hochkulturen zum Opfer gefallen sind. Zum erstenmal in der Weltgeschichte ist das so“ (Lorenz 1973). 

Aber wer ein „echter Aufklärer“ ist, der steht auch einem einseitigen Begriff von (Natur-)Wissenschaft mit Argwohn gegenüber. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Lorenz’ Aufklärungsarbeit ist daher seine Auffassung von Wissenschaft. Er hat die Natur, das Verhalten der Lebewesen, „erschaut“, legte stets Wert auf die Intuition und wurde nicht müde zu betonen, daß er ein Amateur sei: ein Liebhaber im buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Forscher, der sich in die Objekte seiner Forschung sozusagen hineindenken kann. Seiner eigenen Natur nach war er der geborene Beobachter, allzu sorgfältig angelegte und geplante Experimente, Messen und Zählen waren ihm suspekt. Er war stets darum bemüht, Zusammenhänge zu erkennen und dachte „ganzheitlich“; analytisches Arbeiten dagegen war seine Sache nicht. Für die Tendenz in den neuzeitlichen Naturwissenschaften, alles zu quantifizieren, zu messen und zu zählen, fand er kritische Worte. Während die beobachtende und beschreibende Naturgeschichte gern belächelt wird, betonte Lorenz (1973), daß umgekehrt die Mode der experimentellen und quantitativen Behandlung von Lebewesen eine Fehlentwicklung sei, diktiert von den „technomorphen Denkgewohnheiten“, die unsere Kultur angenommen habe. 

Lorenz ging es um so etwas wie eine umfassende Diagnose der Situation der Menschheit und deren mögliche Zukunft. Auf der einen Seite sah er den drohenden Verfall unserer Gattung, auf der anderen Seite glaubte er, daß diese sich noch zu ungeahnten Höhen emporschwingen wird können. Gerade im Hinblick auf diese Widersprüche kann man auch heute noch von Lorenz viel lernen. Lorenz selbst bezeichnete sich oft und gern als einen „pathologischen Optimisten“. Ihm war die kritische Lage, in die sich unsere Spezies durch ihre Zivilisation hineinmanövriert hat, klar. Sich sehenden Auges für den Untergang zu entscheiden – das wiederum konnte und wollte er nicht! Seine mahnenden und warnenden Worte sollte man auch heute nicht überhören. Sein Engagement für die mögliche Lösung einiger der großen Probleme unserer Zeit stellt ihn jedenfalls in die Reihe jener Denker, denen – im Dienste der Aufklärung – eben nicht alles gleichgültig ist. 

Empfehlenswerte Bücher von  Konrad Lorenz :

Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen (1949) Das sogenannte Böse (1963) 
Die Rückseite des Spiegels (1973)
Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit  (1973) 
Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen (1983)
Der Abbau des Menschlichen (1983)

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