Platonische Spaltung des Hegelschen Geistes Oder: Zum Unterschied zwischen Theorie und Politik

Auch wer sich nicht sehr für Philosophie interessiert, kennt zumindest die Idee des großen griechischen Philosophen Plato, Philosophen als Staatslenker einzusetzen. Sein eigener Versuch auf politischem Parkett scheiterte kläglich, was aber seine Anhänger nicht davon abhält, immer wieder irgendwelche Gedankenkonstrukte verwirklichen zu wollen - irgenwann muß es ja klappen, meint man. Ich will hier nicht über Thomas Morus und Campanella, über Lenin und Mao und all die vielen reden, die sich einen idealen Staat ausdachten oder diesen zu verwirklichen trachteten. Die einen lassen es bei einem Gedankenspiel, die anderen versuchen, durch Blut und Terror die Wirklichkeit an ihre Ideen anzupassen. 

Nein, ich rede hier von Menschen, die sehr intensiv in das "nationale Lager" hinwirken, die sich ebenfalls erst einen Staat ausdenken, die im Glauben an Hegelsche Ideen meinen, die Wirklichkeit zu erkennen, und die damit voll in der platonischen Tradition stehen: Das Deutsche Kolleg, das sich gerade spaltet. Wir sind Zeitzeugen eines Grundgesetzes sozialer Bewegungen: Wer sich der reinen Lehre irgendeiner als Wahrheit empfundenen Idee verschrieben hat, bleibt letztendlich allein.  Arbeiten mehrere zusammen, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese sich aufspalten. Vertreter der reinen Lehre sind unduldsam ("konsequent" sagen sie selbst), sind nicht in der Lage, mal alle Fünfe gerade sein zu lassen, und sind damit politikunfähig. 

Nein, wer jetzt glaubt, hier breche Schadenfreude aus, täuscht sich. Erst recht nicht geht es um eine Generalabrechnung mit den Hegelianern im allgemeinen oder den Deutsch-Kollegiaten im besonderen. Es geht um das Verhältnis von Theorie und Praxis, von Metapolitik und Politik. 

Die großen Veränderungen der Weltgeschichte wurden von Leuten vorausgedacht, die ihre Ideen ohne jede Rücksicht auf die "Wirklichkeit" gedacht haben, die ihre Ideen für die Wirklichkeit hielten. Plato, Hegel und Marx waren und sind außerordentlich geschichtsmächtig. Man muß sich aber über zwei Dinge im Klaren sein: 

1. Ideen werden rein gedacht, aber niemals "rein" verwirklicht. 2. Die Umsetzung der Ideen erfolgt erst in späteren Generationen.

Ein Zahlenbeispiel soll hier genügen: Marxens "Kommunistisches Manifest" wurde 1848 veröffentlicht. Die erste "Realisierung" erfolgte 1917 in Rußland - 69 Jahre später. Wenn denn die Ideen des Deutschen Kollegs überhaupt jemals verwirklicht werden, dann sicher nicht schneller. Anders gesagt: Die Oberlercher, Mahler und Meenen dienten längst als Mahlzeit für Würmer und anderes Getier, wenn ihre Ideen auch nur eine Chance zur Verwirklichung haben. 

Ideen müssen rein sein. Sie sollen in sich widerspruchsfrei sein. Dies bedingt die Intoleranz der Theoretiker. In den Augen solcher Theoretiker müssen Stalin, Hitler und Mao Weichlinge sein, weil sie alle immer noch Kompromisse eingingen. Nur die Reinheit der Ideen schafft die Wirksamkeit der Ideen. Frei von allen "Beschmutzungen" der realen Politik erscheinen sie klar und erhaben. 

Das aber bedeutet: Die Vertreter der reinen Lehre können sich niemals "zusammenraufen". Immer und überall zerbrechen solche theoretischen Vereinigungen, solche metapolitischen Zirkel. Für Außenstehende erscheinen die Streit-Fragen oftmals unwesentlich, für die Beteiligten hängt die Reinheit des ganzen Gedankengebäudes daran. Was jetzt mit dem Deutschen Kolleg passiert, ist also nichts Besonderes. Es ist ein völlig normales Ereignis für derartige Zirkel. Würde man solche Zirkel in eine Partei integrieren, würde diese Partei in kürzester Zeit atomisiert werden. Das ist auch nicht das Ende der Theoriearbeit solcher Zirkel. Es gibt nach einer solchen Zellteilung eben zwei "reine Lehren". 

Politik aber ist etwas anderes als Verwirklichung von Ideen und reinen Lehren. Sie ist die Kunst des Möglichen. Das macht den guten Politiker, den überragenden Staatsmann, aus: Frei von den Denkzwängen einer Ideologie die Wirkungen des eigenen Handelns abzuschätzen und das Richtige zu tun und durchzusetzen. Nicht umsonst gilt Bismarck als der größte deutsche Politiker der letzten Jahrhunderte. Er griff die Ideen auf, die andere entwickelt hatten, setzte das durch, was ihm möglich und sinnvoll erschien, und verletzte durch den Realitätsbezug die Gefühle von Ideologen und Theoretikern aller Schattierungen. Mit der deutschen Einheit schuf Bismarck entgegen den Interessen seiner konservativen Herkunft das Deutsche Reich, mit dem Sozialgesetzen verwirklichte er früher und besser einen Staatssozialismus, als es sich die ideologischen Sozialisten hätten träumen lassen, mit dem Kirchenkampf legte er die Grundlagen des säkularen Staates. Und mit seiner vielbewunderten Außenpolitik schaffte er es, gegen die Interessen der Großmächte Deutschland mitten in Europa zu errichten und für Jahrzehnte zu erhalten. 

Politik kann die Elemente der Theorien aufgreifen - stückchenweise, so wie es gerade paßt. Das treibt den Ideologen die Zornesröte ins Gesicht - weil sie ihre "reinen Ideen" verschmutzt sehen. Aber das ist eben Politik - nicht die Verwirklichung ganzer Gedankensysteme. Gerade nach dem 20. Jahrhundert sollte dies klar sein. 

Die großen Ideen sind wichtig. Aber sie sind keine Politik. Politik braucht eine feste Grundlage, einen Stand-Punkt, und ein klares Ziel vor Augen. Wo dies fehlt, entsteht Beliebigkeit, ein Schwanken im Wind, ein Spielball feindlicher Kräfte. Aber die Starrheit vorgegebener Gedankensysteme zerbricht vor den gewaltigen Kräften der Geschichte. "Der Bambus biegt sich, aber er bricht nicht", sagt ein chinesisches Sprichwort. Es könnte die Grundlage einer gleichermaßen pragmatischen wie zielorientierten Politik sein. 

Gefährlich ist die Verwechslung von Ideen und Wirklichkeit, von Ideologie und Politik. Auch die Vermischung ist bereits schädlich. Platos Philosophenstaat scheitert - oder erzeugt einen grauenhaften Terror. 

Nationalisten tun gut daran, sich zu entscheiden, ob sie ewige Wahrheiten schaffen wollen, Ideen, die nach Jahrhunderten wirken, ob sie also Metapolitik betreiben wollen. Dann, Ihr nationalistischen Metapolitiker, Dogmatiker, Ideologen haltet Euch fern von der praktischen Politik. Haltet Eure Ideen rein, nur dann können sie wirken - in Jahrhunderten. Bedenkt aber auch, daß nur wenige berufen sind, Werke zu schaffen, die die Jahrhunderte überdauern. 

Oder Ihr wollt verändern. Jetzt und hier und morgen, jedenfalls zu Euren Lebzeiten. Dann haltet Euch fern von den Ideologen, von den Metapolitikern, von den Dogmatikern, von den Deutschen Kollegiaten und anderen Intellektuellenzirkeln. Sie schaden Euch nur. Nicht, daß man sie nicht kennen sollte. Nicht, daß die Arbeit der Zirkel wertlos wäre. Einen Vortrag von Oberlercher, Mahler oder Meenen zu hören, einen Aufsatz von ihnen zu lesen, schadet nicht. Es schadet nicht, solange man die Vorträge und die Texte dieser Leute nicht als Bibel auffaßt, sondern als eine Sicht der Dinge, zu der es auch andere Sichtweisen gibt, die gleichwertig, vielleicht bedeutender sind. Den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, auf Wahrheit, auf zu verwirklichende Ideale darf man solchen Leuten aber nicht durchgehen lassen, will man ernsthaft Politik betreiben. 

PS: Weiterverbreitung zulässig, soweit der Hinweis auf den Verfasser erhalten bleibt und der Text nicht verändert wird. -- Winfried Krauß, Frankfurt am Main 

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[27. Dezember 2003]

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